NOTFALLMEDIZINERIN

„Fliegender” Wechsel bei Rettungshubschrauber Christoph 48

Claudia Lossin hat den Luftrettungsstandort Neustrelitz mitgestaltet. Nun nimmt die Notfallmedizinerin nach 25 Jahren Abschied. Susanne Schulz sprach mit ihr.
Luftretterin mit Bodenhaftung: Als „Aufhören, wenn’s am schönsten ist“ sieht Claudia Lossin ihren
Luftretterin mit Bodenhaftung: Als „Aufhören, wenn’s am schönsten ist“ sieht Claudia Lossin ihren Abschied vom Rettungshubschrauber. Susanne Schulz
Neustrelitz ·

Ist es nicht erstaunlich, dass Neustrelitz zum Standort für die Luftrettung wurde, die man doch eher in größeren Städten und nahe größeren Kliniken vermutet?

Wenn Sie sich auf einer Deutschlandkarte lauter Kreise als Einsatzgebiete für die Luftrettung vorstellen, ist der Mittelpunkt eines solchen Kreises südlich von Greifswald tatsächlich Neustrelitz und nicht zum Beispiel Neubrandenburg. Trotzdem mussten Annerose Hünemörder, meine Vorgängerin als Ärztliche Leiterin des Rettungsdienstes, und DRK-Geschäftsführer Uwe Jahn damals wahnsinnige Anstrengungen unternehmen, um diesen Standort durchzusetzen.

Sie sind vom ersten Tage an dabei. Wie war es, auf den Helikopter zu wechseln?

Es klingt einfacher, als es war. Wir dachten tatsächlich, wir nehmen unsere Ausrüstung aus dem Rettungswagen eben mit in den Hubschrauber. Den Zahn hat uns die Bundeswehr, die seit 1990 in ganz Ostdeutschland die Luftrettung aufbaute, ganz schnell gezogen. Beatmungsgeräte, Spritzenpumpen und so weiter müssen im Hubschrauber natürlich ganz anders befestigt werden und trotzdem jederzeit greifbar sein. Und unsere schweren Blechkoffer haben wir ganz schnell auf Rucksäcke umgestellt. Als kleines Team von Ärzten und Rettungsassistenten haben wir damals von der Bundeswehr erst mal Luftrettung gelernt.

Was braucht man, um ein guter Luftretter zu sein?

Oberstes Prinzip ist absolute Teamkompetenz! Jeder muss für die anderen mitdenken können. Zur Hubschrauber-Besatzung gehören jeweils ein Pilot, ein Notarzt sowie der Co-Pilot und Notfallsanitäter. Dessen korrekte Bezeichnung lautet TC-HEMS, das steht für einen medizinisch-technischen Mitarbeiter, der für Pilot und Arzt gleichermaßen der wichtigste Partner ist.

Wir haben hier in Neustrelitz drei Piloten vom ADAC, fünf TC-HEMS vom DRK-Kreisverband und zwölf Notärzte aus dem DRK-Krankenhaus, die monatlich jeweils drei, vier Einsatztage bei der Luftrettung haben. Wie die meisten Notfallmediziner bin ich Fachärztin für Anästhesie. Das ist ein Fachgebiet, in dem man Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen muss, nicht nur im OP. Beim Rettungseinsatz habe ich keinen Oberarzt dabei, den ich um Rat fragen kann.

Umso wichtiger ist die technische Ausstattung, die Sie auf engstem Raum dabei haben. Wie hat die sich entwickelt?

Natürlich ist das nicht mehr der Hubschrauber von vor 15 Jahren. Zum Beispiel haben wir seit einiger Zeit ein Ultraschallgerät an Bord, um freies Blut im Bauchraum zu erkennen. Sehr hilfreich zur Wiederbelebung etwa nach Ertrinkungsunfällen ist auch die automatische Reanimationshilfe, die in verlässlichem Rhythmus und geeigneter Tiefe eine Herzdruckmassage übernimmt, oder eine Intubationshilfe zur Beatmung.

Verändert hat sich vermutlich auch das Einsatzspektrum?

Klar, vor allem im Straßenverkehr. Die Entwicklung der Fahrzeugtechnik mit immer neuen Sicherheitssystemen führt zu viel weniger Brustkorb- oder Schädel-Hirn-Verletzungen. Dafür gibt es mehr Freizeitunfälle, die wir früher nicht hatten, vor allem im Radsport mit E-Bikes und Rennrädern. Überhaupt macht sich die höhere Mobilität älterer Menschen bemerkbar. Aber den weitaus größten Teil unserer Einsätze machen nach wie vor internistische oder neurologische Ursachen wie Herz-Kreislauf-Probleme oder Schlaganfälle aus.

In einer Gegend mit großen Entfernungen und schwer zugänglichen Stellen stehen die Vorzüge des Hubschraubers außer Frage. Was braucht er wiederum, um landen zu können?

20 mal 20 Meter, hindernisfrei, sind schon nicht schlecht, zum Beispiel bei Verkehrsunfällen außerorts, an Autobahnen oder bei Ertrinkungsunfällen an Stellen, wo man mit dem Rettungswagen nicht hinkommt. Aber wir sind auch schon mal in einem Garten gelandet, da ragten dann die Rotorblätter dicht an die Sträucher. Gewährleisten müssen wir dabei immer die Sicherheit für die Besatzung, für die Menschen am Boden und auch für Güter. Wir können nicht einfach mal ein Gewächshaus abräumen oder Schotter aufwirbeln. Deshalb fängt jede Landung mit einem Überflug an – da wundern sich immer wieder Menschen, warum wir erst mal kreisen. Auf einem Campingplatz hatten mal Leute aus lauter Laken ein weißes Kreuz ausgelegt, um einen Landeplatz zu markieren. Das war gut gemeint, aber wenn die in die Rotorblätter gewirbelt werden, ist der Hubschrauber Schrott.

Wie können denn die Menschen, die auf Sie warten, sich am sinnvollsten bemerkbar machen?

Am besten, indem sie eine helle Tischdecke schwenken oder ein großes Handtuch. Ein Taschentuch bringt wenig, ebenso, uns vor dem Haus zu erwarten: Wenn sich der Hubschrauber nähert, steht schnell mal vor jedem Haus jemand und guckt hoch.

Wie finden Sie es, wenn Unbeteiligte fotografieren oder filmen?

Die nehme ich überhaupt nicht wahr. Nach der Einsatzmeldung sind wir innerhalb von zwei Minuten in der Luft, unterwegs wird die Landung vorbereitet und, so weit es die Informationen hergeben, der Einsatz geplant. Vor Ort nehmen wir das Gepäck und machen uns auf die Socken. Voyeure kriege ich nicht mit.

Sind Sie je behindert oder attackiert worden?

Nein. Dem Piloten, der ja während des Einsatzes am Hubschrauber bleibt, kann es schon mal passieren, dass sich Anwohner beschweren, weil ihre Fensterscheiben geklirrt hätten. Manchmal gibt es auch Leute, die des Platzes verwiesen werden müssen. Das ist Sache der Polizei, die Einsatzstelle zu sichern. Aber ich habe auch von Kollegen gehört, die schon mal Handys eingesammelt haben.

Im Notfalldienst führen Sie ein Leben „auf dem Sprung“. Wie stellen Sie sich darauf ein?

Das ist einfach so. Man gewöhnt sich daran, prophylaktisch zur Toilette zu gehen, weil man nicht weiß, wenn der nächste Einsatz kommt und wie lange er dauert. Aus demselben Grund achtet man darauf, immer etwas zu trinken dabei zu haben. Und natürlich passend gekleidet zu sein: Der Hubschrauber hat weder Klimaanlage noch Standheizung.

Und wie wappnen Sie sich gegen den psychischen Druck und für Situationen, in denen Ihr Rettungseinsatz vergeblich bleibt?

Empathie ist ganz wichtig für unseren Beruf, aber zugleich darf man nicht alles an sich heranlassen. Trotzdem kann es passieren, dass ein Einsatz einen ausknockt. Auch darum ist ein gutes Team und sind die Nachbesprechungen so wichtig. Besonders nah geht es mir, wenn bei einem Unfall Menschen ohne eigenes Verschulden verletzt oder getötet werden.

Unvergesslich bleibt auch ein Ertrinkungsunfall vor vielen Jahren in Lychen: Zu Ostern war ein vierjähriger Junge in den See gefallen. Wir konnten ihn wiederbeleben und in eine Spezialklinik bringen, er hat sich später ganz normal entwickelt und uns auch noch mal besucht. Das kalte Wasser hatte die Hirnfunktion geschützt – anders als bei einem zweijährigen Mädchen, das einige Zeit später einen Badewannenunfall nicht überlebte. In solchen Momenten hat jeder von uns mal ’ne Blockade, dann stößt ihn ein anderer an, und man funktioniert weiter. Ich habe zum Glück auch meinen christlichen Glauben, um dann nicht an mir oder dem Schicksal zu zweifeln. Wir können nur unser Bestes geben, und das tun wir.

Der 1. Juli ist der Jahrestag für 25 Jahre Rettungshubschrauber in Neustrelitz, davon 15 Jahre als Standort der ADAC-Luftrettung. Und gerade jetzt hören Sie auf …

Ja, genau jetzt und nach mehr als 6000 Einsätzen ist der richtige Zeitpunkt für das sprichwörtliche Aufhören, wenn’s am schönsten ist. Das habe ich schon immer so gehalten, auch privat bleibe ich auf keiner Party bis zum Schluss. Wir haben hier ein tolles junges Team, und ich kann von mir sagen, viele der Kollegen hier eingeführt zu haben.

 

Zur Person Claudia Lossin vom Luftrettungszentrum Neustrelitz

Claudia Lossin, geboren 1963 in der Prignitz, absolvierte ihre medizinische Ausbildung in Perleberg, Rostock, Berlin und Neustrelitz. Als Notfallmedizinerin und Anästhesistin gehören Intensivstation und OP-Saal ebenso zu ihren Einsatzorten wie Notarztwagen und Rettungshubschrauber. Ihr Nachfolger in Neustrelitz wird Dr. Roland Kersten.

Ein Luftrettungszentrum gibt es in Neustrelitz seit 1996. Seither wurden hier 22 500 Einsätze geflogen. 2006 war Neustrelitz der deutschlandweit letzte Standort, den die Bundeswehr an einen zivilen Betreiber übergab – an die ADAC-Luftrettung.

Von Neustrelitz aus ist „Christoph 48“ in Mecklenburg-Vorpommern und Nordbrandenburg im Einsatz. Innerhalb von 15 Minuten kann der Helikopter vom Typ EC 135 (der am häufigsten eingesetzte Hubschrauber in der deutschen Luftrettung) die Einsatzorte im Umkreis von 50 Kilometern erreichen. Allein im vergangenen Jahr hob er 1274 Mal ab, im Durchschnitt also 3,5 Mal pro Tag.

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