Falsche Hausärztin

Hochstaplerin erschummelte sich Praxen in Torgelow und Neustrelitz

Der Fall der Ärztin, die sich jahrelang als promovierte Fachärztin in Torgelow und Neustrelitz ausgab, wirft vor allem die Frage auf: Wie oft passiert das, ohne dass es jemand merkt?
dpa
Beschwerden gab es kaum über die Frau, die ohne die erforderlichen Zeugnisse praktiziert hat. Vor Gericht geht es um Hunderttausende Euro.
Beschwerden gab es kaum über die Frau, die ohne die erforderlichen Zeugnisse praktiziert hat. Vor Gericht geht es um Hunderttausende Euro. © RomanR - stock.adobe.com (Motivbild)
Torgelow

Es ist eine Geschichte, die auf den ersten Blick unglaublich klingt und auf den zweiten die Frage aufwirft, wie oft Fälle wie dieser wohl vorkommen, ohne dass sie auffallen: Vor dem Landgericht Schwerin wird seit gestern einer 42-jährigen Frau aus Kirgistan der Prozess gemacht. Echt an der Dame war offenbar nur ihr kirgisischer Arzt-Abschluss, ihr Doktortitel und ihre Facharztausbildung waren es der Anklage zufolge nicht.

Die Frau soll über eine Million Euro erschwindelt haben

Strafrechtlich brisanter als die Titel-Anmaßung ist allerdings die Tatsache, dass die Frau durch den Schwindel unrechtmäßig Gelder kassiert haben soll. Insgesamt soll sie die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) in Mecklenburg-Vorpommern und in Bayern um rund 837 000 Euro betrogen haben. Ihr Verteidiger räumte die Vorwürfe zum Prozessauftakt ein.

Laut Anklage soll sich die Frau 2014 mit Kopien von gefälschten Urkunden, die angeblich ihre Promotion und eine Facharztausbildung belegten, eine Eintragung ins Ärzteregister und die Zulassung als Vertragsärztin erschlichen haben. Von April 2014 bis Ende 2016 betrieb sie eine Hausarzt-Praxis in Torgelow. Anschließend wechselte sie nach Neustrelitz, wo sie bis Mitte 2018 praktizierte.

Ein Teil der Gelder ist schon verjährt

Während ihrer gut vier Jahre in Mecklenburg-Vorpommern rechnete sie bei der hiesigen KV rund 1,16 Millionen Euro an Honoraren ab, wie ein Justiziar des Ärzteverbandes als Zeuge berichtete. Strafrechtlich sei knapp die Hälfte der Abrechnungen verjährt, hieß es von der Staatsanwaltschaft. Deshalb stünden für den Betrugsprozess rund 626 000 Euro in Rede, auf die die Frau keinen Anspruch gehabt habe.

Von 2018 bis 2019 betrieb sie im bayerischen Landkreis Ansbach zwei weitere Praxen, für die sie zu Unrecht rund 144 000 Euro an Fördergeldern und 67 000 Euro an Honoraren kassiert haben soll. Mitte 2019 verließ sie Deutschland, weil ihr Schwierigkeiten mit der KV drohten, erklärte ihr Verteidiger. Sie wurde später in Schweden festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert. Seither sitzt sie wegen Fluchtgefahr in MV in Untersuchungshaft.

Kaum Beschwerden über die Ärztin – außer über ihre Deutschkenntnisse

Ihr Ehemann soll 2013 die gefälschten Urkunden zur Promotion und zur deutschen Facharztausbildung besorgt haben. Die Angeklagte habe sich damit abgefunden und es billigend in Kauf genommen, dass diese Papiere vor ihrer Zulassung nicht näher geprüft worden seien. Sie habe ihre Patienten „nach bestem Wissen und Gewissen“ behandelt, ließ sie versichern. Schließlich habe sie in Kirgistan Medizin studiert.

Ihre in Bayern bescheinigte medizinische Grundausbildung bezweifelte auch die Staatsanwaltschaft nicht. Beschwerden über die Angeklagte seien bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Schwerin nur wenige eingegangen, berichtete der Zeuge. Dabei sei es allerdings „nur“ um die mangelnden Deutschkenntnisse der Frau gegangen.

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