Bäckermeister Thomas Gesche (59) aus Neubrandenburg ist Bäcker mit Leib und Seele.
Bäckermeister Thomas Gesche (59) aus Neubrandenburg ist Bäcker mit Leib und Seele. Pablo Himmelspach
Bäckermeister Thomas Gesche backt mit seinen Mitarbeitern für drei Filialen in Neubrandenburg.
Bäckermeister Thomas Gesche backt mit seinen Mitarbeitern für drei Filialen in Neubrandenburg. Pablo Himmelpach
Interview

Wozu braucht es noch Bäckereien, Herr Gesche?

Bäckereien stehen vor dem Aussterben, heißt es. Auch die Neubrandenburger Bäckerei Gesche verliert Kunden, aber Inhaber Thomas Gesche bleibt selbstbewusst.
Neubrandenburg

Die Bäckerei Gesche hat insgeamt 26 Mitarbeiter und betreibt in Neubrandenburg (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte) drei Filialen. Unser Redaktionsmitglied Pablo Himmelspach fragte den 59-jährigen Bäckermeister Thomas Gesche im Interview, was die Energiekrise für sein Unternehmen bedeutet und worin er die Vorteile eines Bäckerbrotes gegenüber Supermarkt-Ware sieht.

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Was geht verloren, wenn die Bäckereien verschwinden, wie mancher befürchtet?

Ein ganz großes Kulturgut. Weil das deutsche Bäckerhandwerk einmalig auf der Welt ist. Das wird von anderen Ländern sehr beneidet und nachgeahmt. Es ist ein Gewinn für den Kunden, wenn er sagen kann: Bei dem schmeckt mir das Brot, und bei dem anderen hole ich mir ein Stück Kuchen oder der macht die besten Torten. Unterschiedliche Angebote und persönliche Fähigkeiten haben das Leben bunter und reicher gemacht und deswegen ist es ein Kulturgut, was gerade in Deutschland verloren geht.

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Braucht es denn wirklich die Bäckereien, wenn es doch günstiges Brot in den Supermärkten gibt?

Wenn es um das reine Satt-Werden geht, braucht es keinen Bäcker. Aber wenn es um Lebensmittel geht, um Nahrung, die uns Vitalität geben soll, gibt es Unterschiede. Bei einem Industrieprodukt wird der Teig oft der Maschine angepasst und dadurch habe ich da Zusätze. Der am schwersten verdauliche Teil von Weizenmehl ist Gluten. Das ist für viele unverträglich geworden, was daran liegt, dass es extra zu dem Teig gegeben wird. Das machen wir nicht. Und das Schönste ist, dass Kunden zu uns kommen und sagen, sie könnten das Brot essen, ohne Bauchschmerzen zu bekommen.

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Der zweite Punkt ist die Zeit der sogenannten Teigführung. Wir praktizieren eine Teigführung von mindestens 16 Stunden. Dadurch entsteht eine Art Fermentierungsprozess und damit eine Verbesserung in der Verträglichkeit.

 

Kann sich der Großteil Ihrer Kunden noch eine Torte leisten?

Ich unterscheide immer zwischen Nahrungsmitteln und Genussmitteln. Eine Torte ist ein Genussmittel, das man nicht so oft braucht. Das kann man sich natürlich noch leisten, aber vielleicht nicht mehr so oft. Wenn ich aber Qualität will beim Brot als Nahrungsmittel, esse ich vielleicht weniger Brot, leiste mir dafür ein gutes Produkt. So würde ich das auch mit der Torte sehen. Wenn ich es zwar seltener mache, aber trotzdem zum Bäcker gehe, erhalte ich diesen Bäcker.

 

Das heißt, der Kunde trägt auch eine Verantwortung?

Der Kunde hat die Macht zu entscheiden, wer in Zukunft überleben soll. Welche Art der Herstellung der Nahrung wir erhalten wollen, für uns, für unsere Kinder. Das bedeutet aber, dass ich mich kümmern muss, um zu gucken, welcher Bäcker wie arbeitet.

 

Mussten Sie aufgrund hoher Rohstoffpreise Ihr Angebot anpassen? Allgemeiner gefragt: Was tun Sie, um mit der jetzigen Situation umzugehen?

Bei Rohstoffen, die von weit herkommen, sind wir starken Preisschwankungen unterworfen. Gewisse Sachen sind schwer zu kriegen, wie Mandeln, Mohn oder Feigen. Aber wir können jederzeit Rezepte abändern. Wenn es jetzt keinen Mohn gibt, dann machen wir halt einen Kirschkuchen. Ich bin da viel freier, als wenn ich irgendwelche fertigen Mischungen kaufe.

 

Bangen Sie um die Existenz Ihres Unternehmens?

Eigentlich nicht wirklich, denn unterm Strich wissen wir, was wir können. Und die Supermärkte werden ja auch teurer. Wenn sich der Kunde noch besser informiert und auswählt, haben wir diebesten Karten.

 

Was erwarten Sie von der Politik?

Generell wollen wir Unternehmer selber klarkommen. Wir wollen nicht Förderanträge schreiben und wir wollen nicht Hilfen beantragen. Aber wenn die Bedingungen so sind, wie sie jetzt sind, dann brauchen wir Hilfen von der Regierung. Es sei denn, die wollen die kleinen Betriebe nicht mehr.

 

Das bedeutet, Sie benötigen finanzielle Hilfen?

Einfacher wäre ein Preisdeckel für Strom und für Energie. Wenn die Regierung das macht, dann muss ich meine Preise nicht so stark anheben. Wenn ich so wie im Moment ab kommendem Jahr den zehnfachen Preis an Strom zahlen muss, muss ich meine Preise um 50 Prozent anheben. Und dann verliere ich noch mehr Kunden.

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