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Als die letzten Kampfjets freundlich winkten

Beim Truppenabzug der sowjetischen Armee aus Rechlin saß Alexander Alexandrowitsch Schukinski im letzten Flugzeug. Genau 20 Jahre später kommt er zurück an die Müritz – und erinnert sich an eine wahre Herkulesaufgabe.

Oberst a. D. Alexander Alexandrowitsch Schukinski hat ihn noch genau vor Augen, jenen 23. April 1993. Aus Rechlin, Lärz und den umliegenden Orten waren Menschen zum Flugplatz geströmt, um ihre Piloten zu verabschieden. Tausende standen und winkten, als sich Kampfhubschrauber und Jets der Typen MiG 23 und MiG 27 zum letzten Mal in die Rechliner Lüfte erhoben. Besonders gut erinnert sich der Oberst an den Stellvertreter des Kommandeurs, der an diesem Tag mit allen Flieger-Regeln brach. Er legte vor den Augen der Rechliner einen Kampfstart senkrecht nach oben hin, umrundete den Flugplatz und verabschiedete sich dann mit dem typischen Piloten-Signal zum Abschied, den winkenden Flügeln.Während Alexander Schukinski von damals erzählt, sitzt er mit grauen Haaren und weißem Hemd im Rechliner Haus des Gastes. Die Gemeinde hat ihn und andere Zeitzeugen eingeladen, um sich 20 Jahre nach dem Rückzug der sowjetischen Truppen wiederzusehen. Der Oberst zeigte sich hoch erfreut über die Einladung – und buchte das Flugticket von seinem Wohnort Sankt Petersburg nach Berlin-Tegel noch bevor klar war, ob er überhaupt ein Visum erhalten würde.Es ist sein erstes Wiedersehen mit Rechlin, seitdem er damals mitwirkte an einer der größten logistischen Leistungen in Friedenszeiten überhaupt: der Rückzug der sowjetischen Truppen aus den besetzten Gebieten. Alexander Schukinski organisierte ihn für die etwa 5000 Soldaten und Familienangehörige, die am Südzipfel der Müritz im „Russensektor“ stationiert waren. Es war ein Spezialauftrag, für den es einen brauchte, der sich in Deutschland auskannte. Alexander Schukinski hatte über 20 Jahre lang in Magdeburg und Dresden gedient und stellte sich der heiklen Aufgabe, eine ganze Kleinstadt samt militärischem Gerät von der Müritz nach Milerowo zu versetzen, einen Ort in der russischen Steppe nördlich von Rostow am Don.Wenn der Logistiker heute daran denkt, was dort auf die Soldaten wartete, fällt er in ein diplomatisches, aber vielsagendes Lachen. Dann erzählt er davon, wie auch deutsche Baufirmenin Milerowo Plattenbauten und Infrastruktur errichteten. „Die Deutschen haben sehr gut gebaut, in hoher Qualität und sehr schnell.“ Das Land habe alle seine Versprechen erfüllt. Dennoch muss man sich das Unternehmen als eine wahre Herkulesaufgabe vorstellen. Der Abzug war vom Stab minutiös geplant. „Und es funktionierte.“Nach der größten Schwierigkeit des Unternehmens gefragt, nimmt sich der Oberst eine kurze Bedenkzeit. Dann sagt er bedächtig: „Überhaupt hier wegzugehen, das war das Schwierigste.“ Tatsächlich war es für viele Soldaten eine Reise in eine ungewisse Zukunft. Und viele hatten längst freundschaftliche Bande mit den Rechlinern geknüpft. Noch heute erinnert sich Alexander Schukinski an die traurigen Gesichter, von denen er Abschied nahm, als er mit einer kleinen Gruppe am 20. August 1993 in das allerletzte Flugzeug stieg.Eines dieser Gesichter gehörte Wolf-Dieter Ringguth, der damals Anfang Dreißig war und Bürgermeister von Rechlin. „Wir hatten sehr gute Beziehungen zu den russischen Truppen“, erinnert er sich. In Rechlin sei geschehen, was anderswo undenkbar war, etwa dass deutsche Handwerker im militärischen Sperrgebiet Wasserleitungen bauten. Wolf-Dieter Ringguths einschneidenstes Erlebnis während des Truppenrückzugs war ein Besuch beim befehlshabenden General Jefimenko. Der stand zum Schluss in seinem leeren Büro am Fenster und blickte auf den Platz, auf dem die Schule stand. Als Ringguth ihn gefragt habe, was er denke, habe der General geantwortet: „Ich denke daran, wie schwer der Abschied ist. Rechlin ist mir Heimat geworden.“Von dem ganz besonderen Verhältnis, das zwischen den Rechlinern und den sowjetischen Truppen herrschte, kündet eine Gedenktafel, die am heutigen Sonnabend enthüllt wird. Darauf steht geschrieben: „Sie kamen als Besatzer und sie gingen als Freunde.“