Bis Mitte Dezember lief der Probebetrieb mit der Anlieferung der Heizungskomponenten über die Schiene.
Bis Mitte Dezember lief der Probebetrieb mit der Anlieferung der Heizungskomponenten über die Schiene. Tim Prahle
Ein Bild, dass es so nur einige Wochen zu sehen gab. Emsiger Betrieb am Ladegleis in Neubrandenburg.
Ein Bild, dass es so nur einige Wochen zu sehen gab. Emsiger Betrieb am Ladegleis in Neubrandenburg. Tim Prahle
Noch muss die Ware mit dem Lkw auf die gegenüberliegende Seite zum Webasto-Gelände gebracht werden.
Noch muss die Ware mit dem Lkw auf die gegenüberliegende Seite zum Webasto-Gelände gebracht werden. Tim Prahle
Das Pilotprojekt des Autozulieferers wurde gemeinsam mit der Bahntochter DB Cargo und dem Altentreptower Speditionsunternehmen
Das Pilotprojekt des Autozulieferers wurde gemeinsam mit der Bahntochter DB Cargo und dem Altentreptower Speditionsunternehmen Gertner durchgeführt. Tim Prahle
Wirtschaft

Webasto testet in Neubrandenburg Umstieg auf die Schiene

Das Webasto-Werk liegt direkt an der Bahn. Beliefert wird das Werk jedoch über die Straße. Das soll sich im Sinne der Nachhaltigkeit fortan ändern.
Neubrandenburg

Stapelweise wandern die blauen Behälter vom Waggon in den Lastwagen. Berufskraftfahrer Henry Schulz muss auch an diesem nasskalten Dezembermorgen ordentlich rackern. Heizelemente sind für das Neubrandenburger Werk des Automobilzulieferers Webasto auf der Ladestelle des Bahnhofes angekommen. Henry Schulz muss mit der Ladung im Lkw noch einmal um die Schienen herum. Denn das Webasto-Werksgelände liegt direkt auf der anderen Seite. „Wir sind bereits mit der Bahn im Gespräch, ob wir nicht auch das gegenüberliegende Gleis benutzen können. Damit wäre es zukünftig direkt möglich, vom Werksgelände die Bahnverladung vorzunehmen“, sagt Werksleiter Andreas Dikow. Dies sei nicht nur in Hinblick auf die CO2-Bilanz eine „zukunftsweisende Perspektive“.

Lesen Sie auch: Bahn will beim Güterverkehr umsteuern

Die meisten setzten auf den Transport per Lkw

Lange Zeit war am Neubrandenburger Güterbahnhof gar kein Betrieb. Kein Güterwaggon hielt, kein Unternehmen holte ab. Die meisten setzen beim Transport auf Lkw – auch das Webasto-Werk, das aus der ganzen Welt von etwa 300 Lieferanten seine Zulieferteile für Standheizungen und Co. erhält, wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilte. 1,6 Millionen Behälter, die zumeist über die Straße ihren Weg zum Neubrandenburger Werk beim Güterbahnhof finden.

Bis 1990 führte direkt ein Gleis in die Versandhallen

Den Standortvorteil, direkt am Bahnhof zu sitzen, nutzte das Unternehmen seit der Wiedervereinigung schon nicht mehr. Vor der Übernahme war das beim VEB Sirokko-Gerätewerk noch anders. „Bis 1990 führte ein Gleis direkt in die Versandhallen und Kunden, etwa Ikarus in Ungarn, wurden über die Schiene beliefert“, erinnert sich Dikow. In den folgenden Jahren gab es keine geeignete Lösung, dies fortzuführen. Doch mittlerweile biete die Bahn auch eine flexible Lösung mit Einzelwaggons an. Daher der Versuch zur Gleis-Rückkehr. Ein vierwöchiges Pilotprojekt von Webasto mit dem Bahnunternehmen DB Cargo und dem Altentreptower Speditionsunternehmen Gertner ist gerade zu Ende gegangen.

Taktung muss erst erprobt werden

Ein Projekt, das Webasto selbst als „Großversuch“ bezeichnet. Denn die involvierten Lieferanten machen jährlich schon 15 Prozenten des gesamten Einkaufsvolumens vom Werk aus. Und beide sind nicht gerade um die Ecke. Ein Lieferant sitzt im Landkreis Göppingen (Baden-Württemberg), der zweite im tschechischen Bezirk Chrudim. In beiden Fällen werden weit mehr als 1000 Kilometer Wegstrecke für die Lieferungen zurückgelegt. Der Lkw-Transport soll sich bestenfalls nur noch zwischen den Werken und den nächstgelegenen Bahnhöfen abspielen.

Da die Bahn bislang jedoch gar nicht mit Einzelwaggons fährt, müsse die Taktung erst erprobt werden, erläutert der Werksleiter. Inklusive der Auswirkungen auf die Transportzeiten. Denn zu lange sollte es trotz aller grünen Motivation wohl auch bei der Schiene nicht dauern.

Vielleicht sogar bis nach China per Bahn

Der Transport direkt per Bahn sei auch ins weit entfernte China möglich, wo Webasto in Wuhan ein Werk hat. Noch werden die Produkte mit dem Lkw von Neubrandenburg nach Hamburg gebracht, bevor sie dort auf den Zug nach China verladen werden. „Wenn der Test erfolgreich ist, können die Produkte bald direkt in Neubrandenburg verladen werden und ihre Reise auf der Schiene nach Wuhan antreten“, kündigt Projektleiter Karsten Morgenstern an.

Webasto-Test könnte eine Vorbildfunktion haben

Webasto erhofft sich nach eigenen Angaben mit der Umstellung einen deutlichen Beitrag zum Klimaschutz, muss sich eventuell die Frage gefallen lassen, wieso die Umstellung auf die Schiene dann erst jetzt erfolgt. „Bei den Lieferketten spiele seit einigen Jahren auch die Nachhaltigkeit als Entscheidungskriterium eine immer stärkere Rolle“, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Der CO2-Ausstoß könne durch die Umstellung auf die Schiene halbiert werden. Doch erst jetzt sei mit der DB Cargo eine effiziente Lösung gefunden worden.

Zurzeit läuft fast alles über den Bahnhof Rostock

In der Region scheint die Bahn als zentrales Logistikelement noch nicht sonderlich hoch im Kurs zustehen. Aus der ganzen Mecklenburgischen Seenplatte und Vorpommern-Greifswald würde man derzeit mit 20 Unternehmen zusammenarbeiten, heißt es von der Bahn auf Anfrage. Zumeist geht es dabei wohl jedoch über den Bahnhof in Rostock, von da aus mit den Lkw durchs Land.

Der Webasto-Test könnte also auch eine Vorbildfunktion haben, hoffen die Verantwortlichen. Das dürfte sich auch finanziell lohnen, obwohl die Wirtschaftlichkeitsbewertung noch ausstehe. „Je mehr Volumen auf dem Bahntransport gebündelt werden kann, umso eher hat die Transportlösung auf der Bahn neben dem ökologischen Vorteil auch einen wirtschaftlichen Hebel“, formuliert es Karsten Morgenstern.Nach Angaben von Webasto könnten bei positivem Fazit schon ab dem kommenden Sommer aus der Probe die Regel werden.

zur Homepage