Fußball-Schiedsrichter in der Region – kein einfaches Amt. Erfahrener Referee: Eberhard Hoth (r.), Chef vom Schied
Fußball-Schiedsrichter in der Region – kein einfaches Amt. Erfahrener Referee: Eberhard Hoth (r.), Chef vom Schiedsrichterausschuss im Seenplatte-Fußballkreis. Roland Gutsch
Gewalt und Beleidigung

Wie sicher sind unsere Seenplatte-Schiedsrichter?

Seit ein Jung-Referee auf Rügen attackiert wurde, ist eine Diskussion zum Thema „Gewalt gegen Schiris” im Gange. Auch im Kreisfußballverband der Seenplatte hat man solche Erfahrungen.
Neubrandenburg

Natürlich sei er „ziemlich geschockt“ gewesen, als er davon gehört habe, dass auf der Insel Rügen ein junger Schiedsrichter in einer Kreisliga-Partie einen Tritt abbekommen hatte, was zum Spielabbruch führte. Andererseits verwunderten ihn, Eberhard Hoth, solche Attacken schon gar nicht mehr. Denn Sittenverfall im Verhalten gegenüber den Referees sei auch im Kreisfußballverband Mecklenburgische Seenplatte längst ein Thema. Hoth amtiert als dessen Schiedsrichterausschuss-Vorsitzender und ist selbst seit vielen Jahren mit der Pfeife auf den Kicker-Plätzen der Gegend unterwegs. Der weiß, wovon er redet. „Die Problematik ist uns vertraut, leider, wobei es hier eher um verbale Entgleisungen geht, um Beleidigungen. Die Atmosphäre ist allgemein zunehmend aggressiv.“

Wiederholt verbale und körperliche Attacken

Der „Rügen-Fall“ vom vorigen Wochenende – der 18-jährige Schiri Jonas Nehls wurde im Spiel SV Rambin-FSV Garz offenbar körperlich angegriffen, nachdem er einen Garzer des Feldes verwiesen hatte –, hat schnell die Runde gemacht und wird auch in der hiesigen Fußball-Szene heftig diskutiert.

Der Landesfußballverband Mecklenburg-Vorpommern (LFV) zeigte sich besorgt über die Zunahme an gemeldeten Gewaltvorfällen gegenüber Schiedsrichtern (der Nordkurier berichtete). Es sei in dieser Spielzeit wiederholt zu verbalen und auch körperlichen Auseinandersetzungen auf dem Platz gekommen. „Das ist absolut indiskutabel! Wir verurteilen jedwede Form von Gewalt im Zusammenhang mit der Austragung von Fußballspielen auf den Sportanlagen in unserem Bundesland“, äußerte LFV-Präsident Joachim Masuch. Der frühere Bundesliga-Schiedsrichter Torsten Koop, seit einigen Jahren Vorsitzender im Schiri-Ausschuss des Landesverbands, mahnte an: „Wir erleben derzeit immer wieder teils harte körperliche Übergriffe, die noch vor nicht allzu langer Zeit eigentlich unvorstellbar waren.“ Dies müsse aufhören und sei „einfach nur abscheulich“.

Immer wieder ist von Generalstreit der Schiris die Rede

In den sozialen Medien wird von vielen Stellen Solidarität mit Rügen-Referee Nehls gefordert. Immer wieder ist dabei von einem Schiri-Generalstreik die Rede, möglichst zeitnah. Eberhard Hoth stellt klar: „In Planung ist da noch gar nichts. Am kommenden Wochenende läuft bei uns alles wie vorgesehen. Und ich halte auch nichts von spontanen Aktionen. Wobei ich grundsätzlich nicht gegen einen Streik bin. Wenn, dann müssten alle Kreisverbände mitmachen. Im Berliner Fußball-Verband gab‘s so etwas ja vor zwei Jahren schon einmal.“

Diana Räder-Krause, die neue Vorsitzende im Fußballverband Vorpommern-Greifswald, hat sich gegen einen Generalstreik im gesamten Bundesland ausgesprochen. „Das würde aus meiner Sicht den vielen Vereinen schaden, die sich in all den Jahren nichts zu Schulden kommen lassen haben“, so die Ex-Schiedsrichterin gegenüber Nordkurier.

Eberhard Hoth berichtet von einem Fall der „Grenzüberschreitung“, den er vor einigen Wochen erlebte: „In diesem Spiel musste ich zehn Gelbe Karten zeigen, zwei Gelb-Rote und eine Rote. Ein Fußballer nannte mich ,Idiot‘ und verpasste mir einen Schultercheck, nachdem er Gelb-Rot wegen eines Fouls und wegen Ballwegschlagens gesehen hatte. Ich schrieb deshalb einen Sonderbericht. Und noch einen, weil sich ein Ordner beleidigend geäußert hatte.“

Vereine in der Pflicht, deeskalierend zu wirken

Wobei der Routinier schwindenden Respekt gegenüber Schiedsrichtern eher von Seiten der Zuschauer ausmacht. „Einige denken wohl, sie haben für ihre zwei Euro Eintritt das Recht erworben, den Schiedsrichter von der ersten bis zur letzten Spielminute verbal zu attackieren. Was da manchmal reingebrüllt wird, ist komplett unter der Gürtellinie. Von Fußball-Sachverstand rede ich schon gar nicht mehr.“ Hoth sieht die Vereine in der Pflicht, deeskalierend zu wirken: „Die Ordnungskräfte müssen ihren Job machen und konkret eingreifen.“

Er, Hoth, habe sich im Laufe der Jahre „ein dickes Fell“ zugelegt, könne indes verstehen, wenn jungen Pfeifen-Leuten angesichts genannter Malaise „die Lust an der schönsten Nebensache der Welt“ verginge. „Es geht oft ans Limit, nicht selten drüber. Da fragt sich doch manch einer, der gerade die Schiri-Prüfung hinter sich hat und seine ersten Erfahrungen macht: Muss ich mir das wirklich antun?“ Genügend Schiedsrichter zur Verfügung stellen zu können, das ist auch in der Seenplatte Saison für Saison eine große Herausforderung.

Schiedsrichterausschuss-Chef Hoth sieht über die Kreisgrenzen hinaus: „Das Ganze ist doch ein gesamtgesellschaftliche Problem. Ob Polizei, Feuerwehr, die sozialen Dienste – sie haben alle mit mangelndem Respekt gegenüber ihrer Arbeit zu kämpfen.“

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