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Erst fremd gegangen, dann alle verlassen

Sodom und Gomorra unter den Wanderfalken. Ganz so schlimm wird es wohl nicht sein. Aber mit offenen Karten spielten ein Terzel und sein Zweitweib nicht.

Was guckst du? Zwei weibliche und ein männlicher Wanderfalke werden in einem Horst am Brückentinsee aufgezogen.
Dana Skierke Was guckst du? Zwei weibliche und ein männlicher Wanderfalke werden in einem Horst am Brückentinsee aufgezogen.

Es ist eine Geschichte von Verrat, Ehebruch, Betrug und Enteignung. Es fing mit Zuneigung an. Zwei Herzen treffen sich, finden Gefallen aneinander. Erst später stellt sich heraus, dass Er schon längst vergeben ist und das Liebesnest gar nicht ihm gehört. Es geht weiter mit moralischen Verfehlungen und es kommen kriminelle Machenschaften hinzu: Die Frucht der Liebe, die beim tête a tête entstanden ist, schiebt Sie skrupellos dem neuen Partner unter. Das Liebesnest bekommt nicht der rechtmäßige Besitzer zurück, nein, die „Kuckucksfamilie“ mutiert zu Hausbesetzern. Wobei der Nachwuchs und der falsche Vater ja keine Ahnung haben. Nur das Weib weiß es und kennt keine moralischen Zweifel. Was bleibt ihr auch übrig. Die Liste ihrer Verfehlungen wird immer länger, jetzt auch noch Hausfriedensbruch und Diebstahl. Aber sie hat sich angesch... Ihr Plan geht nicht auf. Kein Sex mit dem jungen Liebhaber, dafür Arbeit. Er will sogar von ihr gefüttert werden. Sie hat nur Ärger mit dem Kerl. Manchmal sitzt er und starrt den Nachwuchs an, als ahne er etwas ….

Der Liebhaber ist einfach noch zu jung

Gott sei dank passiert diese Geschichte nicht im Menschen-, sondern im Tierreich. Es betrifft eine Wanderfalken-Familie am Brückentinsee. Wobei der Terzel, so heißt der männliche Falke, ja nicht der Erzeuger ist. Und er benimmt sich tatsächlich so, als interessiere ihn das alles nicht. „Er stellt sich zu dumm an“, bringt es Paul Sömmer, Ornithologe und Leiter der Naturschutzstation Woblitz bei Himmelpfort auf den Punkt. Der Wanderfalke ist einfach zu unerfahren, dem Weib, so heißt die Wanderfalkenfrau, körperlich unterlegen. Ein Weib erwartet Geschenke, sie möchte gefüttert und stimuliert werden, dann erst lässt sie den Terzel ran. Ein altes Männchen hat das gewusst, die Alleinstehende umgarnt und trotz Wanderfalkengattin im eigenen Horst verführt. Nach dem Ehebruch ist er wieder zu seinem Weib abgedüst, konnte der Ornithologe Sömmer beobachten. Wanderfalken verbringen ihr Leben zusammen.

Sie blieb schließlich allein zurück im Adlerhorst

Die „geschwängerte“ Verlassene blieb zurück, wo der lustvolle Verrat stattgefunden hatte: In einem Adlerhorst an besagtem Brückentinsee in der Nähe von Comthurey. Wahrscheinlich war sie froh, mit dem jungen Terzel doch noch einen Partner gefunden zu haben. Wenn er auch zu nichts zu gebrauchen ist. Es muss ja besser werden, schließlich werden sie als Paar zusammenbleiben, man wird im kommenden Jahr hoffentlich gemeinsamen Nachwuchs haben. An der Aufzucht der drei Nestlinge jedenfalls beteiligt sich der Terzel nicht. Im Gegenteil, wie schon erwähnt, erwartet er sogar, dass sein Weib ihm, wie den Kleinen, ebenfalls Futter mitbringt.

Sogar als die Jungtiere dieser Tage aus dem in 26,8 Meter Höhe befindlichen Horst geholt wurden, um beringt zu werden, war es nur die Mutter, die halbtot vor Sorge um die Kinder schreiend den Horst umkreiste. Der „Vater“ schaute sich das vom Nachbarbaum in aller Ruhe an. Die zirka 20 Tage alten Jungtiere haben alles gut überstanden. Zwei Weiber und leider nur einen Terzel fanden Paul Sömmer und sein Ornithologenkollege Karsten Matschei in dem okkupierten Adlerhorst. Die Terzel begründen die Wanderfalkenfamilie, darum sind sie wichtig. Siehe den erfahrenen Fremdgeher, der in diesem Jahr mindestens zwei Weibchen begattet hat.