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Betrug? Kein Ticket, aber immer bezahlt

Neun Mal konnte der Angeklagte nicht zahlen - und zahlte dafür immer 40 Euro Schwarzfahrer-Strafe obendrauf. Doch ist er auch ein Betrüger?
Neun Mal konnte der Angeklagte nicht zahlen - und zahlte dafür immer 40 Euro Schwarzfahrer-Strafe obendrauf. Doch ist er auch ein Betrüger?
Martin Schutt

Neun Mal stieg er ohne Fahrschein in den Zug. Doch ist Jörg B. deshalb ein Schwarzfahrer? Die Staatsanwaltschaft war sich da ziemlich sicher. Doch vor Gericht sieht der Fall auf einmal anders aus.  

Die Beweislage schien relativ eindeutig zu sein – für den Prozess gegen den mutmaßlichen notorischen Schwarzfahrer Jörg B. waren am Warener Amtsgericht gerade einmal 30 Minuten angesetzt. Doch der Fall über neun scheinbar unbezahlte Bahnfahrten war verzwickter, als das Gericht zunächst angenommen hatte. Nach über einer Stunde fällte Richter Manfred Thiemontz kein Urteil, sondern stellte fest: „Wir brauchen jemanden, der uns mehr Auskünfte erteilt.“

In ihrer Anklage hatte die Staatsanwältin neun Fahrten mit Datum und Uhrzeit für die Strecke Berlin-Neustrelitz und umgekehrt aufgelistet, auf denen Jörg B. „kein Entgelt entrichten wollte“. Er habe von Anfang geplant, kein Fahrgeld zu bezahlen. Erschleichen von Leistungen lautete die Anklage. Der Strafrahmen bewegt sich zwischen Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe.  „Ein glaubhaftes Geständnis kann strafmildernd sein“, legte der Richter dem Angeklagten nahe. Und der redete auch. Nur stellte sich die Lage plötzlich ganz anders da.

Eingeschränkte Zahlungsmethoden

Die aufgeführten Fahrten hat Jörg B. zweifellos begangen. Und er stieg auch jedes Mal ohne Fahrschein in die Bahn. Das räumt der Mann vor Gericht ein. Er habe sich einer in einer finanziellen Notsituation befunden und deshalb den Fahrpreis nicht entrichten können. „Was heißt das?“, hakt der Richter nach. Jörg B. erklärt, er habe kein Bargeld dabei gehabt. Oft sei er in letzter Sekunde auf dem Bahnsteig erschienen und habe keine Zeit für einen Ticketkauf am Automaten oder am Bahnschalter gehabt. „Stets und ständig“ habe er sich sofort beim Zugpersonal gemeldet, um per EC-Karte eine Ticket zu erwerben. Und das ist im 21. Jahrhundert bei der Deutschen Bahn ein Problem.

„Wir nehmen nur Kreditkarte“, erklärt die Zugbegleiterin S. als Zeugin dem Gericht. Kann der Kunde nicht bezahlen, werde eine Fahrpreisnacherhebung von 40 Euro fällig – zu zahlen binnen 14 Tagen. Die zusätzliche Gebühr wurde auch jedes Mal dem Bahnfahrer Jörg B. auferlegt. „Die erhöhten Entgelte habe ich immer gezahlt“, beteuert der Angeklagte. Die Kontoauszüge müssten dem Gericht vorliegen.

Zur Urteilsfindung fehlen noch Zeugenaussagen

Die Aussagen des 63-Jährigen machen den Richter stutzig. „Wenn das alles bezahlt ist, warum wurde dann überhaupt Strafanzeige“, fragt er in die Runde. Die Vertreterin der Anklage hat darauf keine Antwort parat. Auch die Zugbegleiterin zuckt die Schultern. Kunden, die „Tamtam und Ärger machen“ merkt sie sich normalerweise. Den Angeklagten hat sie nicht auf dem Zettel. „Wir sollten überprüfen, ob die Entgelte bezahlt wurden“, stellt Richter Thiemontz fest.

Der Verteidiger des Angeklagten bezweifelt ohnehin, dass sein Mandant überhaupt ein Betrüger ist. Jörg B. habe sich doch immer vor Fahrtantritt beim Zugpersonal gemeldet. „Da ist keine Täuschungshandlung vorhanden“, wirft der Verteidiger ein. Dies könne man auch anders interpretieren, hält der Richter dagegen. „Wir kommen nicht drumherum, alle Zeugen zu hören.“ Soll heißen: Es müssen alle Zugbegleiter aussagen, die Jörg B. ein Ticket mit der 40-Euro-Gebühr ausgestellt haben. Dafür muss allerdings ein neuer Verhandlungstermin anberaumt werden. Ob Jörg B. wirklich ein notorischer Schwarzfahrer ist, bleibt erst einmal ungeklärt.