CORONA-TESTS AN DER SCHULE

Aufschrei gegen das Neustrelitzer Carolinum-Experiment

Wer sich im Neustrelitzer Gymnasium Carolinum testen lässt, bekommt eine farbliche Markierung aufs Namensschild. Skeptiker fürchten, dass einige Kinder dadurch stigmatisiert werden. Doch das ist nicht der einzige Kritikpunkt.
Allein der Einlass wird im Carolinum zur logistischen Herausforderung.
Allein der Einlass wird im Carolinum zur logistischen Herausforderung. Henry Tesch
Neustrelitz.

Dank der Corona-Tests vor Ort entwickelt sich das Krisenmanagement am Gymnasium Carolinum in Neustrelitz aktuell zum Vorbild für Schulen weltweit. Doch ein Bestandteil des Vorgehens sorgt vielerorts für Aufruhr. Denn wer sich von den Schülern freiwillig zweimal die Woche einem Test unterzieht, bekommt einen Farbpunkt auf sein Namensschild. Nicht wenige Skeptiker fürchten deshalb um eine Diskriminierung der anderen Schüler – so auch die Mitglieder der AfD-Kreistagsfraktion Mecklenburgische Seenplatte: „Unsere Kinder sollen stigmatisiert werden“, heißt es in einer Mitteilung. „Sollen unsere Kinder zu staatlich gewünschtem Verhalten erzogen werden?“ Als „unfassbar“ wird das Prozedere bezeichnet – von „Corona-Hysterie“ ist die Rede.

Schulleiter: Test-Angebot wird gut angenommen

Aus Sicht von Schulleiter Henry Tesch handelt es sich allerdings um eine Übergangslösung, die strengen Hygienevorschriften in Schulen überhaupt handhaben zu können. „Keinesfalls soll jemand diskriminiert werden.“ Die Schulverwaltung stünde vielmehr vor logistischen Herausforderungen. Denn am kommenden Montagmorgen müssten voraussichtlich rund 350 Schüler in die Schule gelangen. Die Markierung helfe unter anderem, die durch den Mindestabstand unglaublich langen Menschen-Schlangen aufzuteilen. So könnten die Schüler wenigstens schneller ins Gebäude gelangen. Darüber hinaus lassen sich laut Henry Tesch mit der Maßnahme zumindest viele Lehrer dazu bewegen, weiter zu unterrichten. Denn schätzungsweise ein Drittel aller Lehrkräfte sei in fortgeschrittenem Alter oder gehöre zu einer anderen Risikogruppe. Die Schulleitung will darauf hinarbeiten, dass der Unterricht bald wieder in größeren Klassen stattfinden kann. Denn gerade die Trennung belaste die Schüler. Das Test-Angebot wird Tesch zufolge derweil gut angenommen. Von den Elftklässlern – die bis in den Sommer am längsten in der Schule sind – würden mittlerweile 90 Prozent mitmachen.

Tesch räumt ein, dass das System ebenso Schwächen besitzt. „Wir müssen natürlich über ein Modell nachdenken, das allen gerecht wird.“ Gemeinsam mit den Schülern werde aktuell ein Konzept zur „Neuen Eigenverantwortung“ erarbeitet.

„Ich habe ganz große Bauchschmerzen“

Auch im Bildungsausschuss des Kreistages wurde am Mittwochabend über das Verfahren im Gymnasium Carolinum diskutiert. Die Mitglieder der AfD-Fraktion fragten dort nach der Möglichkeit, die aus ihrer Sicht stigmatisierende Markierung der Schüler zu unterbinden. „Ich habe ganz große Bauchschmerzen“, so Jan-Michael Martin. Der Fraktionsvorsitzende fürchtet, dass bestimmte Schüler aufgrund der Einteilung gemobbt werden könnten. „Kinder können erbarmungslos sein.“ Laut dem Leiter des Schulverwaltungsamtes, Dirk Rautmann, lässt sich das Prozedere aller Wahrscheinlichkeit nach aber nicht verbieten, solange es einen Beitrag für die Gesundheit der Schüler leistet.

Schulleiterin plädiert für Pragmatismus

Kathleen Supke (SPD), Sachkundige Einwohnerin im Gremium und zugleich Leiterin der Beruflichen Schule in Neustrelitz, kann die Beweggründe der Verwaltung des Carolinums jedoch nachvollziehen: „Wenn Sie mehr als hundert Leute im Haus haben, müssen Sie auch mal pragmatisch reagieren.“ Andere Schulleitungen stehen dem Vorgehen wiederum kritisch gegenüber: „Ich halte persönlich eine Einteilung von Menschen in getestet und nicht getestet für undenkbar“, sagt Kai Behrns, Schulleiter vom Wossidlo-Gymnasium in Waren. So würden die Farbpunkte zu tief in die Privatsphäre der Schüler eingreifen: „Das Erfassen von Gesundheitsdaten mag in einigen Bereichen des öffentlichen Lebens sinnvoll, vielleicht sogar notwendig sein. Die Veröffentlichung ist es nicht. Erst recht bei Kindern und Jugendlichen halte ich es für völlig ausgeschlossen.“, so Behrns.

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