KEINE GÄSTE AUS DER HAUPTSTADT

Demokratie-Jubiläum ist Schwerin ziemlich egal

Vor 100 Jahren trat in Strelitz die erste demokratische Verfassung in Deutschland in Kraft. Wenn am Dienstag in Neustrelitz daran erinnert ist, geschieht das ohne offizielle Vertreter aus Schwerin.
Frank Wilhelm Frank Wilhelm
Beschlossen wurde die Strelitzer Verfassung im Schloss Neustrelitz, das heute nicht mehr existiert.
Beschlossen wurde die Strelitzer Verfassung im Schloss Neustrelitz, das heute nicht mehr existiert. Holger Wilfarth (Computeranimation)
Neustrelitz.

Die drei Landtagsabgeordneten Vincent Kokert (CDU), Andreas Butzki (SPD) und Torsten Koplin (Die Linke) nehmen am Dienstag an der Veranstaltung „Anlauf zur Demokratie“ in Neustrelitz teil. Bei den dreien handelt es sich ohne Zweifel um honorige Politiker - zwei von ihnen sind sogar Landesvorsitzende ihrer Partei. Doch die drei sind in diesem Fall „nur“ die regional zuständigen Wahlkreis-Abgeordneten, zur Spitze der Landesregierung oder des Landtagspräsidiums gehören sie hingegen nicht. Offizielle Vertreter dieser beiden Stellen – etwa ein Mitglied des Landtagspräsidiums oder Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) oder einer ihrer Minister – werden nicht kommen.

Dabei handelt es sich um die einzige Veranstaltung in MV, mit der die am 29. Januar 1919 beschlossene Landesverfassung von Mecklenburg-Strelitz gewürdigt wird. Das damalige Landesgrundgesetz sei ein Markstein in der Demokratiegeschichte Deutschlands, sagt der Historiker Wolf Karge: „Es handelt sich um die erste demokratische Verfassung eines Landes in Deutschland.“

Der Landtag lässt sich zu einer Pressemitteilung herab

Es stellt sich die Frage, ob das in der heutigen Landeshauptstadt im Westen des Bundeslands ebenso gewertet wird. Theoretisch vielleicht, praktisch sind die Aktivitäten von Landesregierung und Landtag eher überschaubar: „Das Jubiläum des Landesgrundgesetzes von Mecklenburg-Strelitz wird Anlass für eine Pressemitteilung des Landtages sein“, sagt Dirk Lange, Pressesprecher des Landtages auf Nordkurier-Anfrage. Zudem würde die Landesverfassung „ganz sicher“ bei der Festveranstaltung zum 25. Jahrestag der Verfassung von MV gewürdigt, die im November stattfinden soll.

Die Landesregierung verweist auf ein Buch, das bald erscheint

Regierungssprecher Andreas Timm verwies auf ein demnächst erscheinendes Buch zur Geschichte der beiden mecklenburgischen Landtage von 1918 bis 1920. Damit werde auch das Strelitzer Grundgesetz gewürdigt. Timm betonte, die Ministerpräsidentin habe keine persönliche Einladung für die Veranstaltung in Neustrelitz bekommen. Im Übrigen tage dienstags das Kabinett, sodass eine Teilnahme ausgeschlossen sei. Laut Lange sei auch die Landtagspräsidentin nicht eingeladen worden. Indes sagte Henry Tesch, Vorsitzender der Stiftung Mecklenburg, unter den mehr als 200 Eingeladenen seien auch die Staatskanzlei, ausgewählte Ministerien und der Landtag.

Die Mecklenburg-Schweriner, die jahrhundertelang in Konkurrenz zu den Mecklenburg-Strelitzern standen, haben übrigens über ein Jahr länger gebraucht, ein Landesgrundgesetz auf den Weg zu bringen: Erst am 17. Mai 1920 war es soweit.

Kommentar von Nordkurier-Reporter Carsten Korfmacher

Zwei große Chancen vertan

Durch die stiefmütterliche Art und Weise, mit der das politische Schwerin das Strelitzer Demokratie-Jubiläum behandelt, vergeigen unsere Spitzenpolitiker gleich zwei Chancen: Erstens hätten sie zeigen können, dass die ferne Landeshauptstadt Schwerin doch nicht so weit entfernt ist vom Ostteil des Landes. Zweitens verspielen sie die Chance, die Demokratie auch als regionale, als unsere Errungenschaft hochleben zu lassen. In einem Ostdeutschland, in dem nach neuesten Zahlen nur 44  Prozent der Bevölkerung die Demokratie für die beste Staatsform halten, wäre ein solches Zeichen aber wichtiger denn je.

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