Perspektivwechsel im Boxring: Für den Stream wurde die Collage „Ohne Hoffnung und Verzweiflung“ mit sechs Kam
Perspektivwechsel im Boxring: Für den Stream wurde die Collage „Ohne Hoffnung und Verzweiflung“ mit sechs Kameras gefilmt. Christian Brachwitz
Stream-Offensive

▶ Bühnenkunst aus Neustrelitz in einer Film-Version

Mit der Collage „Ohne Hoffnung und Verzweiflung“ setzt die tog ihre Stream-Offensive fort. Vier Wochen lang kann sie angeschaut werden.
Neustrelitz

Die Widmung „Ohne Hoffnung und Verzweiflung“, die Heiner Müller ihr 1985 in ein Buch schrieb, hält Tatjana Rese hoch in Ehren. Damals war sie als Dramaturgin am Deutschen Theater Berlin an einer Müller-Uraufführung beteiligt, heute als Schauspieldirektorin an der Theater und Orchster GmbH in Neustrelitz schätzt sie den großen Dramatiker nach wie vor als einen der wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Nicht umsonst wählte sie seine so widersprüchlich scheinende Formel „Ohne Hoffnung und Verzweiflung“ zum Titel einer Theatercollage, die 2020 zwischen zwei Lockdowns auf der Bühne zu erleben war. Nun, da wieder wochenlang nicht vor Publikum gespielt werden kann, wird eine digitale Version veröffentlicht.

Lesen Sie auch: Theater Neustrelitz hat noch mehr Angebote zum Streamen

Matinee erinnert an Heiner Müller

Unter normalen Umständen hätte sie am Sonntag in der Alten Kachelofenfabrik aufgeführt werden sollen, in einer Matinee zum Geburtstag Heiner Müllers, im Anschluss an eine Lesung unter dem Titel „Das Herz ist ein geräumiger Friedhof“. Auch diese Veranstaltung kann wegen der unerquicklichen Schließung der Kulturstätten in der Seenplatte nicht stattfinden; zumindest der Film indessen wird vier Wochen lang auf dem YouTube-Kanal der tog zu sehen sein.

Im ersten Corona-Herbst mit der Antike befasst

„Es ist wesentlich mehr als eine abgefilmte Aufzeichnung“, verspricht die Regisseurin. Mit sechs Kameras aus verschiedenen Blickwinkeln gefilmt, biete die Filmversion im Unterschied zum Theater-Sitzplatz verschiedene Perspektiven und eine Annäherung, die neue Eindrücke ermöglicht. Sehr angetan von der Arbeit der VideoMagic Staufenbiel GmbH aus Neubrandenburg, die das bühnengeprägte Storyboard „in ihre Sprache übersetzt“ habe, wünscht sich Tatjana Rese, „dass meine eigene Überraschung sich auf die Zuschauenden überträgt“.

Auf der Suche „nach kleinen Formaten mit großen Inhalten“ hatte sich ihr Team im ersten Corona-Herbst mit der Antike befasst, schildert die Regisseurin ein ganzes Projekt-Paket, zu dem ein digitaler „Antike-Baukasten“ mit Solo-Szenen aus antiken Dramen ebenso gehörte wie die Inszenierungen „Antigone“ und „Ismene, Schwester von“, eine szenische Lesung aus Christa Wolfs „Kassandra“ und eben die Müller-Collage „Ohne Hoffnung und Verzweiflung“.

Hier ein Video von der tog zur "Alice"-Aufführung:

 

„Tolle gemeinsame Arbeit”

Wie der Dramatiker antike Stoffe nutze, um Gegenwart zu reflektieren, lasse seine Stücke die Zeiten überdauern. „Beim Lesen wurde uns allen erneut bewusst, wie aktuell das ist, weil es um die Dialektik von Machtverhältnissen geht“, sagt die Regisseurin. Zudem habe sich das Ensemble in den erzwungenermaßen vorstellungslosen Monaten „den Luxus einer Theaterarbeit geleistet, wie ich sie aus den 70er und 80er Jahren kenne: wo man sich Zeit nimmt, zu lesen und jedes Wort umzudrehen“.

Allen Problemen und Nachteilen der Pandemie zum Trotz sei da eine „tolle gemeinsame Arbeit“ möglich gewesen und der Situation Produktives abgewonnen worden. Was da Besonderes entstand, soll auch in filmischer Form bewahrt werden. Die digitale Arbeit ist für die Regisseurin auch „eine Art künstlerischer Widerstand“ in diesen Zeiten: ein Signal, dass Theater sich nicht einfach „wegstreichen“ lasse; und ein Schritt bei der Selbstbefragung, wie Theater sich mit digitalen oder hybriden Formaten auch neu erfinde.

Vier Wochen lang online

Die Filmversion „Ohne Hoffnung und Verzweiflung“ ist ab Sonntag, 9. Januar, vier Wochen lang online abrufbar. Unter der Marke #digitog bietet das Theater außerdem noch bis zum 13. Januar Aufzeichnungen des Märchens „Alice im Wunderland“ sowie des dramatischen Monologs „Ismene, Schwester von“; interaktiv anzuwählen sind überdies Szenen antiker Bühnenwerke unter antike-baukasten.tog.de.

Corona-Update per Mail

Der regelmäßige Überblick über die Fallzahlen, aktuellen Regelungen und neuen Entwicklungen rund um das Corona-Virus in Mecklenburg, Vorpommern und der Uckermark. Jetzt kostenfrei anmelden!

zur Homepage