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Erinnerungen an Brustorf als Kindheitsparadies

Clausjürgen Neitzel über das Leben in den 30er Jahren im Forsthaus.

Ein Kindheitsparadies auf dem Lande - so hat Clausjürgen Neitzel Brustorf in Erinnerung. Unserer Mitarbeitern Gisela Krull befragte ihn dazu.

Förster Neitzel zog mit seiner Familie 1935 ins Brustorfer Forsthaus. Der zehnjährige Sohn Clausjürgen schloss sich bald der Dorfjugend an. Die traf sich gern am Dorfteich. Als Siebzigjähriger berichtete er 1995: "Im Winter, der in den Jahren damals von Mitte November bis März frostig war und viel Schnee brachte, war dort die Eislaufbahn. Mit selbst gebastelten Schlägern und Fichten­ oder Kiefernzapfen als Puck wurden in wechselnden Zusammenstellungen Turniere ausgetragen. Konrad Senzel vom Krug, die Schriewers, Mohnke, Kavelmann und Höpfner gegen Peckatels Schwab­ Mannschaft, immer abwechslungsreich und toll. Der Sommer hatte wieder anderes dort zu bieten. Ein langer, abgeflachter Baum lag als ,Anlege­ stegí im Wasser, die Frauen spülten daran die große Wäsche. Festgelegt war er mit einem Pfahl, der durch ein Astloch gerammt war. Wir zogen ihn aus dem modrigen Boden und hatten nun einen ,Panzerkreuzerí. Mit einer Stange als Motor stakte sich einer über den Teich, zwei von uns konnte der alte Baumstumpf nicht tragen, so vollgesogen, wie er war. Die anderen beschossen nun kräftig von beiden Seiten des Teiches den so schnell wie möglich hin­ und zurückfahrenden Kreuzer mit Zapfen. Wer ohne ins Wasser (modrige Brühe) zu fallen hin­ und herkam, war Sieger. Dass auch Kühe und Gänse vom Teich Gebrauch machten und wir, wenn wir uns ans Ufer gerangelt hatten, mit mehreren Egeln behaftet waren, störte uns nicht. Nur meine Mutter ließ, wenn ich heimkam, den Zuber volllaufen, und der Gestank, wie sie unser Odeur nannte, wurde weggeseift."

Clausjürgen Neitzel kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zurück, Erlebnisse seiner Schwester und seines Vaters schreckten ab. Doch Brustorf, den Brustorf­Peutscher Forst und den Peutscher See behielt er als Kindheitsparadies in Erinnerung.

Höhepunkt: Schlachtfest

Förster Neitzel verwaltete von 1935 bis 1945 den Brustorf­Peutscher Forst und wohnte mit seiner Familie im Brustorfer Forsthaus. Zu den winterlichen Höhepunkten gehörten die Schlachtfeste. Der Sohn erinnerte sich:"Meine Eltern hielten immer zwei Schweine, die im Herbst und im frühen Frühjahr geschlachtet wurden. Ein angemieteter Hausschlachter sorgte für das Schlachten und Zerlegen des Tieres und das Einteilen der Fleischstücke für Schinken, Wurst, Pökelfleisch und Dauerwaren. Ein bis zwei Wildstücke, Rot­, Dam­ oder Schwarzwild, wurden jeweils am Schlachttag mit verarbeitet, um das fette Schweinefleisch genießbarer zu machen und die Wurstwaren zu verfeinern. Auf unserem Boden war eine Räucherkammer, in der die fertig geräucherten Schinken und Würste das Jahr über auch aufbewahrt wurden. Die Weckgläser, zum Beispiel mit der Spezialität meiner Mutter, der Leberwurst aus Schweineleber mit Reh­ und Wildschweinleber, wurden im Keller aufbewahrt und waren eine Delikatesse, weit und breit gerühmt und von mir im späteren Leben nirgendwo auch nur annähernd in gleicher Qualität angetroffen."

Am Schlachttag früh hing das Schwein schon zum Auskühlen in zwei Hälften an einer Leiter im Freien. Im großen Kupferkessel am Herd, der auch zum Pflaumenmus­Kochen, Erhitzen des Badewassers und zur Wäsche diente, siedete das Wasser, in dem das Wellfleisch und später die Brühwürste gekocht wurden. Der Geruch von Thymian und Majoran verbreitete sich im ganzen Haus. Der Hauklotz, den der Fleischer mitbrachte, stand auf dem Hof. Er diente als Ablage beim Teilen der Fleischstücke und Herauslösen der Knochen. Zu den Aufgaben des Schlachters gehörte auch das Mischen der Gewürze.

Die Schlachttage auf dem Land waren trotz schwerer Arbeit wahre Feste. Nicht nur Nahrung wurde zubereitet, Nachbarn und Verwandte halfen, Neuigkeiten wurden ausgetauscht und zum Wellfleischessen gehörten Korn und Bier. Eine Abwechslung vom täglichen Einerlei.