Jörg Fenger, Verteidiger, der angeklagte Stiefvater und Bernd Raitor, Verteidiger, im Gerichtssaal (Archivbild)
Jörg Fenger, Verteidiger, der angeklagte Stiefvater und Bernd Raitor, Verteidiger, im Gerichtssaal (Archivbild) Bernd Wüstneck
Mordprozess

Wurde Leonies Stiefvater vorverurteilt?

Im Prozess um den Tod der kleinen Leonie prallten Staatsanwaltschaft und Verteidigung in ihren Plädoyers frontal aufeinander.
Neubrandenburg

Am 9. Januar hat das Landgericht Neubrandenburg ein Urteil in dem Mordprozess um die kleine Leonie gefällt. Sie starb am 12. Januar 2019 in der Wohnung ihrer Mutter und ihres Stiefvaters in Torgelow. 

David H. hielt es am Montag kaum auf der Anklagebank. Die Augen flackerten, die Hände zitterten, der Körper war voller Anspannung – wortlos, mit rotem Kopf verfolgte der Stiefvater der getöteten Leonie den vierstündigen Schlagabtausch zwischen seinen beiden Verteidigern Jörg Fenger und Bernd Raitor und Staatsanwalt Bernd Bethke.

Der Angeklagte zeigte Emotionen

Letzterer hatte den Angeklagten mit seinem Plädoyer sichtbar emotional unter Strom gesetzt und in Tateinheit wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen, Körperverletzung mit Todesfolge und Mord eine lebenslange Haft gefordert. Kaum hatte Bethke die Höchststrafe ins Spiel gebracht, ballte Leonies leiblicher Vater Oliver E. als Nebenkläger triumphierend die Faust.

+++ Alle Nordkurier-Artikel zum Mordfall Leonie finden Sie hier. +++

Doch aus der Faust wurde schnell Frust. Denn die Verteidigung hielt mächtig dagegen und übte scharfe Kritik an der Argumentation der Staatsanwaltschaft und der Ermittlungsarbeit der Polizei. „Es herrschte keine Waffengleichheit, wenn im April ein Ortstermin der Tatwohnung in Torgelow mit Staatsanwaltschaft, Polizei, Rechtsmedizinerin und der leiblichen Mutter stattfindet, ohne dass die Verteidigung etwas davon weiß. Wir hätten gerne an dem Termin teilgenommen, um für eine bessere Aufklärung der Geschehnisse zu sorgen“, fuhr Bernd Raitor schwere juristische Geschütze auf.

„Anklage beruht auf unglaubwürdigen Widersprüchen”

Jetzt wisse man objektiv nur, dass Leonie tot und an schweren Verletzungen gestorben sei. Man wisse aber nicht, wer ihr die Verletzungen wo und wann zugeführt habe. Raitor: „Die Argumentation der Staatsanwaltschaft basiert lediglich auf unglaubwürdigen und widersprüchlichen Aussagen der leiblichen Mutter.“ All ihre Behauptungen seien unbewiesene Indizien. In dem Zusammenhang erinnerten Raitor und Fenger an den Beginn der Ermittlungen in den ersten Wochen nach dem gewaltsamen Tod Leonies am 12. Januar 2019.

„Zunächst hatten Polizei und Staatsanwaltschaft sowohl gegen Stiefvater als auch gegen Mutter Janine Z. wegen Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt. Um dann wenigstens einen Zeugen für die tödlichen Vorfälle zu haben, haben sie die Ermittlungen gegen die Beiden voneinander getrennt – fortan wurde David H. des Mordes angeklagt und die leibliche Mutter konnte unter Ausschluss der Öffentlichkeit ihre den Stiefvater belastenden Aussagen verbreiten”, so Anwalt Raitor.

Leonies Mutter verweigerte Aussage

Für „unfair“ hielt die Verteidigung zudem, dass Janine Z. in vier Verhandlungsrunden habe aussagen dürfen, stets nur befragt vom Vorsitzenden Richter Jochen Unterlöhner. „Als wir dann als Verteidigung unsere 1000 Fragen an sie richten wollten, machte die Mutter plötzlich von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch“, monierte Raitor. „Das war vom Anwalt der Mutter taktisch clever gemacht“, fand Raitor Lob für den Berufskollegen Axel Vogt.

„Damit werden Sie nicht durchkommen”

Vor diesem Hintergrund adressierte die Verteidigung eine Warnung an Staatsanwalt Bethke: „Sie werden nicht mit ihrer Argumentation durchkommen, dass der Angeklagte zu spät Hilfe geholt habe, um eine strafbare Handlung zu verdecken und Sie dies als Mord bewerten. Die vermeintliche Schuld des Angeklagten auf die Aussagen der Mutter zu stützen, ist für ein Mordurteil wohl kaum zulässig.“

Der Staatsanwalt dagegen sah es als erwiesen an, dass David H. seine Stieftochter sowohl an ihrem Todestag als auch vier Tage zuvor mit Füßen und Schlägen massiv traktiert und am Ende tödlich verletzt habe. Bethke präsentierte auch das Motiv: „Der Angeklagte ist ausgerastet, als ihm seine Lebenspartnerin und Leonie eröffnet hätten, dass sie sich von ihm trennen würden.“ Der Stiefvater habe am Todestag die Mutter durch das Verstecken des Handys daran gehindert, rechtzeitig ärztliche Hilfe für die sichtbar schwer verletzte kleine Leonie zu alarmieren.

Viel Stoff zum Nachdenken

Dieser Argumentation folgte auch die Nebenklage. Falk-Ingo Flöter, Anwalt des leiblichen Vaters, warf dem Angeklagten vor, „mit hoher Intensität zugeschlagen zu haben – bewusst und vorsätzlich. Der Angeklagte wusste, dass das Kind an den Schlägen stirbt.“ Und der kleine Bruder Leonies, Noah-Joel, habe Glück gehabt, dass das Verbrechen an dem Mädchen öffentlich geworden war. Sonst wäre er das nächste Todesopfer gewesen.“

Viel Stoff zum Nachdenken für das Gericht – am Donnerstag fällt um zehn Uhr das Urteil. „Wir hoffen auf ein gerechtes“, betonte die Verteidigung zum Abschluss fast schon flehentlich in Richtung der Richter.

zur Homepage