NEUES AUS DER EINSTIGEN IRRENANSTALT

Forscher können jetzt Akten der Stasi auswerten

Viele Jahre wurden Materialien zu Patienten der Landesirrenanstalt unter Verschluss gehalten. Ihre Aufarbeitung soll in eine neue Dauerausstellung in neuen Räumen münden. Ein unverhoffter Geldsegen erleichtert die Arbeit.
Christel Lau und Mitstreiter machen in 112 Jahre alten Fensterrahmen die Totenlisten der Domjüch für die Nachwelt zugänglich.
Christel Lau und Mitstreiter machen in 112 Jahre alten Fensterrahmen die Totenlisten der Domjüch für die Nachwelt zugänglich. André Gross
Das Männerhaus I soll für museale Zwecke hergerichtet werden.  
Das Männerhaus I soll für museale Zwecke hergerichtet werden.   André Gross
Neustrelitz.

 „Wir hatten noch nie die finanzielle Basis, um intensive Forschungsarbeit zu leisten. Nun ist das anders. „Christel Lau, Vorsitzende des Domjüch-Vereins, wird heute in Halle bei der Kulturstiftung des Bundes Fonds neue Länder 38 000 Euro abrufen. Mit dem Geld sollen unter anderem 40 Patientenakten aus der ehemaligen Landesirrenanstalt Neustrelitz wissenschaft- lich erschlossen werden. Die Stasi hatte sie im Rahmen von Recherchen gegen in der BRD und der DDR untergetauchte Euthanasie-Ärzte unter Verschluss gehalten. Seit vergangenem Jahr sind die Unterlagen nun zugänglich.

 Der Verein zum Erhalt der Domjüch verspricht sich von den 40 Akten eine Menge. „Wir haben bereits viel über Ärzte und Pfleger zusammengetragen, während wir über die Patienten noch wenig wissen“, so Christel Lau. Am Ende der Untersuchungen soll eine weitere Dauerausstellung stehen. Sie soll im Nordflügel des Männerhauses I eingerichtet und im August kommenden Jahres eröffnet werden. Auch für die Herrichtung des bislang ungenutzten Gebäudeteils soll Stiftungsgeld eingesetzt werden. Weitere Mittel dienen der Schulung der Vereinsmitglieder, die Führungen über das geschichtsträchtige Areal am Rand der Stadt anbieten. Im vergangenen Jahr waren hier rund  10 000 Besucher gezählt worden. Ein Anziehungs-punkt ist der Nachlass des Neustrelitzers Wilhelm Müller, der von 1907 bis 1918 Insasse der Irrenanstalt war und seine Erlebnisse in Malerei und Schrift festgehalten hat. Hier gibt es weiteren Forschungsbedarf. Müller ist 1941 in Bernburg der Euthanasie der Nazis zum Opfer gefallen. Es ist erst das zweite Mal, dass die Stiftung Einrichtungen in Neustrelitz fördert. Anträge können bei ihr nicht gestellt werden, sie findet ihre Begünstigten selbst.  Seinerzeit war die Alte Kachelofenfabrik bedacht worden.

Der Domjüch-Verein unter-hält Kontakte zu allen deutsch-sprachigen Psychiatrie-museen. „Während die meisten dieser Einrichtungen auf Krankheitsbilder fixiert sind, arbeiten wir Geschichte auf, vermenschlichen sie und schaffen einen Ort der Erinnerung“, stellt Christel Lau heraus. „Wir ha-ben genügend Räume auf dem Gelände, aber sie wollen gefüllt sein.“ Die vor 112 Jahren eröffnete Anstalt sei ja vielen ähnlichen Einrichtungen voraus gewesen. Hier sei erst-mals das Gesunde im kranken Menschen gefördert worden. Die ersten Patienten waren zuvor im Neustrelitzer Gefängnis hinter Gittern gehalten worden.

Der Domjüch-Verein  steht im vierten Jahr seiner Existenz und hat 86 ordentliche sowie rund 50 fördernde Mitglieder. Die parteilose Christel Lau (57) kandidiert jetzt auf der Liste der SPD für die Stadtvertretung. Ihr Motto: Manchmal muss man nur anfangen.

 

Kommende Events in Neustrelitz

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Neustrelitz

zur Homepage