GROßE FREUDE FÜR WITWE

Welches Geschenk berührte Sie besonders?

Kurz vor der Diamantenen Hochzeit musste Evelyne Ackner Abschied von ihrem geliebten Mann nehmen. Nun wird es das erste Weihnachtsfest ohne ihn. Die Erinnerung an die Liebe ihres Lebens bleibt in einem ganz besonderen Geschenk, dass ihre Freundinnen für sie gefertigt haben. Wurde Ihnen auch schon mal ein ganz besonders rührendes Geschenk gemacht?
Evelyne Ackner (mit dem rosa Tuch) inmitten ihrer Patchwork-Damen, die in monatelanger Arbeit für sie diese Decke aus den
Evelyne Ackner (mit dem rosa Tuch) inmitten ihrer Patchwork-Damen, die in monatelanger Arbeit für sie diese Decke aus den Hemden ihres verstorbenen Mannes gefertig haben. Paulina Jasmer
Neubrandenburg.

Als Evelyne Ackner ein Stück vom Geschenkpapier wegreißt, entfährt ihr ein „Ach“. Ein „Ach“, dem schon kleine Tränen folgen. Die zierliche Frau mit dem rosa Tuch um den Hals hält wenige Momente später eine riesige Decke in den Händen. Eine Decke, die aus zahllosen Hemden ihres verstorbenen Mannes Richard besteht. Ihre Mitstreiterinnen der Patchwork-Gruppe Neubrandenburg haben in monatelanger Arbeit daraus eine Decke hergestellt. „Evi, darin kannst du dich dann einkuscheln“, sagen die Damen in der Runde. Neubrandenburg.

Es ist ihre Weihnachtsfeier im Mietertreff in der Neustrelitzer Straße. Inmitten der Rückschau auf das vergangene Jahr ist er gekommen: Evelyne Ackners Augenblick, von dem sie nicht zu hoffen gewagt hatte, dass er wirklich noch vor Weihnachten wahr wird. Denn die Anfänge der Decke hat sie noch mitbekommen. „Ich hab sie bei der Handarbeitsmesse im September gesehen und nur gedacht, ach je, wer soll das noch schaffen?“ Doch die Frauen haben es gemeinsam geschafft, um ihrer Evi die größte Freude zum Weihnachtsfest zu bereiten. Ein Andenken an ihren Richard.

Es sollte ein besonderes Weihnachtsfest werden

Dann kommen die Gedanken. Die Gedanken rund um ein gemeinsames Leben, das genau am bevorstehenden Heiligabend einen weiteren Höhepunkt finden sollte: Die Diamantene Hochzeit. „Meine Eltern sagten damals, Weihnachten und Hochzeit, alles ein Abwasch“, erinnert sich die 85-Jährige. Und so holte sie im Winter 1959 das kurze blaue Brokatkleid heraus. Ihr Brautstrauß bestand aus Alpenveilchen. Eine große Feier gab es für die beiden damals nicht.

Doch diesen Ehrentag des gemeinsamen Ehelebens, 60 Jahre verheiratet zu sein, konnten die beiden nicht mehr begehen. Richard Ackner ist im Frühjahr 2019 mit 88 Jahren verstorben. Und gerade als Evelyne Ackner seine Hemden entsorgen wollte, kam das Gespräch mit Sabine Koch, der Leiterin der Neubrandenburger Patchwork-Gruppe, zustande. Diese riet ihr, die Hemden doch besser aufzuheben.

Und jetzt im Nachgang, wenn man sieht, was daraus geworden ist, dann lässt sich alles ganz einfach erklären. Patchwork hat laut Sabine Koch eine lange Tradition und stammt aus Amerika. Dabei geht es oft um den sogenannten Memory-Quilt, zu deutsch Erinnerungsdecke. Die Trauergemeinde hat in früheren Zeiten dann zusammengesessen und gemeinsam an einer Decke aus Kleidungsstücken des Verstorbenen gearbeitet. Die Baumwollstoffe der kurzärmligen Hemden von Richard Ackner hätten sich perfekt angeboten. Zigmal gewaschen, gut zu verarbeiten, meint Sabine Koch. Siebzehn Frauen haben mitgeholfen.

Ein großes Glück für Evelyne Ackner, die gerührt ihre Hände faltet. „Richard war immer so ein feiner Mann“, sagt die rüstige Seniorin, die ihren Mann lange daheim gepflegt hat. Zahlreiche Krankenhausaufenthalte bestimmten allerdings die Monate vor dessen Tod. Jeden Tag hatte sich Evelyne Ackner in den Bus gesetzt, um ihren Richard zu besuchen, wusch seine Sachen, tauschte die Kleidung. Zum vergangenen Weihnachtsfest hatte sie ihm eine Rose ans Krankenbett gebracht, zum 59. Hochzeitstag.

Alles begann mit einer Wurststulle im Büro

Kennengelernt haben sich die beiden übrigens bei der „Freien Erde“, Vorgänger des Nordkurier. Richard Ackner war als Journalist tätig, seine Evelyne begann dort 1958 als Sekretärin. Sie hatte schnell Gefallen an ihm gefunden. „Im Profil mit seinen krausen Haaren und der Zigarette, das hatte was“, denkt sie zurück. Wenn er zur Planung war, hat sie ihm heimlich Frühstück an den Schreibtisch geschmuggelt. Eine zusammengeklappte Wurststulle als romantische Aufmerksamkeit.

1959 folgte die Hochzeit, 1964 kam der gemeinsame Sohn Jürgen zur Welt, der vor zwei Jahren plötzlich verstarb. „Das ist heute noch hart für mich“, sagt Evelyne Ackner. Ihren Mann habe sie „hochgeschätzt“. So oft hätten sie sich über die Nachrichten der Welt ausgetauscht und seien durch Deutschland gereist. Richard Ackner hatte im Ruhestand Ahnenforschung betrieben. Evelyne hat ihn immer begleitet, wenn er an Orte reiste, die wichtig für seine Familie waren. „Das gehört sich doch so, wenn man verheiratet ist“, sagt die Neubrandenburgerin ganz selbstverständlich.

Jetzt ist es ruhiger geworden im Leben von Evelyne Ackner. Stille, die nur schwer zu ertragen sei, wie sie sagt. Nachts liege sie manchmal stundenlang wach. „Wenn Weihnachten doch nur schon vorbei wäre“, sagt sie leise. Weihnachten – die Zeit der Liebe und der Lieben. Und die Liebe ihres Lebens fehlt. Aber allein wird Evelyne Ackner an diesen Tagen nicht sein. „Wir gehen essen mit 17 Mann und ich zahle“, kann sie schon wieder lächeln. Und ab sofort fühlen sich ruhige Minuten vielleicht nicht mehr so einsam an, dank ihrer Patchwork-Damen. „Die Decke, die nehme ich jetzt immer für den Mittagschlaf“, ist sie sich sicher.

 

Die Patchwork-Decke gehört vermutlich zu den schönsten Geschenken, die Evelyne Ackner bisher erhalten hat. Und der Nordkurier ist gerade auf der Suche nach diesen Präsenten, die Ihnen – liebe Leser – einst so richtig ans Herz gingen und womöglich immer noch.

Schreiben Sie uns von diesen Gaben, per E-Mail an [email protected] oder per Post an: Nordkurier Lokalredaktion, Stichwort „Geschenk“, Friedrich-Engels-Ring 29, 17033 Neubrandenburg.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Neubrandenburg

Kommende Events in Neubrandenburg (Anzeige)

zur Homepage