Unternehmen in Neubrandenburg
Verrentungswelle rollt an und Azubis fehlen

Vielerorts gibt es freie Ausbildungsstellen. Doch es fehlen qualifizierte Bewerber. Gleichzeitig gehen viele Menschen in Rente.
Vielerorts gibt es freie Ausbildungsstellen. Doch es fehlen qualifizierte Bewerber. Gleichzeitig gehen viele Menschen in Rente.
Christoph Schmidt

Tausende Mitarbeiter gehen in den kommenden Jahren in Rente. Schon jetzt gibt es kaum ausreichend qualifizierte Bewerber für Lehrstellen. Unternehmen müssen daher wohl kreativer werden und Abstriche machen.

Die Zeiten, in denen Unternehmen sich vor Bewerbungen kaum retten konnten, sind in Neubrandenburg und Umgebung Vergangenheit. Auch in den kommenden Jahren werden die Bewerberzahlen nicht deutlich steigen, wie die Neubrandenburger Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit in ihrer jüngst veröffentlichten Bilanz für den Ausbildungsmarkt in der Mecklenburgischen Seenplatte 2017/2018 feststellte. Firmen in der Region müssten sich daher anders aufstellen, um ihren Bedarf an Nachwuchskräften zu decken. Zumal viele verdiente Mitarbeiter in den kommenden Jahren ins Rentenalter kommen.

Schon jetzt gibt es kaum genügend qualifizierte Bewerber für eine duale Ausbildung. Zwar zeichnete sich im zu Ende gegangenen Ausbildungsjahr ein Lichtstreif am Horizont ab. Die Zahl der Bewerber stieg und es gab weniger unbesetzte Lehrstellen, sowohl in der Stadt Neubrandenburg als auch im Landkreis. Doch langfristig wird dieser Trend zur Ausbildung wohl kaum halten.

402 Bewerber auf 670 offene Stellen in Neubrandenburg

Dabei ist die Lage am Lehrstellenmarkt von Ort zu Ort unterschiedlich. In Neubrandenburg klaffte 2017/18 eine deutliche Lücke zwischen Angebot und Nachfrage: Auf 670 offene Stellen kamen lediglich 402 Bewerber. Das Verhältnis von offenen Jobs je Aspirant auf eine Lehrstelle lag damit bei 1,7. In Altentreptow sah es da ganz anders aus. Hier suchten im abgelaufenen Ausbildungsjahr 102 junge Menschen einen Ausbildungsplatz. Davon waren beim Arbeitsamt aber nur 59 gemeldet. Damit lag das Verhältnis von gemeldeten Stellen je Bewerber bei 0,6.

Schlechter waren die Berufsaussichten für junge Leute nur in Demmin mit einer Quote von 0,5. Das Neubrandenburger Umland schnitt mit 0,7 unwesentlich besser ab. Die größte Auswahl hatten Azubis in Röbel mit einem Verhältnis von 1,9. Im Zuständigkeitsbereich der Arbeitsagentur haben sich von Oktober 2017 bis September 2018 insgesamt 1591 Jugendliche bei der Neubrandenburger Arbeitsagentur, den beiden Jobcentern im Landkreis sowie im Jugendservice MSE gemeldet und bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz beraten lassen.

Von ihnen hatte etwa jeder Fünfte die Fachhochschul- oder Hochschulreife, was in etwa dem Vorjahresniveau entspricht. Sie zeigen aber wenig Interesse an Handwerksberufen, selbst wenn sie ihre Wunschausbildung nicht bekommen.

Anforderungen an Azubis heruntergeschraubt

Viele Firmen reagieren auf die aktuelle Entwicklung, indem sie ihre Anforderungen an die Auszubildenden herunterschrauben. „Damit bekommen auch leistungsschwächere Jugendliche eine Chance auf einen interessanten Ausbildungsplatz in der Region“, sagte Agenturchef Thomas Besse jüngst bei der Vorstellung der Ausbildungsbilanz. Bisher konzentrierten sich die Fachkräfteengpässe auf bestimmte Regionen, Branchen und Berufe. Allerdings mehrten sich die Anzeichen, „dass es für Unternehmen schwieriger wird, geeignete und gut qualifizierte Beschäftigte zu finden“.

Über den Firmen in der Region schwebt ein Damoklesschwert: In den kommenden zehn Jahren werden laut Arbeitsagentur im Seenplattekreis fast 23.000 Menschen aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Gut zwei Drittel davon haben eine duale Berufsausbildung. „Wenn man in Betracht zieht, dass es bis zu fünf Jahre dauert, bis junge Menschen das Erfahrungsniveau vollwertiger Fachkräfte erreicht haben, wird deutlich, wie wichtig es ist, in den Nachwuchs zu investieren“, so Besse. Damit müsse schon heute begonnen werden, „morgen ist es zu spät“.

Lokale Unternehmen in Neubrandenburg klagten aber wiederholt, dass es selbst bei Absenkung der Anforderungen sehr schwierig sei, ausreichend qualifizierte Lehrlinge zu bekommen. Sie setzen daher teils verstärkt auf die Anwerbung von Studienabbrechern. Die Handwerkskammer Ostmecklenburg-Vorpommern in Neubrandenburg fordert mit Nachdruck ein landesweites Azubi-Ticket, damit die Lehrlinge kostengünstiger in die Berufsschulen kommen, die teils weit entfernt liegen.

Kommentare (2)

Ab 20€ Stundenlohn kann sich jede Firma bei mir bewerben.

Nicht nur Unternehmen sollten ihre Anforderung an potentielle Bewerber runterschrauben, um salopp zu sagen, mal von ihrem hohen Roß runterkommen, sondern auch der Staat bzw. Kommunen/Landkreise etc. Besonders der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte der widerholt Stellen (befristet für Mutterschaftszeit) ausschreibt, aber jeden Bewerber ablehnt, wenn nicht alle Anforderungen erfüllt sind. Sorry. Für eine Stelle die nach einem Jahr endet, wo der potentielle MA nicht weiss ob er eine neue Stelle bekommt oder zur Agentur für Arbeit muß, wird sich kein hochqualifizierter Hochschulabsolvent bewerben. Denn gerade für befristete Stellen im Landkreis werden derartig hohe Anforderungen verlangt, wo jeder Bewerber der die überzogenen Anforderungen des Landkreises erfüllt sich lieber gleich in der freien Wirtschaft bewirbt. Bewerbern werden Lügen aufgetischt, das die Stelle bereits vergeben wurde, besonders glaubhaft, wenn der Landkreis die gleiche Stelle zwei Wochen nach der angeblichen Besetzung erneut ausschreibt. Das gleiche Spiel treibt selbst die Agentur für Arbeit für ihre Callcenterstellen. Dort werden offenbar examinierte Journalismusstudenten gefordert für 6 Monate?!! Offenbar haben Landkreis, Agentur für Arbeit und der Staat in Sachen Anforderungsprofil an Bewerber den Knall nicht gehört. Zum Glück bin ich selbstständig......