FAMILIENDRAMA IN WINSEN

Was wird jetzt aus den Kindern?

Im niedersächsischen Winsen ereignete sich am Sonntagabend eine Familientragödie. Ein aus Neubrandenburg stammendes Ehepaar geriet in Streit. Wütend und schwer alkoholisiert stach der Mann schließlich mit einem Messer auf seine Frau ein. Sie starb Stunden später im Krankenhaus, er wurde festgenommen. Übrig blieben zwei kleine Kinder.
Carsten Korfmacher Carsten Korfmacher
Sowohl der 47-jährige Familienvater Volker K. als auch seine 40-jährige Ehefrau Doreen K. stammen aus der Viertorestadt.
Sowohl der 47-jährige Familienvater Volker K. als auch seine 40-jährige Ehefrau Doreen K. stammen aus der Viertorestadt. privat
Am Sonntagabend wurde eine Frau bei einer Auseinandersetzung in einer Wohnung im niedersächsischen Winsen erstochen. Die Polizei nahm den Tatverdächtigen vorläufig fest.  
Am Sonntagabend wurde eine Frau bei einer Auseinandersetzung in einer Wohnung im niedersächsischen Winsen erstochen. Die Polizei nahm den Tatverdächtigen vorläufig fest. Tobias Johanning
Auch Beamte der Spurensicherung waren im Laufe des Abends am Tatort im Einsatz.  
Auch Beamte der Spurensicherung waren im Laufe des Abends am Tatort im Einsatz. Tobias Johanning
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Winsen.

Fassungslosigkeit, Wut, Trauer: Das Familiendrama, das sich am vergangenen Wochenende in der niedersächsischen Kleinstadt Winsen abspielte, hat auch im Osten Mecklenburg-Vorpommerns für ein emotionales Erdbeben gesorgt. Vor allem in Neubrandenburg, in der Heimatstadt der jungen Familie, war die Bestürzung groß. Sowohl der 47-jährige Familienvater Volker K. als auch seine 40-jährige Ehefrau Doreen K. stammen aus der Viertorestadt.

Viele ihrer Freunde leben noch hier, ein Teil ihrer Familie lebt noch hier. Und auch Unbekannte nehmen Anteil an der unvorstellbaren Tat, die die gesamte Familie ins Unglück stürzte. Schwer alkoholisiert soll der seit Ostern vom Rest der Familie getrennt lebende Ehemann Volker K. mit einem Messer auf Doreen K. eingestochen haben. Polizeibeamte fanden die 40-jährige leblos und blutüberströmt im Obergeschoss des Hauses.

Auf dem Weg in eine Hamburger Klinik wurde sie noch reanimiert, doch sie überlebte ihre schweren Verletzungen nicht. Der Familienvater, der am Sonntagabend zum Täter wurde, sitzt jetzt in Untersuchungshaft. Übrig bleiben die beiden kleinen Kinder des Paares, die Söhne Jan* und Kristian*, acht und zwölf Jahre alt.

Polizei: Fehlende Informationen befeuern Spekulationen

Über den Aufenthaltsort der Söhne macht die Polizei keine Angaben. „Um die Kinder zu schützen, werden keinerlei Informationen über sie öffentlich gemacht“, erklärt Polizeihauptkommissar Jan Krüger von der zuständigen Polizeiinspektion Harburg die Sachlage. Krüger ist sich selbst nicht sicher, ob dies generell der Königsweg ist, schließlich führten fehlende Informationen häufig zu einem Übermaß an Spekulationen.

Die könnten für Angehörige und besonders für Kinder ebenfalls schlimm sein. So ist zum Beispiel nicht bekannt, ob Jan und Kristian die blutige Tat mit ansehen mussten. Fest steht nur, dass die beiden noch am Abend der Tat von einem Kriseninterventionsteam betreut wurden. Diese Teams stehen Menschen in psychisch besonders belastenden Situationen zur Seite, in Niedersachsen werden sie von den Johannitern gestellt.

Die Teams bestehen aus psychologisch geschulten Mitarbeitern, die sich in erster Linie um das seelische Wohlergehen der Menschen kümmern. Sie kommen oft bei der Übermittlung von Todesnachrichten zum Einsatz, oder bei Unfällen, bei dem Menschen Angehörige verloren haben. Oder eben bei einer Familientragödie wie in Winsen.

Jugendamt: Gericht muss über das Sorgerrecht entscheiden

Frank Schwebke vom Jugendamt der Mecklenburgischen Seenplatte kennt diese Fälle. Er ist Sachgebietsleiter des Allgemeinen Sozialpädagogischen Dienstes und hat in seinem Berufsleben schon viele Kinder und Jugendliche erlebt, deren Eltern auf einmal nicht mehr da waren, aus welchem Grund auch immer. „Wir suchen dann innerhalb der Familie nach Ressourcen, nach geeigneten Menschen, die aus dem gewohnten Umfeld der Kinder heraus Verantwortung übernehmen können und wollen“, erklärt Schwebke die Vorgehensweise.

In einem Akutfall wie in Winsen schalte die Polizei sofort das Jugendamt ein. Das bestätigte auch Hauptkommissar Jan Krüger von der Harburger Polizei: Nachdem die Beamten vor Ort feststellten, dass sich auch zwei kleine Kinder am Tatort befanden, wurde direkt das lokale Jugendamt informiert. Die Jugendämter besitzen sogenannte Bereitschafts-Pflegestellen, die Tag und Nacht mit Sozialpädagogen besetzt sind und somit jederzeit aktiv werden können.

Häufig nehmen diese Stellen Kinder, die von einer Minute zur anderen Waisen wurden, erst einmal in ihre Obhut. Im Winsener Fall ist es allerdings ein wenig komplizierter, erklärt Frank Schwebke: Die Kinder seien Halbwaisen geworden, doch das verbliebene Elternteil könne vermutlich über Jahre hinaus nicht die elterliche Sorge ausüben. Deshalb müsse ein Gericht zunächst das Ruhen der elterlichen Sorge des Vaters beschließen.

Polizei: Vernehmung des Vaters steht noch aus

Ist das erledigt, kann sich das Jugendamt in Zusammenarbeit mit dem familiären Umfeld der betroffenen Kinder um die Neuregelung des Sorgerechts kümmern. „Dabei kommen nicht nur Oma, Opa, Onkel oder Tante in Frage, sondern auch zum Beispiel die Nachbarin oder die Eltern des Schulkameraden“, sagt Schwebke. Es komme ganz darauf an, wie die Familie vorher gelebt habe. Außerdem komme der Meinung der Kinder eine ganz entscheidende Bedeutung zu.

Allerdings spiele die Regelung des Sorgerechts für die Kinder selbst in der ersten Zeit nur eine untergeordnete Rolle. „Wichtig ist eine Trauerbegleitung, die sich über einen längeren Zeitraum mit dem Verlust der Mutter und der Wut auf den Vater befasst“, sagt Schwebke. Das Erlebte erfordere nicht nur eine Akuthilfe, sondern auch eine langfristige seelische Begleitung, die durch das Jugendamt unterstützt werde.

Dieser lange Weg ist bereits in der Tatnacht in Gang gesetzt worden. Auch wenn es keine öffentlichen Äußerungen zu Jan und Kristian gibt, so können wir davon ausgehen, dass sich viele Menschen um das Wohl der Kinder kümmern. Denn ihr Vater ist dazu nicht mehr in der Lage. Volker K. wurde am Montag dem Haftrichter vorgeführt. Dieser erließ Haftbefehl wegen Totschlags und ordnete Untersuchungshaft für den 47-Jährigen an. Laut Polizei stehen die Vernehmungen noch aus. Wenn sie abgeschlossen sind, wird der Fall an die Staatsanwaltschaft übergeben.

 

*Namen von der Redaktion geändert

StadtLandKlassik - Konzert in Winsen

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Kommentare (1)

Makaberes Wortspiel mit übrig gebliebenen Kindern.