PRILLWITZER IDOLE

Als ein Neubrandenburger vor gut 250 Jahren die akademische Welt reinlegte

Schon vor Konrad Kujau, dem Erfinder der Hitler-Tagebücher, gab es windige Typen, die mit vermeintlichen Sensationsfunden berühmt werden wollten. Einer davon wohnte sogar in Mecklenburg-Strelitz. Vor 275 Jahren wurde der Schlingel geboren.
Die Prillwitzer Idole galten zunächst als Sensationsfund. Doch sie waren eine Fälschung.
Die Prillwitzer Idole galten zunächst als Sensationsfund. Doch sie waren eine Fälschung. Dorothea Klein-Onnen
Neustrelitz ·

Er war ein Gauner mit Erfindergeist. Der Schöpfer der Prillwitzer Idole wäre heute 275 Jahre alt geworden. Die Geschichte der sogenannten Prillwitzer Idole gehört zu den berühmtesten Kriminalfällen der Archäologie, denn die Figuren stellen die spektakulärste Kunst- und Geschichtsfälschung der Mecklenburg-Strelitzer Region dar. Die Hauptfigur in diese Gaunergeschiche ist – neben seinem Bruder Jacob – der damals 20-jährige Goldschmied Gideon Sponholz – geboren am 17. April 1745, gestorben 1807.

Bei den Prillwitzer Idolen handelt es sich um einen vermeintlichen Fund diverser Götterfiguren und Kultobjekte aus Metallguss, die angeblich slawischer Zeit entstammen sollten. Im Jahr 1768 tauchten sie erstmals in der Öffentlichkeit auf. Die Neubrandenburger Goldschmiedebrüder Sponholz behaupteten, ihre familiären Vorfahren hätten die Figuren im Prillwitzer Pfarrgarten an der Lieps gefunden, erinnert Dorothea Klein-Onnen, die Leiterin des Kulturquartiers Mecklenburg-Strelitz.

Auch Adel, Ritterschaft und Fürstenhaus waren begeistert

Der Fund war so spektakulär, weil in ihm ein Beweis für die Lagebestimmung des wichtigen Zentralheiligtums der Slawen, des legendenumwobenen Ortes Rethra, gesehen wurde. Die Existenz und Gestalt der Tempelburg Rethra war über mittelalterliche Texte nachgewiesen. Im 10. und 11. Jahrhundert war Rethra der politische und religiöse Mittelpunkt der Lutizen, einer Kultgemeinschaft slawischer Stämme.

Der vermeintliche Götterfund erregte sogar internationales Interesse. Auch Mecklenburger Adel, Ritterschaft und Fürstenhaus sahen in den Figuren einen Sensationsfund, konnte er doch als Bestätigung und Legitimation ihrer „uralten“ slawischen Wurzeln genutzt werden. 1771 erschien die erste bebilderte Publikation zu den Figuren unter dem Titel „Gottesdienstliche Alterthümer der Obotriten aus dem Tempel zu Rethra am Tollenzer See“. Das Werk wurde der aus dem Hause Mecklenburg-Strelitz stammenden Charlotte, Königin von Großbritannien gewidmet.

Aber wer schuf die Idole wirklich? Die Brüder Sponholz selbst waren die Erfinder und Schöpfer der vermeintlich heiligen slawischen Skulpturen und Objekte. Sie versprachen sich von dem Coup öffentliches Ansehen und finanzielle Gewinne. Das Besondere an den Figuren sind vor allem gestalterische Skurrilität, Witz und Fantasiereichtum.

Sechs der Figuren sind im Kulturquartier zu sehen

Bereits kurz nach Erscheinen der Figuren regten sich allerdings zweifelnde Stimmen, die die Echtheit der Götter infrage stellten, unter anderem aufgrund des Größenunterschieds der Fundstücke zu den in der mittelalterlichen Literatur beschriebenen Göttern. Im 19. Jahrhundert äußerten Gelehrte immer häufiger Zweifel an der Authentizität der Götzenbilder. Diese stützten sich nun vor allem auf stilkritische Beobachtungen, zum Beispiel wurden renaissance- und barockzeitliche Motive identifiziert, die keinesfalls slawischen Ursprungs sein konnten. Auch große Namen bezeichneten die Idole überwiegend als Fälschungen, wie Konrad Levezow, Jacob Grimm und sogar der Arzt Rudolf Virchow.

Die Prillwitzer Idole gelangten in der Zeit der französischen Besatzung 1810 nach Neustrelitz und wurden dort der Herzoglichen Bibliothek zugeordnet. Sie bildeten dort, zusammen mit echten Altertümern der Sponholzbrüder, die sich zu Lebzeiten nicht für ihr Tun rechtfertigen mussten, den Grundstock des Großherzoglichen Museums. Im Jahr 1934 wurden die Idole zusammen mit der gesamten Museumssammlung und der Bibliothek vom Schloss in das Parkhaus umgelagert, 1950 gingen sie nach Schwerin.

Sechs der Figuren sind als Leihgabe in der Dauerausstellung des Kulturquartiers ausgestellt. Für den Herbst 2020 ist eine „Kinderuni mit Workshop“ zu den Prillwitzer Idolen sowie ein Abendvortrag mit der Kunsthistorikerin Prof. Dr. Henrike Haug geplant, heißt es in einer Mitteilung aus dem Kulturquartier.

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