„Das ist keine Inklusion”, sagt Torsten Zarnikow (re.), stellvertretender Vorsitzender des Kreiselternrates und se
„Das ist keine Inklusion”, sagt Torsten Zarnikow (re.), stellvertretender Vorsitzender des Kreiselternrates und selbst Vater eines Kindes mit Behinderung. Er und weitere Eltern kritisieren die Reduzierung auf sieben Standorte für besondere Förderung. NK-Archiv/ZVG
In eine normale Grundschule oder in eine kleinere Lerngruppe mit mehr Förderung – Kinder mit Behinderung und ihre E
In eine normale Grundschule oder in eine kleinere Lerngruppe mit mehr Förderung – Kinder mit Behinderung und ihre Eltern haben die Wahl. In der Seenplatte könnte dies aber lange Fahrzeiten bedeuten. Sebastian Kahnert
Zu wenig Förderangebote

Elternvertreter zweifeln am Inklusionsplan für die Seenplatte

Elternvertreter kritisieren den Plan, nur sieben Förderstandorte für Kinder mit Behinderung festzulegen. Dann müssten die normalen Schulen noch mehr stemmen.
Seenplatte

Die Inklusion befeuert im hiesigen Schulsystem gewaltige Umbrüche. Schüler mit Behinderung sollen gemäß der landesweiten Inklusionsstrategie auch hierzulande in den kommenden Jahren anders verteilt werden. Sie haben dann etwa mehr Zeit in der normalen Grundschule oder wohnen einer speziellen Lerngruppe bei. Mit dem Schulentwicklungsplan werden im Landkreis gerade Standorte für die Lerngruppen-Angebote bestimmt.

Sieben statt zwölf Schulen im Landkreis Seenplatte?

Nach dem Kreistag der Mecklenburgischen Seenplatte hat in diesem Monat nun auch das Bildungsministerium als oberste Schulaufsicht die vierte Fortschreibung abgesegnet. Sie sieht spezielle Diagnoseförder-Lerngruppen in sieben Schulen des Landkreises vor – in Demmin, Friedland, Neustrelitz, Waren, Röbel und Neubrandenburg. Damit wird das bisherige Modell mit Diagnose-Förder-Klassen an zwölf Standorten der Seenplatte in einem fließenden Prozess bis Mitte 2025 abgelöst.

Einige Eltern hegen aber Zweifel daran, ob die Behörden in die richtige Richtung lenken. Eine „Sauerei“ nennt Torsten Zarnikow, stellvertretender Vorsitzender des Kreiselternrates und selbst Vater eines Kindes mit Behinderung, die Reduzierung auf sieben Standorte für besondere Förderung. „Ich habe damit Bauchschmerzen.“ Inklusion muss aus seiner Sicht immer vor Ort passieren. „Das ist keine Inklusion“, kritisiert Zarnikow die kleine Zahl der Diagnoseförder-Lerngruppen im Riesen-Landkreis Mecklenburgische Seenplatte.

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Schulverwaltung: Lerngruppen sollen helfen

Im Schulamt Neubrandenburg und kreislichen Schulverwaltungsamt betrachtet man die Lerngruppen wiederum nur als ein Teil des Angebots: Eltern sollen den Angaben zufolge schließlich frei darüber entscheiden, ihr Kind mit Entwicklungsverzögerungen in die flexible Schuleingangsphase einer normalen Grundschule zu schicken. Dort haben sie bei Erfordernis bis zu drei Jahre Zeit, die ersten zwei Jahrgangsstufen zu absolvieren.

„Die Schuleingangsphase der Grundschule knüpft an die vorschulischen Erfahrungen der Kinder an und beachtet ihre individuellen Fähigkeiten“, heißt es aus der Kreisverwaltung. Jahrgangsübergreifende Kombiklassen wie in Altentreptow und Malchow seien schon jetzt gefragt.

Wer mehr Hilfe braucht, als sie in der flexiblen Schuleingangsphase geboten wird, kann schließlich in eine Lerngruppe mit bis zu ein Dutzend Kindern. Die Gruppen lassen sich je nach Förderbedarf ergänzend zu einer Regelklasse an derselben Schule besuchen. Die Schüler könnten also je nach Fähigkeiten zwischen Schulklasse und Lerngruppe wechseln. „Es wird eine größere Auswahl für die Kinder und Eltern geben“, wirbt Inklusions-Schulrätin Heike Dryba im Gespräch mit dem Nordkurier. Dem schließt sich Dirk Rautmann, Leiter des kreislichen Schulverwaltungsamtes an: „Es wird nichts gekürzt – im Gegenteil.“

Lange Fahrwege und Überlastung der Schulen befürchtet

Torsten Zarnikow fürchtet dennoch um Nachteile für Schüler, die nicht einfach nur mehr Zeit für den Schuleinstieg, sondern spezielle Unterstützung brauchen. Denn aufgrund der wenigen Standorte von Lerngruppen müssten sie unter Umständen längere Wege zurücklegen, sich also weiter von ihrer Heimat entfernen. Man grenze die Schüler mit Behinderung aus, wenn man sie für bessere Unterstützung in eine andere Schule treibe.

Die Kinder für den Unterricht in eine Diagnose-Förder-Lerngruppe in einen entfernten Ort zu fahren, entfremde die Schüler mit Behinderung von ihrem eigenen sozialen Umfeld. So sei es für sie noch schwieriger, Freunde in der Nähe zu finden. „Es ist eine Mehrbelastung für die Kinder, die es so schon schwer haben.“

Der Vater zweifelt deshalb daran, dass sich die Lerngruppen in Zukunft an großem Zulauf erfreuen. „Wenn es vor Ort einigermaßen geht, werden keine Eltern auf die Idee kommen, ihr Kind irgendwo hinzufahren.“ Dabei sei die Lage in einigen Schulen wie in Neustrelitz oder Waren wegen hoher Schülerzahlen ohnehin angespannt. „Mit der Schließung von Diagnose-Förder-Klassen oder der Förderschule Lernen ist mit einer Überlastung der Standorte zu rechnen“, warnt Zarnikow.

Viele Lehrer sind bereits in Fortbildungen auf die Veränderungen vorbereitet worden, wird im Schulamt versichert. In den nächsten Jahren sollen laut Plan noch weitere Lehrkräfte gewonnen und qualifiziert werden. Doch auch in den Behörden kann man verheerende Entwicklungen, beispielsweise dass viele Lehrer gerade in dieser Zeit des Umbruchs unmittelbar vor dem Ruhestand stehen, nicht ausblenden. „Es wird eine große Herausforderung, das Personal nachzubesetzen“, gesteht Dirk Rautmann ein.

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