Pfeilspitzen aus dem Tollensetal

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Wer weiß schon von diesem Schlachtfeld?

Seit 2008 wird im Tollensetal bei Weltzin gegraben. In diesem Jahr herrscht Stille, Geld fehlt. Knapp ein Viertel des vermuteten Schlachtfeldes soll erst untersucht sein.
Seit 2008 wird im Tollensetal bei Weltzin gegraben. In diesem Jahr herrscht Stille, Geld fehlt. Knapp ein Viertel des vermuteten Schlachtfeldes soll erst untersucht sein.
Christina Weinreich

In Berlin ist gerade eine Sonderausstellung eröffnet worden, in der erstmals die spektakulärsten Funde der deutschen Archäologie in den vergangenen 20 Jahren gezeigt werden. Die hat auch was mit dem Amtsbereich Treptower Tollenwinkel zu tun.

Die spektakulärsten Funde, die die deutsche Archäologie in den vergangenen 20 Jahren zutage beförderten, sind im Berliner Gropius-Bau versammelt und seit Freitag vergangener Woche der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. 200 000 Jahre Menschheitsgeschichte aus allen Teilen der Bundesrepublik werden dort unter dem Titel „Bewegte Zeiten“ gezeigt. In der jüngsten Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ heißt es, dass diese Schau „zu den spektakulärsten Sonderausstellungen gehört, die je in Deutschland eröffnet wurden“. Und sie hat einen sehr engen Bezug zum Amtsbereich Treptower Tollensewinkel.

Zu den ersten Besuchern dieser Show zählte Ronald Borgwardt mit Familie aus Fahrenholz, jener Mann, der 1996 im Alter von 28 Jahren einen Oberschenkelknochen aus dem Uferrand der Tollense zog. In dem steckte eine Pfeilspitze. Dieser Fund war ohne Übertreibung der Auslöser der Grabungen im Tollensetal, die jedoch erst 2008 einsetzten und Spektakuläres ans Licht brachten: Im Tal in Höhe Weltzin fand vor 3300 Jahren eine der ältesten bronzezeitlichen Schlachten im Norden Europas statt. Das ahnte der junge Mann damals natürlich noch nicht. Er blieb bis heute Hobbyarchäologe, widmet dieser Leidenschaft jede freie Minute und hat inzwischen einer großen Zahl urgeschichtlich interessierter Menschen den Tatort oder besser die Fundgrube „Tollensetal“ näher gebracht.

Nach Berlin trieb es den Mann mit doppelter Neugier: Zu den spektakulärsten Funden im Gropius-Bau gehören auch Teile der Grabungen in Höhe Weltzin. Das Auffinden des ältesten Schlachtfeldes der Menschheit zählt zu den spektakulärsten Entdeckungen der deutschen Archäologie an der Tollense. Wer sich da allerdings wütend metzelnd, meuchelnd und mordend gegenüberstand – es werden mehrere tausend Kämpfer vermutet – ist noch unklar. Das „Ausstellungsstück“ Tollensetal steht also auf der gleichen Ebene wie die Himmelsscheibe von Nebra oder die 14 000 Jahre alte Flöte, die auch in der Ausstellung zu sehen sind.

Borgwardt schwärmt immer noch von seinem Erlebnis im Gropius-Bau und ermuntert alle, sich die Schau anzusehen. „Der Ausstellungsort ist schon Wahnsinn, die Ausstellung eine Wucht. So viele bedeutende Dinge auf einmal bekommt man nie wieder zu sehen. Um jedes einzeln betrachten zu können, müsste man quer durch die Bundesrespublik reisen. In Berlin hat man alles auf einer Fläche, alles sehr spannend, intelligent und unterhaltsam zusammengestellt“, lobt er. Es sei an keiner Stelle langweilig geworden, auch nicht seinen beiden Töchtern. Das Gefühl der Ehrfurcht habe ihn beschlichen, als er plötzlich die Pfeilspitzen aus dem Tollensetal erblickte. Wer hinfährt, sollte auf jeden Fall zwei, drei Stunden für den Besuch einplanen, empfiehlt er.

Die Ausstellung, so schreibt der „Spiegel“ weiter, „soll nicht nur beweisen, dass heimische Urgeschichte spannend und in vielerlei Hinsicht beispiellos ist. Sie soll helfen, einen Missstand zu beheben.“ Jeder würde beispielsweise Nofretete, den Pergamonaltar, irgendwelche Pharaonen oder das antike Griechenland kennen und auch was dazu erzählen können. „Doch wer weiß schon vom Schlachtfeld an der Tollense, auf dem sich vielleicht zum ersten Mal in der deutschen Geschichte kollektive Identität offenbarte?“

„Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland.“ läuft noch bis zum 6. Januar 2019 im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Berlin-Kreuzberg. Die Ausstellung ist geöffnet von Mittwoch bis Montag von 10 bis 19 Uhr.