Aufgebaut, eröffnet – und nach einem Tag war alles vorbei: Der Weberglockenmarkt in Neubrandenburg ist Geschichte.
Aufgebaut, eröffnet – und nach einem Tag war alles vorbei: Der Weberglockenmarkt in Neubrandenburg ist Geschichte. Jetzt wird die Schuldfrage diskutiert. Bernd Wüstneck
Corona

Verzeihung, egal, wer schuld ist

Ein Kommentar zur Schließung des Weberglockenmarktes
Neubrandenburg

Hinterher sind alle schlauer. Ja, es macht angesichts der momentan verordneten Regeln keinen Sinn, den Weberglockenmarkt weiterzuführen. Denn die Einhaltung der Corona-Verordnung zu garantieren, würde die Innenstadt in einen Gefängnishof verwandeln. Das hätte man lange vorher ahnen und gleich alles absagen können.

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Sagen Kritiker und vergessen dabei, dass ein Weihnachtsmarkt bei 30 Grad Plus und Sonne geplant wird. Denn schon Monate vorher müssen Verträge mit Händlern und Schaustellern gemacht werden, werden Konzepte geschrieben und angepasst, um allen Gesetzen, Verordnungen und Anforderungen gerecht zu werden. Und manchmal kommt es doch ganz anders. Erinnert sei an das Amri-Attentat vor fünf Jahren, nach dem unansehnliche Poller auch in Neubrandenburg zum Standard wurden, um wenigstens etwas Schutz zu simulieren. Weil es im Falle eines Falles heißt: Warum habt ihr nichts getan?

Mal wieder hektische Betriebsamkeit

Jetzt musste wieder reagiert werden, denn binnen weniger Wochen wurde aus der Hoffnung, dass selbst ein Dreiviertel-geimpftes Land sich langsam aus dem Corona-Tal arbeiten kann, ein Erschrecken vor neuen Infektions-Höchstständen. Eine im zurückliegenden Frühling beschlossene Warnampel musste plötzlich ernst genommen werden und führte in der Politik (wieder mal) zu hektischer Betriebsamkeit.

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Noch vor drei Wochen hieß es aus Schwerin: Grünes Licht für Weihnachtsmärkte. Doch wer will schon mit einem Glühwein oder mehr den Corona-Frust runterspülen, wenn er zwischen Zäunen auf Abstände achten und jeden Tag aufs neue den Nachweis der Coronafreiheit erbringen muss, um sich ein Gummibändchen umzuhängen?

Wenn der scheidende Bundeskrankheitsminister Jens Spahn in diesem Corona-Chaos überhaupt einen Treffer hatte, dann seine Bemerkung ganz am Anfang: „Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ Das bedeutet auch: Es werden wieder und wieder Fehler gemacht oder müssen Entscheidungen korrigiert werden. Das Neubrandenburger Weihnachtsmarkt-Chaos gehört mit auf die Liste. Aber ich kann es allen Beteiligten verzeihen, dass sie bis zuletzt versucht haben, den Markt zu retten.

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