Spaziergang am Abend – für viele Bürger im Landkreis Seenplatte vorerst passé.
Spaziergang am Abend – für viele Bürger im Landkreis Seenplatte vorerst passé. Simone Schamann
Ausgangssperre

Warum dürfen wir uns nicht mehr frei bewegen?

Zum zweiten Mal werden Bürger im Landkreis MSE zum abendlichen Daheimbleiben verdonnert. Ob die vorherige Ausgangssperre etwas gebracht hat, weiß aber offenbar niemand so genau.
Neubrandenburg

Abstand halten, Händewaschen, Maske tragen: Für fast alle Menschen in MV und ganz Deutschland ist das inzwischen Routine. Ausgangssperren sind da sehr viel gewöhnungsbedürftiger, stellen sie doch einen tiefen Eingriff in die Freiheit des Einzelnen dar.

Eine Auswertung der ersten Ausgangssperre gab es nicht

Da vertraut man als Bürger darauf, dass die Wirkung einer solch drastischen Maßnahme – immerhin kollektiver abendlicher Hausarrest – ausreichend belegt ist. Der Nordkurier fragte beim Landkreis Mecklenburgische Seenplatte nach, mit welcher genauen Begründung die neuerlichen Ausgangsbeschränkungen in Teilen der Seenplatte erlassen wurden. Sicherlich, weil die erste Ausgangssperre im Januar 2021 einen durchschlagenden Effekt hatte?

Überraschenderweise weiß man das im Landratsamt nicht genau. „Eine wissenschaftliche Auswertung im Auftrag des Landkreises MSE ist nicht erfolgt“, räumt Sprecherin Tilla Steinbach ein. Aber: „Es konnte festgestellt werden, dass mit den geltenden Einschränkungen sukzessive die Inzidenzwerte am Jahresanfang zurückgegangen sind.“ Und das hatte definitiv mit der Ausgangssperre zwischen 21 und 6 Uhr zu tun? Woher weiß man das, wenn die Wirkung gar nicht untersucht wurde? Antwort: „Siehe oben.“ Ja, aber da steht doch, dass es keine Auswertung gab...

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Welche Begegnungen sollen eigentlich vermieden werden?

Andere Frage: Welche Art von Begegnungen/Kontakten/Menschenansammlungen will der Landkreis eigentlich ganz konkret mit der erneuten Ausgangssperre vermeiden? Können Sie bitte Beispiele nennen? Sooooo viele Menschen trifft man ja in aller Regel nicht, wenn man beispielsweise in Neubrandenburg am späten Abend oder gar nachts noch mal vor die Tür geht.

Steinbach im Namen des Landkreises: „Bei der Ausgangsbeschränkung werden vorwiegend Begegnungen im Familien-Bekannten-und Freundeskreis eingeschränkt.“ Gibt es denn Hinweise, dass im Landkreis MSE (47 Einwohner pro Quadratkilometer) derartige Begegnungen zwischen 21 und 6 Uhr die Inzidenzwerte in die Höhe getrieben haben? „Aufgrund des wärmeren Wetters ist zu beobachten, dass auch in den Abendstunden private Treffen (im Rahmen der zulässigen Kontaktbeschränkungen) stattfinden. Diese vermehrten Familien-Bekannten-und Freundes-Besuche führen dazu, dass sich das Corona-Virus weiter verbreitet“, so Steinbach.

Angesichts der winterlichen Episode mit Schneesturm und Minusgraden, die der Nordosten gerade hinter sich hat, überrascht diese Antwort – aber sie geht ja noch weiter: „Außerdem ist die britische Coronavirusmutation um ein vielfaches ansteckender, weshalb bei einem Corona-Fall häufig anschließend weitere oder alle Mitglieder der Familie betroffen sind. Die britische Coronavirusmutation ist zu einem Großteil bei den Corona-Fällen nachweisbar und daher stark vertreten.“

Auch Schwesigs Sprecher druckst herum

Der Landkreis MSE verweist in seiner Begründung für die neuerliche Ausgangssperre auch auf die aktuelle Corona-Landesverordnung. Dort wird in §13 geregelt, dass die Behörden ab einem Inzidenzwert von mindestens 100 an drei aufeinanderfolgenden Tagen Ausgangsbeschränkungen verhängen können. Frage an Andreas Timm, Sprecher von Ministerpräsidentin Schwesig (SPD): Wurden seitens des Landes die Effekte vorheriger Ausgangssperren ausgewertet, bevor den Bürgern auf Grundlage der Landesverordnung erneut der abendliche Ausgang verboten wurde?

Antwort: nein. Der Regierungssprecher formuliert es ein bisschen anders: „Eine trennscharfe Analyse der Wirkung einzelner Schutzmaßnahmen dürfte kaum möglich sein. Es spricht einiges dafür, dass die erste Ausgangssperre im Kreis Mecklenburgische Seenplatte – in Kombination mit anderen Maßnahmen – die gewünschte Wirkung erzielt hat.“ Die Inzidenzen im Landkreis MSE seien im Zeitraum zwischen Start (07. Januar) und Aufhebung (01. Februar) der ersten Ausgangssperre „überproportional“ zurückgegangen – von 220 auf 130.

Im Seenplatte-Kreis lag die Sieben-Tage-Inzidenz am Donnerstag, dem Tag vor Beginn der neuerlichen Ausgangssperre, bei 161,6. Die Einschränkungen gelten für die Städte Neustrelitz und Neubrandenburg sowie für die Ämter Mecklenburgische Kleinseenplatte, Neverin, Stargarder Land, Stavenhagen, Malchin am Kummerower See und Woldegk.

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