PSYCHOSEN

Verrückt? Experte aus der Seenplatte warnt vor Vorurteilen

Jens-Peter Beneke ist Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Dieser wird tätig, wenn sich Menschen in seelischen Not- oder Krisensituationen befinden oder psychisch Erkrankte Hilfe benötigen. Warum der Dienst aber nicht Notnagel für alles sein kann und hohe Hürden an eine Zwangseinweisung gelegt werden, darüber sprach Reporter Tobias Lemke mit dem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.
Jens-Peter Beneke arbeitet beim Sozialpsychiatrischen Dienst in der Seenplatte. Auch psychisch kranke Menschen können ihr
Jens-Peter Beneke arbeitet beim Sozialpsychiatrischen Dienst in der Seenplatte. Auch psychisch kranke Menschen können ihr „normales“ Leben führen, sagt er. Tobias Lemke
Neubrandenburg.

„Der gehört doch weggesperrt.“ Solche Sätze fallen oft, wenn psychisch kranke Menschen im öffentlichen Raum auffällig sind und als störend empfunden werden. Warum sind solche Ansichten falsch, ja, vielleicht sogar gefährlich?

Schon allein die Wortwahl ist völlig fehl am Platz. Das würde ja bedeuten, man wolle, dass der- oder diejenige nicht mehr rauskommt. Wir haben Zeiten gehabt, in denen auch in der Psychiatrie einfach so Menschen verschwunden sind. Der Fall Mollath in Bayern zeigte, dass es selbst heutzutage noch dazu kommen konnte.

Dennoch gibt es das Instrument der Zwangseinweisung?

Ja, aber eine Zwangseinweisung, also eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus gegen den Willen des Betroffenen, soll dem Erkrankten helfen und ist nicht dazu da, um ihn von der Gesellschaft „wegzusperren“. Die Einweisung dient dem Schutz des Betroffenen und der Umwelt und ist ein Angebot zur Behandlung. Und nicht immer ist ein auffälliger und störender Mitbürger sofort ein Fall für den Sozialpsychiatrischen Dienst. Menschen können leben, wie sie wollen. Wenn etwa jemand seine Wohnung zumüllt und sich so wohlfühlt, müssen Vermieter das klären. Wir sind nicht der Notnagel für alle unangenehmen Vorkommnisse. Es sind zu Recht hohe Hürden an eine Zwangseinweisung gebunden.

Wie sehen die genau aus?

Die Unterbringung kann durch den Landrat, das heißt: durch die von ihm bestellten Vollzugsbeamten, bis 24 Uhr des Folgetages angeordnet werden, wenn aufgrund einer psychischen Krankheit eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegt und andere Hilfen und Maßnahmen erfolglos oder nicht durchführbar sind. Bei Gericht muss gleichzeitig ein Antrag auf Anordnung einer freiheitsentziehenden Unterbringung gestellt werden. Folgt keine richterliche Anordnung, ist derjenige wieder zu entlassen. Zudem wird immer auch ein ärztliches Zeugnis benötigt. Solche Maßnahmen dürfen nicht willkürlich passieren. Immerhin ist ein hohes Gut betroffen – die persönliche Freiheit eines Menschen. Der Betroffene kann jederzeit Beschwerde einreichen.

Am Ende ist die angeordnete Unterbringung aber schon das letzte Mittel.

Ja. Wenn jemand auffällig wird, so werden zunächst andere Hilfen angeboten, die auf Freiwilligkeit bauen. Es werden Gesprächsangebote gemacht, zum Besuch beim Hausarzt aufgefordert oder auf Angebote von Verbänden, Selbsthilfegruppen und ähnlichen Einrichtungen aufmerksam gemacht. Wird das alles abgelehnt, stellt auch das noch keinen Grund für in Zwangseinweisung dar. Problematisch wird es erst, sobald eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegt. Ein Beispiel: Ein Alkoholiker droht im Rausch, sich umzubringen und hat schon den Strick in der Hand. In so einem Fall kann er gegen seinen Willen im Krankenhaus untergebracht werden. Geregelt ist das alles im Psychischkrankengesetz MV, das 2018 überarbeitet wurde.

Dennoch sind die Grenzen zu dem, was als gefährdend gilt, fließend und nicht klar definiert?

Wir bewegen uns da in einem Spannungsfeld und müssen jede Situation individuell einschätzen. In vielen Fällen sind die Betroffenen dem Sozialpsychiatrischen Dienst schon bekannt. Es wurde meist schon zuvor versucht, mit ihnen im Kontakt zu bleiben, vielleicht auch über Angehörige. Wir finden es übrigens sehr gut, falls Verwandte oder Bekannte, die sich um einen Menschen Sorgen machen, aktiv auf uns zukommen und uns so vielleicht auf einen hilfebedürftigen Menschen hinweisen, den wir noch nicht kennen.

Trotz Novellierung hat das Psychischkrankengesetz aus Ihrer Sicht weiterhin Haken?

Das Gesetz sieht keine Trennung von psychisch kranken Menschen und von denen im Maßregelvollzug vor, die straffällig wurden, aber aufgrund ihrer Erkrankung vermindert schuldfähig oder schuldunfähig sind. Das führt zu mehr Stigmatisierung.

Warum das?

Straftäter können zwar psychisch krank sein. Menschen mit einer Psychose müssen aber keinesfalls straffällig werden. Es gibt Erhebungen, wonach die Vorurteile gegenüber psychisch Erkrankten zunehmen. Fragen Sie mal jemanden, ob er sich vorstellen könne, einen Nachbarn mit einer Schizophrenie oder Manie zu haben. Dabei können auch psychisch kranke Menschen ihr „normales“ Leben führen – etwa Auto fahren, wenn vom Krankheitsbild nichts dagegen spricht.

Wie viele Fälle von Zwangseinweisungen gibt es in der Seenplatte?

In diesem Jahr lagen wir bis Ende August bei 100 sofortigen Unterbringungen durch den Landkreis, davon wurden 55 durch das Gericht verlängert. In die Statistik gehen allerdings auch Mehrfachzählungen einzelner Personen ein. Ursachen für Erkrankungen wie der Alkoholmissbrauch oder Arbeitslosigkeit sind im Nordosten in der Bevölkerung schon immer häufiger aufgetreten.

Sehen Sie in diesem Jahr auch einen Einfluss durch die Corona-Krise?

Wir erkennen jedenfalls keine Zunahme von Psychosen oder Suizidgefährdungen, falls Sie das meinen. Wir mussten aber feststellen, dass viele Hilfsangebote weggebrochen waren, etwa von Selbsthilfegruppen und sozialen Einrichtungen, was Erkrankte zusätzlich belastet hatte. Seit Jahren sehen wir aber eher andere Entwicklungen mit Sorgen.

Und welche sind das?

Inzwischen hängen viele unserer Fälle mit einer Vereinsamung im Alter zusammen. Seit den 1990er-Jahren ist festzustellen, dass Altwerden häufig nicht mehr im Familienverband stattfindet. Wer diesen Prozess unbegleitet erlebt, ist anfälliger für Psychosen. Plötzlich ist die Brille weg, wird Salz mit Zucker verwechselt, und keiner erklärt einem, dass es mit der eigenen Vergesslichkeit zu tun hat.

Bei der Jugend wiederum werden Realitätsverluste und der Verlust an Verantwortung größer, so unsere Feststellung. Generell geht die Entwicklung weg vom Fürsorgeprinzip hin zu mehr Individualität. Das halte ich für falsch. Es gibt Erkrankte, die eben nicht in der Lage sind zu wissen, was gut für sie ist. Eltern erlauben einem Fünfjährigen auch nicht, nur Schokolade zu essen, sondern sorgen dafür, dass er ausreichend versorgt wird, genug schläft und vernünftig gekleidet ist.

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