„Wassergetränkte Luft” Auch das ist für Inga ein Stück Heimat, hier am Oberbach in Neubrandenburg.
„Wassergetränkte Luft” Auch das ist für Inga ein Stück Heimat, hier am Oberbach in Neubrandenburg. privat/Ines Riebau
Heimweh

Warum Mecklenburg für junge Menschen wieder inspirierend sein kann

Nach dem Abi suchte Inga Inspiration, die sie in Mecklenburg nicht fand. Also zog sie nach Berlin und dann um die Welt. Warum sie heute wieder in die alte Heimat zurück gehen würde, erzählt sie hier.
Neubrandenburg

Als Inga aus Neubrandenburg im Jahr 2000 ihr Abitur in der Tasche hatte, kannte sie nur eine Richtung: Weg von hier! „Es gab damals ein völliges Unverständnis für die Leute, die geblieben sind”, sagt sie heute, mehr als 20 Jahre später. Dabei habe sie eine „total coole Jugend” gehabt, mit vielen Menschen von damals sei sie heute noch verbunden.

Doch als Erwachsene habe sie nichts Inspirierendes mehr in der Region gefunden, wie sie das beschreibt: „Es gab nur die Fachhochschule in der Stadt, ein Kosmos für sich, und beim Studienangebot war nicht für jeden was dabei.” Die Unis in Rostock und Greifswald seien damals für sie und ihre Freunde nicht in Betracht gekommen, eher Berlin oder Hamburg: Raus aus MV, rein in die große Stadt – aber noch nicht ganz so weit weg. Inga entschied sich für ein Psychologie-Studium in der Hauptstadt und sie genoss das vibrierende Leben, die Musik und die Clubs.

Nach zehn Jahren in der Metropole war sie dann bereit für eine Weltreise, es ging durch Australien, Neuseeland und Südostasien. Seitdem liegt ihr beruflicher Schwerpunkt im Bereich People & Culture, sie arbeitete für eine Fluggesellschaft und heute für eine Kreativagentur.

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Der Tollensesee als Reset-Knopf

Der Kontakt in die alte Heimat riss bis heute nie ab. Sie ist öfter da, freut sich besonders auf die Wiedersehenspartys an Weihnachten im Schauspielhaus oder darauf, endlich mal wieder durchzuatmen. „Wenn ich in Neubrandenburg aus dem Auto steige, rieche ich bereits diese wassergetränkte Luft.” Glasklar sei die, gerade im Kontrast zur staubigen Großstadt. Am liebsten geht sie dann zum Tollensesee: „Das ist wie ein Reset-Knopf für mich. Ich halte die Hände ins Wasser und bin wieder aufgeladen mit Energie.”

Und so langsam scheint nun die Zeit gekommen zu sein, den Reset-Knopf in ihrem Leben zu drücken. Während der Pandemie reifte in ihr der Wunsch, wieder nach Mecklenburg-Vorpommern zurückzukehren. Bislang scheitert das noch an der Suche nach dem passenden Haus, aber nicht an den Ideen. 2020 absolvierte sie an der Hochschule Neubrandenburg ein Zertifikatsstudium mit dem Schwerpunkt „Daseinsvorsorge in ländlichen Räumen”. „Aus Liebe zur Heimat” habe sie das gemacht, sagt sie und mit dem Gedanken: „Da geht noch mehr!”

Für das Studium war sie auch an einem Projekt in Userin bei Neustrelitz beteiligt, bei dem erforscht wird, wie das Landleben eine Zukunft haben kann. Wichtig sei ihr, dass junge Menschen eine Bindung zu ihrer Heimat aufbauen können. So wie bei ihr damals. Erst dann sei es möglich, dass die Menschen, wenn sie einmal fortziehen, irgendwann auch wieder zurückkehren.

Für Inga ist nun klar: „Wenn ich zurückkehre, will ich keine Wochenendbesucherin mehr sein. Ich will mich engagieren.”

Sanfter Übergang: Arbeit in Berlin, Garten in Mecklenburg

Für die sanfte Rückkehr in die alte Heimat kann sich Inga nun vorstellen, zunächst noch in Berlin zu arbeiten, aber den einen oder anderen Tag auch von ihrer neuen Bleibe aus am Computer. Für einen Arbeitgeber in Mecklenburg wünscht sie sich ein Umdenken: flache Hierarchien, flexible Arbeitszeitmodelle, lockerer Umgang. All das, was sie in Berlin kennengelernt hat. Da sieht sie noch viel Nachholbedarf auf dem Land.

Doch die Inspiration, die sie damals so sehr in der Region vermisst hatte, die ist wieder da. Mecklenburg sehe heute ganz anders aus. Dörfer, die früher den Eindruck machten, als sei dort einmal eine Abrissbirne durchgerauscht, sind inzwischen saniert. Neubrandenburg hat jetzt auch ein hippes Café und einen Bürgermeister, der bei seinem Amtseintritt 2015 deutlich jünger als sein Vorgänger war. Ihr Bauchgefühl sagt ihr: „Die Leute reißen etwas und das wird mehr werden.” Sie wünscht sich mehr von allem, mehr Bars, mehr Musik, mehr Kultur, dafür sei sie dann auch bereit, mehr Geld auszugeben.

Und je mehr hier passiert, denkt sie, desto mehr Menschen finden die Region wieder interessant – und kehren dann vielleicht ebenfalls zurück. Wenn das soziale Netzwerk plötzlich wieder da ist, fällt diese Entscheidung natürlich leichter. Vielleicht stehen wir ja gerade am Anfang einer Umkehrbewegung und es heißt nicht mehr wie im Jahr 2000: „Warum bleibst du bloß hier?” Sondern: „Warum bist du immer noch weg?”

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