AUSGEWANDERT NACH ESTLAND

Zwischen der alten und der neuen Heimat liegt die Ostsee

Dr. Bianka Plüschke-Altof erforschte an der Universität Tartu, wie es gelingen kann, in ländlichen Regionen eine Aufbruchstimmung zu erzeugen. Dabei musste sie oft an ihre alte Heimat in Mecklenburg denken.
Bianka Plüschke-Altof beim Blaubeerensammeln in einem estnischen Wald. Unter der kleinen Mütze, die rechts von ihr h
Bianka Plüschke-Altof beim Blaubeerensammeln in einem estnischen Wald. Unter der kleinen Mütze, die rechts von ihr hervorguckt, steckt ihr Sohn beim Naschen. Bianka Plüschke-Altof
Die Esten nennen die Ostsee Westsee (Läänemeri). Am Strand muss Bianka Plüschke-Altof manchmal an ihre Heimat d
Die Esten nennen die Ostsee Westsee (Läänemeri). Am Strand muss Bianka Plüschke-Altof manchmal an ihre Heimat denken. Bianka Plüschke-Altof
Die Wälder in Estland sind noch ein bisschen wilder als in Deutschland. Hier wandert die Familie durch ein Moor.
Die Wälder in Estland sind noch ein bisschen wilder als in Deutschland. Hier wandert die Familie durch ein Moor. Bianka Plüschke-Altof
Tallinn ·

Dieser Artikel stammt aus unserem neuen „Heimweh”-Newsletter. Er richtet sich an Menschen, die Mecklenburg, Vorpommern oder die Uckermark verlassen haben und der alten Heimat trotzdem die Treue halten wollen.

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Heimweh kennen die Menschen in Estland auch, sie nennen es koduigatsus. Bianka Plüschke-Altof hat zum ersten Mal gespürt, was sie an ihrer eigenen Heimat schätzt, also sie vor 15 Jahren aus Groß Nemerow weggezogen ist. Nach dem Abitur 2006 am Gymnasium Carolinum in Neustrelitz ging sie wie so viele andere auch nach Berlin. Doch der Massenandrang an der Krummen Lanke, das merkte sie schnell, ist nichts im Vergleich zu den Mecklenburger Seen, die man ganz für sich haben kann. “Diese Einsamkeit in der Natur hat mir gefehlt”, sagt sie.

Einige ihrer Freunde sind damals auch nach Berlin gezogen, manche sind noch immer dort. Eine schöne Zeit: “Wir waren eine kleine Mecklenburger Enklave und haben uns gegenseitig geholfen.” In Berlin lebte sie mit ihrem Freund, ihrem heutigen Mann, der aus Estland stammt. Sie kennen sich schon seit einem Austauschjahr in der elften Klasse. “Ich hatte mich damals nicht nur in ihn, sondern auch in das Land verliebt”, sagt Bianka Plüschke-Altof. Das Ziel war klar: Irgendwann wollte sie auch in Estland leben. Diesen Traum konnte sie sich 2014 erfüllen.

An der Universität Tartu war ein Promotionsstipendium ausgeschrieben auf das sie sich bewarb und das sie tatsächlich auch bekommen hatte. Heute ist Bianka Plüschke-Altof Umweltsoziologin, erforscht das Verhältnis vom Menschen zur Natur und untersucht, wie es möglich ist, den Menschen auch in der Stadt mehr Zugang zur Natur zu bieten. Sie bezeichnet das als eine Frage der Gerechtigkeit, denn darauf seien wir alle angewiesen. In ihrer Doktorarbeit ging es jedoch um die Frage, welches Image eine Region hat und wie das die Entscheidungen der Menschen beeinflusst, die dort leben. Untersucht hat sie dafür den ländlichen Raum in Estland, doch zwangsweise musste sie auch an ihre eigene Kindheit denken.

„Wenn dir alle sagen, dass du besser gehst, dann gehst du natürlich auch.”

Die ersten 20 Jahre ihres Lebens hatte sie in Groß Nemerow gelebt. Nachdem sie mit der Grundschule im Ort fertig war, wurde diese geschlossen. Sie weiß, wie die Menschen sich fühlen, die zurückbleiben, wenn die Jugend fast geschlossen das Dorf verlässt. “Wenn dir alle Leute erzählen, dass es besser ist zu gehen, dann gehst du natürlich und am Ende bleibt keiner mehr übrig.” Dabei hätte sie andere Optionen gehabt, sie hätte auch in Greifswald oder Rostock studieren können, doch daran habe sie damals gar nicht erst gedacht. Erst nachdem sie fortgezogen war, ist ihr das aufgefallen.

In Estland sei es nun ähnlich wie in Mecklenburg-Vorpommern. Das Land ist noch dünner besiedelt, die Natur ursprünglicher, beide Länder verbindet die Ostsee, auch wenn sie dort oben Westsee heißt. Auch in Estland zieht es die jungen Menschen in die größeren Städte oder gleich in Richtung Westen. Dort gebe es ebenfalls Bauernhöfe, für die auch in Zukunft noch jemand sorgen soll. Damit die ländliche Region nicht irgendwann ausblutet, könnten auch Imagekampagnen helfen und die Stärkung des Tourismus, denn dies schaffe Arbeitsplätze vor Ort. “Es müssen viel mehr die Erfolgsgeschichten erzählt werden von den Menschen, die geblieben sind.” So könne sich das Image einer Region verbessern und ein neues Lebensgefühl entstehen.

Doch was ist nun besser? Stadt oder Land? Die Wissenschaftlerin kann darauf keine eindeutige Antwort geben. “Es hängt von der Lebensphase ab”, sagt sie. In der Stadt gebe es mehr Möglichkeiten, man könne neue Ideen ausprobieren. Das will sie nicht missen. Doch für ihre Kinder will sie es nun auch wieder ruhiger haben.

Digitalisierung in Estland weiter fortgeschritten

Estland ist schön, doch über eine Rückkehr in die alte Heimat denkt Bianka Plüschke-Altof trotzdem manchmal nach. “Die Bedingungen müssten stimmen.” Estland sei ein digitaler Staat, Deutschland ist da noch eindeutig hinterher. Doch dank der Digitalisierung wäre es möglich, dass die Familie zum Beispiel in den Sommerferien nach MV geht. In Estland sind die immerhin zwei Monate lang und die Eltern bräuchten dann nur einen Internetanschluss, um zu arbeiten.

Aus ihrem früheren Freundeskreis sind heute die meisten weggezogen. Und wie das so ist: Auch bei ihr gab es mit der Zeit immer seltener Gründe, mal wieder nach Mecklenburg zu kommen. Auch die Weihnachtsfeiern wurden seltener. Ihr letzter Besuch ist nun schon lange her, das war im Sommer 2019, als die Sonnenblumen auf den Feldern gerade in der Blüte standen. Sie war Baden im Großen Labussee bei Zwenzow und hat ihrem Sohn, heute ist er 4, ihre Heimat gezeigt. Seine zehn Monate alte Schwester war hingegen noch nie in Mecklenburg. Ein Besuch zu Weihnachten war eigentlich fest eingeplant, musste dann aber doch wegen Corona ausfallen. Die Bestimmungen hatten sich kurzfristig geändert und die Familie wollte den Kindern keine Zwangsquarantäne zumuten. Immerhin konnten die Großeltern im letzten Sommer nach Estland kommen, als dies möglich war.

Nun heißt es abwarten, vielleicht bis Ostern. “Dann stellen wir einfach trotzdem einen Weihnachtsbaum auf und tun so, als wäre nichts passiert”, scherzt sie. Bis dahin bekämpft sie ihr koduigatsus manchmal mit Grabower Küsschen. Denn die gibt es auch in einem Laden in Tallinn zu kaufen.

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