Christa P. wurde am helllichten Tag vor ihrer Haustür in Neustrelitz überfallen. Ihre Welt ist seit dem aus den Fugen.
Christa P. wurde am helllichten Tag vor ihrer Haustür in Neustrelitz überfallen. Ihre Welt ist seit dem aus den Fugen. Heike Sommer
Raubüberfall

Überfall-Opfer spricht über schlimmsten Moment des Lebens

Christa P. wurde am helllichten Tag vor ihrer eigenen Haustür überfallen und ausgeraubt. Das war vor gut vier Wochen. Noch immer ist sie fassungslos.
Neustrelitz

Es kommt nur selten vor, dass Opfer von Gewaltdelikten den Weg in die Öffentlichkeit suchen. Die Gründe, warum die meisten es nicht tun sind, mannigfaltig: Angst, Scham, Hilflosigkeit. Christa P. hat vier Wochen gebraucht, bis für sie feststand: Ich erzähle meine Geschichte. „Es kann jedem Menschen jederzeit passieren. Ich hätte das nicht für möglich gehalten und darum sollen es alle wissen“, sagt die Neustrelitzerin. So stand sie in der Tür der Lokalredaktion, mit der Frage: „Haben Sie einen Moment Zeit?“

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Schmerzen am ganzen Körper

Es sind nicht nur die Bilder, die sie seit jenem Tag nicht mehr loslassen und ihr den Schlaf rauben. Auch die Schmerzen am ganzen Körper gestatten es ihr nicht, das Geschehene zu vergessen. Dabei möchte die 67-Jährige nichts Sehnlicheres, als in ihr altes Leben zurückzukehren. Da war sie eine rüstige Rentnerin, die nach einem erfolgreichen Arbeitsleben als Vermögensberaterin den Ruhestand mit ihrem Mann genoss. „Das ist vorbei. Ich habe nur noch Angst. Trau mich nicht alleine aus dem Haus. Bin schreckhaft und traurig“, sagt sie. Am liebsten würde sie die Zeit zurückdrehen bis zu jenem Ostersonntag im April. Sie würde nicht am Morgen alleine mit dem Auto zu ihren Enkeln nach Weisdin fahren und Osternester für sie im Garten verstecken. Sie würde daraufhin nicht an den Geldautomaten fahren, um 200 Euro abzuholen. Schließlich wollten ihr Mann und sie am Nachmittag einen Ausflug machen, wohin stand noch nicht fest. Sie hätte beim Verlassen der Wohnung nicht gesagt, dass sie zum Mittag wieder zurück ist. Sie wäre einfach zu Hause geblieben und dem Räuber nie begegnet.

„Der kam so arglos daher“, schildert sie. Christa P. hatte nach ihrer Rückkehr aus Weisdin das Auto in der Nähe ihres Wohnhauses in der alten Poststraße kurz nach 12 Uhr mittags geparkt, ihre Umhängetasche mit Papieren, Geld und Hörgerät schräg über die Schulter gezogen und sich auf den kurzen Weg zu ihrem Wohnhaus gemacht. Hier wurde sie von einem jungen Mann angesprochen, der ein weißes Fahrrad schob. In gebrochenem Deutsch erklärte er ihr, dass er Job und Wohnung suche. Mit beidem konnte sie nicht dienen. Dennoch begleitete der Mann – „ich schätze, er war um die 20 Jahre alt, schmächtig und nicht größer als 1,65 Meter“ – sie weiter und redet in einem ihr unverständlichen Sprachenmix auf sie ein. An der Hauseingangstür des Mehrfamilienhauses angekommen, zog Christa P. die Umhängetasche über den Kopf, um besser an ihren Wohnungsschlüssel zu kommen. Dann ging alles ganz schnell. „Ich vernahm noch das Klicken eines Fahrständers, dann spürte ich zwei heftige Schläge gegen die Schulterblätter und flog gegen die Eingangstür“, berichtet sie.

Kontakt mit der Opferhilfe aufgenommen

Sie wickelt instinktiv den Riemen der Handtasche um ihr Handgelenk. Der Räuber zerrte daran und versetzte Christa P. einen weiteren Hieb. „Ich landete auf Bauch und Knien und schrie aus Leibeskräften“, erzählt sie. Dennoch ließ der Täter nicht ab. In dem Moment, als Nachbarn – von dem Lärm alarmiert – aus Haustür traten, riss der Handtaschenriemen und der Täter machte sich aus dem Staub. „Der Nachbar verfolgte ihn, stürzte jedoch und verletzte sich“, schildert sie. Seitdem ist ihr Leben aus den Fugen. Daran änderte auch nichts, dass der Rettungswagen und Polizei schnell vor Ort waren, die Kreditkarten eine halbe Stunde später gesperrt, sie selbst im Krankenhaus medizinisch versorgt wurde. „Ich danke allen, die mir geholfen haben und mich weiterhin unterstützen“, sagt sie. Mittlerweile ist Christa P. so weit, auch Hilfe annehmen zu können. „Die Polizei hat mir den Weißen Ring empfohlen, aber mich dort zu melden, ist mir unheimlich schwergefallen“, sagt sie. Das Vertrauen in die Welt ist hin.

Nach ihrem Gespräch in der Lokalredaktion nahm Christa P. ihren Mut zusammen und Kontakt zur Opferhilfe auf. „Das war ein guter Schritt“, sagt sie. Aber es wird noch lange dauern, bis Christa P. wieder ohne Angst das Haus verlassen kann. Ihren Peiniger würde sie gerne fragen, was er dabei fühlt, wenn er anderen Menschen Schaden zufügt.

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