Einlauf der Tollense Sharks mit Licht und Kunstnebel aus dem Werferring des Jahnstadions bei einem Regionalligaspiel im Jahr 2
Einlauf der Tollense Sharks mit Licht und Kunstnebel aus dem Werferring des Jahnstadions bei einem Regionalligaspiel im Jahr 2013 NK-Archiv
Anfang der 90er-Jahre ging es am Tollensesee los – und die Jugendseite der Neubrandenburger Ausgabe des Nordkurier nahm
Anfang der 90er-Jahre ging es am Tollensesee los – und die Jugendseite der Neubrandenburger Ausgabe des Nordkurier nahm als erstes Notiz davon. Repro: NK-Archiv
Kampf um die „Pille für den Mann” – dank der Fördergelder und früh gefundener Sponsoren passi
Kampf um die „Pille für den Mann” – dank der Fördergelder und früh gefundener Sponsoren passierte das bald mit professioneller Ausrüstung. Repro: NK-Archiv
Dem ersten Übungsspiel (Scrimmage) gegen Schwerin folgte das erste offizielle Spiel gegen die Mountain Tigers aus Wernige
Dem ersten Übungsspiel (Scrimmage) gegen Schwerin folgte das erste offizielle Spiel gegen die Mountain Tigers aus Wernigerode, bei denen unter anderem DDR-Sprinter Frank Emmelmann im Trainerstab mitmischte. Und es gab einen Sieg für Neubrandenburg. Repro: NK-Archiv
Wie hier 2011 im Regionalligaspiel gegen die Rostock Griffins ging es bei den Sharks immer gut zur Sache.
Wie hier 2011 im Regionalligaspiel gegen die Rostock Griffins ging es bei den Sharks immer gut zur Sache. NK-Archiv
Sharks-Urgestein Stefan Lehmann (rechts) mit Unternehmer und Sponsor Ömer Emirzeoglu
Sharks-Urgestein Stefan Lehmann (rechts) mit Unternehmer und Sponsor Ömer Emirzeoglu Jörg Franze
Jubiläum

Wie American Football Jungs von der Gewalt abbrachte

Die Tollense Sharks wurden vor 30 Jahren in Neubrandenburg gegründet. Der Verein zeigte Jugendlichen nach der Wende einen Weg aus der Gewaltbereitschaft und weg vom Neonazi-Gehabe.
Neubrandenburg

Erinnerungen fangen oft mit „Weißt Du noch?“ an. Und wenn sich am Sonnabend im Flughafenrestaurant von Trollenhagen viele ehemalige und ein paar heute noch aktive Mitstreiter des Neubrandenburger Vereins „Tollense Sharks“ treffen, wird es natürlich um alte Zeiten gehen. Um tolle Spiele und geniale Spielzüge der American Footballer, um Siege und ein paar Niederlagen, um Kameradschaft und Zusammenhalt auf und neben dem Platz.

„Ohne die Sharks hätte es mehr Prügeleien gegeben”

Aber auch, wenn American Football inzwischen eine trendige Sportart geworden ist, sogar am Sonntagabend zur besten Sendezeit frei empfangbar im deutschen Fernsehen läuft – an dieser Stelle soll es nicht so sehr um den Sport gehen. Denn die Tollense Sharks, das war gerade in den Anfangsjahren eine Geschichte mit ganz anderer Bedeutung. Ein „Sozialprojekt“, ein Rettungsanker für Jugendliche, Anti-Aggressionsarbeit in der Nachwendezeit in einer Stadt mit der jüngsten Einwohnerstruktur der DDR, in der viele Jugendliche nicht wussten, wohin es für sie im Leben gehen soll. „Ohne die Sharks hätte es in und um Neubrandenburg deutlich mehr Prügeleien gegeben, vor allem in Diskotheken“, ist sich Stefan Lehmann sicher, viele Jahre Spieler, einige Zeit Trainer und auch kurz mal Vereinspräsident der „Haie“. Einer, der seit gut 35 Jahren als Türsteher viel „Stress“ erlebt hat.

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Bei den ersten Schritten des Vereins war zum Beispiel Daniel Rogge, früher im Verein unter dem Nachnamen Hübner aktiv, mit dabei. „Nach der Wende gab es in Neubrandenburg eine ganze Menge Jugendlicher, die orientierungslos waren. Es war viel weggebrochen, wir hatten keine Vorbilder mehr und mussten uns neu orientieren“, erinnert sich der heutige Geschäftsführer eines intensivpädagogisch-therapeutischen Kinder-, Jugend- und Elternzentrums zurück. Einige Jungs hätten auch radikalen Ideen nachgehangen, manche links, noch mehr aber rechts orientiert. Gewalt war da durchaus ein Mittel der Auseinandersetzung.

Anfänge am Tollensesee im alten Trainingsanzug

Und dann kam da diese neue Idee in die Clique. Vor allem Jungs aus der Südstadt, vom Lindenberg und den Häusern in Tollensesee-Nähe fanden sich zusammen, hatten vom Männersport American Football gehört und wollten das ausprobieren. Noch ganz unprofessionell, ohne schützende Polster oder Helme, zunächst mit Trainingsklamotten, wurde am Strand geübt. „Das war was, das brachte die Leute zusammen, das war ein neues, gemeinsames Ziel“, rekapituliert Daniel Rogge.

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Von den „Haien“ der ersten Stunde waren einige durchaus schon vorher mit Gewalteskapaden aufgefallen. Dokumentiert ist dies zum Beispiel im Film „Jung und Böse – Die Lust an der Gewalt“ von 1993, in dem auch Szenen in Neubrandenburg gedreht wurden. Hier bot sich jetzt eine Chance, die eigene Kraft einzusetzen, sich auszupowern, ohne straffällig zu werden. Und dieser neue Sport, zum großen Teil mit Vorbildern aus den USA und darunter vielen mit afroamerikanischen Wurzeln, tat seinen Teil zum Wandel der jungen Menschen.

Einen Streetworker an die Seite gestellt

Das erlebte auch Detlef Wolff, genannt „Deddy“, damals Streetworker in Neubrandenburg, hautnah mit. Irgendwann Anfang der 90er-Jahre seien ein paar der ersten Sharks-Enthusiasten im Jugendamt der Stadt aufgetaucht und hätten gefragt, ob da nicht ein bisschen Geld lockergemacht werden könne, für Ausrüstung und Sportmaterial. So einfach war das aber nicht, schließlich musste irgendein Fördertopf dafür angezapft werden. Als schließlich Mittel aus dem „Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt“ flossen, bekamen die jungen Footballer eben auch einen Sozialarbeiter an die Seite gestellt – und das war Detlef Wolff.

Der AMBer und „ungelernte“ Sozialarbeiter nahm die Jungs und ihr Anliegen ernst. Und obwohl sie längst nicht immer einer Meinung waren, entstand gegenseitiger Respekt. Er half beim Aufbau von Vereinsstrukturen und besorgte zum Beispiel einen Raum, damit sich die Football-Anfänger treffen und Theorie pauken konnten. „Und das waren zum Teil Leute, die mit der Schule wenig am Hut hatten“, muss Deddy noch im Nachhinein grinsen.

Auf die soziale Bedeutung des Projektes angesprochen, wird Detlef Wolff schnell wieder ernst. Denn er hat damals miterlebt, wie der Sport die jungen Menschen veränderte und von ideologischen Abwegen wegbrachte. „In der rechten Szene ging und geht es immer wieder um Härte, um Zusammenhalt, um traditionelle Werte. In der Nachwendezeit schien das für einige junge Menschen erstrebenswert, es fehlte ja jegliche Orientierung. Der American Football bot das und wurde so zur Alternative.“ In gewisser Weise seien die Sharks eine Art „Aussteigerprogramm“ für junge Nazis geworden, obwohl das überhaupt nicht beabsichtigt war. „Und längst nicht jeder, der mittrainierte, kam irgendwie aus der rechten Ecke“, betont Deddy.

Der „Hai-Fütterer“ aus dem Reitbahnweg

Auch an einem Freund und Unterstützer der Tollense Sharks seit der ersten Stunde wird deutlich, was der Aufbau dieses Sportvereins bei denen bewirkte, die ihn betrieben. Denn die harten Jungs mit gewisser Abneigung gegen Ausländer wurden fast seit der ersten Stunde von Ömer Emirzeoglu verköstigt, den Stefan Lehmann mit der Ehrenposition „Dönerback“ betitelt. Der gebürtige Türke, seit nunmehr 32 Jahren in Neubrandenburg, fragte nicht nach links und rechts, sondern verpflegte die Truppe, wann immer es notwenig war, egal ob deutscher Jugendlicher oder amerikanischer Importspieler. „Noch heute kommen Nachwuchsspieler nach dem Training hierher und kriegen ihr Essen“, hebt Lehmann hervor. „Nach der Wende waren hier viele Jungs auf der Straße und wussten nicht, was sie wollten. Im Sport fanden sie ein Ziel und kamen von der Straße weg“, erzählt Ömer Emirzeoglu. Er habe Respekt vorgelebt, „und dann kriegst Du das auch zurück.“

„Ich war auch ’n ganz schöner Taugenichts“, gibt Stefan Lehmann rückblickend auf seine Jugendzeit zu. Dem Drang, seine Kräfte zu messen und sich auszutoben, ging er nach eigener Erzählung erst beim Judo und dann beim Ringen nach. Doch als er dann die Sharks erlebte, die zu Anfang auch noch im alten Harderstadion am Pferdemarkt spielten, entdeckte er eine neue Leidenschaft für sich, der er bis heute auf unterschiedliche Art und Weise treu geblieben ist. „Ich hab nicht zuletzt dadurch gemerkt, dass Individualsport nicht so mein Ding ist, sondern ich eher ein Gruppenmensch bin. Und bei den Sharks fand ich Bestätigung und konnte so sein, wie ich bin.“

„Der Schwarm ist alles“ lautet das Leitmotiv

Nach dem ersten Training überlegte Lehmann nach eigener Erinnerung schon, „was ich mir hier antue“. Aber er biss sich durch. Es sei ihm gar nicht unbedingt um den Sport gegangen, obwohl er American Football bis heute schätzt. Er habe sich in der Gruppe „trotz einiger schwieriger Charaktere wohlgefühlt“, wie er zugibt. „Einige kannte ich ja von der Tür“, sagt er unter Verweis auf seinen Ordner-Job. Das sei nicht immer friedlich abgegangen. „Aber ich habe gesehen, wie die Jungs sich geändert haben – vom Stress machen zum Stress abbauen.“

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Der Zusammenhalt steht für ihn bis heute beim Thema Sharks ganz oben: „Der Schwarm ist alles“, lautet sein letzter Satz. Könnte auch an der Tür zur Flughafengaststätte stehen, wenn sich die Jungs und vielleicht ein paar Cheerleaderinnen dort am Samstag treffen. Wer Teil dieser Geschichte war, bisher nichts vom Jubiläum wusste und spontan da auftauchen möchte, „kann das machen“, lädt Stefan Lehmann ein.

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