Auf der Suche nach der verschwundenen Gerda Wiese durchkämmten etwa 60 Bereitschaftspolizisten ein Waldgebiet bei Priborn
Auf der Suche nach der verschwundenen Gerda Wiese durchkämmten etwa 60 Bereitschaftspolizisten ein Waldgebiet bei Priborn. Udo Roll
Spurlos verschwunden

Wenn Menschen plötzlich weg sind – Langzeit-Vermisste an der Seenplatte

An der Mecklenburgischen Seenplatte werden derzeit sechs Menschen vermisst, von denen trotz intensiver Fahndungen bislang keine Spur entdeckt wurde.
Neubrandenburg

Große Erleichterung, und das gleich zwei Mal. Ein schon als vermisst gemeldetes 13-jähriges Mädchen aus dem kleinen Dorf Groß Vielen, von der alarmierten Polizei bereits zur öffentlichen Fahndung ausgeschrieben, konnte schon wenige Stunden nach ihrem Verschwinden wieder wohlbehalten angetroffen werden. Der gleiche Glücksfall, auch Mitte Mai, traf bei einer vier Jahre älteren Jugendlichen aus Neubrandenburg zu. Nach nur einer Nacht des Verschwindens durfte die Polizei auch in dem Fall aufatmen und den „Fund“ der 17-jährigen verkünden. Warum und wohin die beiden Mädchen verschwanden, teilte die Polizei nicht mit. Wichtig war nur: Sie sind wieder da.

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Eine solche Erfolgsmeldung blieb den Ordnungshütern im aktuellen Fall einer 60-Jährigen aus Waren noch versagt. Die Frau, Patientin im Krankenhaus der Stadt, wurde zuletzt in den frühen Abendstunden des 15. Mai gesehen – und galt drei Wochen lang wie vom Erdboden verschluckt. Die üblichen großen Suchaktionen der Polizei mit Unterstützung eines Hubschraubers, der Einsatz von Fährtenhunden und einer Drohne waren zunächst vergebens. Die Frau wurde im Juni tot gefunden.

Die Fälle, bei denen keine Straftat vermutet wird

Aktuell gelten sechs Menschen aus der Mecklenburgischen Seenplatte als langzeitvermisst, so eine Sprecherin. In dieser Statistik, so heißt es weiter, finden allerdings nur jene Fälle Eingang, hinter denen keine Straftat vermutet wird. Entweder sind die seit ein paar Wochen verschwunden – oder seit mehreren Jahrzehnten.

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An der Mecklenburgischen Seenplatte zählt zu den Vermissten, von denen Familie und Freunde bis heute nicht Abschied nehmen konnten, auch immer noch der Warener Rentner Bodo Hahn. Im Juli 2012, vor fast genau zehn Jahren, verließ der 76-jährige seine Neubauwohnung und gilt fortan trotz aller Fahndungsmaßnahmen als vermisst.

Vom Rentner fehlt jede Spur

Zu denjenigen, die wie vom Erdboden verschluckt scheinen, zählt auch ein älterer Herr aus Burg Stargard. Dessen Geschichte klingt fast unglaublich, denn der 79-Jährige, der am 2. Juni 2018 zum letzten Mal gesehen wurde, war nicht nur schwer an Demenz erkrankt, sondern obendrein auch noch gehbehindert. Und obwohl Polizisten und Verwandte buchstäblich jeden Stein umdrehten, bleibt der Rentner verschwunden.

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In Neubrandenburg hingegen verschwand vor sechs Jahren eine Seniorin aus dem Klinikum, deren sterbliche Überreste dann Wochen später von einem Förster etliche Kilometer entfernt in einem Wald gefunden wurden. Tragisch wahrscheinlich auch das Schicksal eines 82 Jahre alten Mannes aus Neubrandenburg. Der wurde zu Himmelfahrt vor vier Jahren zum letzten Mal auf dem Tollensesee gesehen. Später fanden Polizisten nur noch sein herrenlos auf dem See treibendes Ruderboot, von dem Rentner fehlt bis heute jede Spur.

Öffentlichkeit nach langer Zeit um Hilfe gebeten

Zu den Langzeitvermissten hingegen zählt Renè Last, der im April 1994 von einer Stunde auf die andere plötzlich nicht mehr da war. Der junge Malchower, der seit mehr als 28 Jahren vermisst wird, spielte in den sozialen Medien im Ende 2020 eine große Rolle, weil die Polizei damals die Öffentlichkeit nach so langer Zeit erneut um mögliche Informationen zum Verschwinden des Tankstellen-Lehrlings gebeten hatte.

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Da erinnerten sich einige wieder an den Kleinstädter und an die rätselhaften Umstände seines Verschwindens. Aber das Entscheidende, nämlich neue Informationen über die Umstände seines Verschwindens oder Hinweise zu seinem Aufenthalt, blieben aus.

Gerda Wiese bleibt verschwunden

Renè Last, der lebenslustige Malchower, verschwand am Abend des 8. April 1994 nach einer Feier mit Freunden am Malchower Recken, der Verbindung von Malchower und Petersdorfer See. Gegen 21 Uhr soll er sich auf den Nachhauseweg begeben haben, sagten damals die geschockten Freunde. Seitdem fehlt von dem jungen Mann jede Spur – an Land und im Wasser.

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Ein Beispiel noch, dessen Unbegreiflichkeit noch nicht so lange herrührt. Immer noch ungeklärt ist auch das tragische Schicksal der ehemaligen Lehrerin Gerda Wiese aus Priborn im Süden der Müritzregion. Wie und warum die Rentnerin in der Adventszeit 2015 urplötzlich verschwand, gilt bis heute als eines der größten Geheimnisse in den Fahndungsakten der Kripo. Trotz der intensivsten Suchaktionen in der Polizeigeschichte des Landes und trotz der Dauerpräsenz des Falles in den Medien – unter anderem baten auch die Macher der ZDF-Sendung „XY-ungelöst“ um Mithilfe – bleibt Gerda Wiese verschwunden. Die Fahnder sind längst überzeugt: Bei dem, was damals in Priborn geschah, müsse man wohl von einem Kapitalverbrechen ausgehen.

Wann gilt man als vermisst?

Wann gelten eine Frau, ein Mann oder ein Kind als vermisst? Für die Familie und den Bekanntenkreis dann, wenn die Person aus unerklärlichen Gründen ihrem gewohnten Aufenthaltsort fern bleibt. Die Polizei leitet eine Vermissten-Fahndung ein, wenn eine Person ihren gewohnten Lebenskreis verlassen hat, ihr derzeitiger Aufenthalt unbekannt ist und eine Gefahr für Leben oder Gesundheit – zum Beispiel als Opfer einer Straftat, eines Unfall, Hilflosigkeit oder eine Selbsttötungsabsicht – angenommen werden kann. Erwachsene, die im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte sind, haben dagegen das Recht, ihren Aufenthaltsort frei zu wählen, auch ohne diesen den Angehörigen oder Freunden mitzuteilen.

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Minderjährige dürfen hingegen ihren Aufenthaltsort nicht selbst bestimmen. Bei ihnen wird grundsätzlich von einer Gefahr für Leib oder Leben ausgegangen. Sie gelten für die Polizei bereits als vermisst, wenn sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen haben und ihr Aufenthalt nicht bekannt ist.

Hälfte der Fälle in einer Woche gelöst

Die Personalien vermisster Personen werden in einem bestimmten Informationssystem der Polizei erfasst und damit zur Fahndung ausgeschrieben. Auf dieses System haben alle deutschen Polizeidienststellen Zugriff. Erfahrungsgemäß erledigen sich etwa 50 Prozent der Vermissten-Fälle innerhalb der ersten Woche. Binnen Monatsfrist liegt die „Erledigungs-Quote“ bereits bei über 80 Prozent. Der Anteil der Personen, die länger als ein Jahr vermisst werden, bewegt sich bei nur etwa drei Prozent.

Anfang 2022 waren insgesamt rund 8800 Fälle vermisster Personen in Deutschland im polizeilichen Suchsystem registriert. In dieser Zahl sind sowohl Fälle vermisster Personen enthalten, die sich innerhalb weniger Tage aufklären, als auch über viele Jahre und Jahrzehnte Vermisste, deren Verbleib nicht festgestellt werden konnte. Täglich werden jeweils etwa 200 bis 300 Fahndungen neu erfasst, etwa die gleiche Anzahl wird wegen Erledigung gelöscht. Interessant auch: Mehr als zwei Drittel aller Vermissten sind männlich.

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