DRAMA IN DER SEENPLATTE

▶ Frau entkam dem Flammen-Tod in Neustrelitz

Im Sommer 2016 kam Sarah H. in Alt Rehse zu Tode, jetzt starb ihr Lebensgefährte an den Folgen eines Brandes in Neustrelitz. Die neue Frau des Mannes entkam noch rechtzeitig.
Im Juni 2020 wurde der ehemalige Lebensgefährte der verstorbenen Sarah H. in einem Revisionsprozess vor dem Landgericht N
Im Juni 2020 wurde der ehemalige Lebensgefährte der verstorbenen Sarah H. in einem Revisionsprozess vor dem Landgericht Neubrandenburg lediglich zu einer Geldstrafe verurteilt. Stefan Sauer
Das Haus in Neustrelitz ist nach dem Brand unbewohnbar.
Das Haus in Neustrelitz ist nach dem Brand unbewohnbar.
Die Nachbarn sind anderswo untergekommen.
Die Nachbarn sind anderswo untergekommen. Marlies Steffen
Neustrelitz.

Es ist ein Justiz-Drama und es ist eine menschliche Tragödie, aus der mittlerweile zwei Todesopfer resultieren: Der Fall des am vergangenen Freitag durch eine Verpuffung in seiner Wohnung in Neustrelitz schwer verletzten und wenige Stunden in einer Spezialklinik in Berlin verstorbenen Mannes hallt nicht nur in unmittelbarer Umgebung der Brandwohnung, sondern auch bei Polizei und Justiz nach.

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Und hätte die aktuelle Ehefrau des 55-jährigen Verstorbenen am 10. September nicht für sich persönlich die Notbremse gezogen – wer weiß, was noch passiert wäre. Denn an jenem Septembertag vor knapp drei Wochen wurde die Polizei von der jungen Frau alarmiert und in die Wohnung des Ehepaars in die Zierker Straße nach Neustrelitz gerufen.

„Die Frau war mit der Situation komplett überfordert. Das ständige laute Singen ihres Mannes, der sich überwiegend halbnackt in der Wohnung bewegt hatte und der psychisch offenbar mächtig angeschlagen war sowie der chaotische Gesamtzustand in den Räumen hatten die Frau fertig gemacht. Sie wusste einfach nicht mehr weiter und hatte uns um Hilfe gebeten”, sagte am Montag eine Sprecherin der Polizeiinspektion Neubrandenburg auf Nordkurier-Anfrage.

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Flucht könnte Frau das Leben gerettet haben

Allerdings, auch das betonte die Sprecherin, habe keine Körperverletzung vorgelegen. Die Frau, die uns alarmiert hatte, wies keine Hinweise auf, dass sie geschlagen worden sei. Und trotzdem: Die junge Frau, die seit Sommer 2019 mit dem 55-Jährigen verheiratet gewesen war, flüchtete in ihre Heimat nach Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz. Vielleicht hat ihr diese Flucht am 10. September jetzt das Leben gerettet.

Und noch eines gab die Polizei am Montag gegenüber dem Nordkurier bekannt: Bei dem Einsatz in Neustrelitz vor knapp drei Wochen seien auch „verbotene Substanzen” in der Wohnung gefunden worden. Die Polizei hatte seinerzeit einen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz registriert.

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Bereits beim Tod von Sarah H. im Sommer 2016 waren Drogen im Spiel gewesen. Der Todesfall hatte bundesweit immer wieder für Aufsehen gesorgt. Polizisten hatten damals die Leiche der Lebensgefährtin des Mannes tot in dessen Haus in Alt Rehse bei Neubrandenburg gefunden – durch Zufall, als sie wegen einer Ruhestörung anrückten. Die 32-Jährige war zuvor unter anderem durch ihre Teilnahme an einer TV-Show bekannt geworden und aus Rheinland-Pfalz zu dem Mann nach Alt Rehse gezogen.

Was passierte vor dem Tod von Sarah H. ?

Was dann allerdings in den Tagen und Wochen vor ihrem Tod passiert ist, hatte sich trotz mehrerer Prozesse, die dem Mann bis Juni 2020 gemacht worden waren, nie so recht rekonstruieren lassen. Der 55-Jährige soll, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft Neubrandenburg, Sarah H. an ein Bett gefesselt und ausgepeitscht haben. Ob dies allerdings todesursächlich gewesen sei, könne nicht festgestellt werden, hatte das Landgericht Neubrandenburg in einem Revisionsprozess vor gut drei Monaten in seiner Urteilsbegründung betont.

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Das Landgericht Neubrandenburg hatte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 15 Euro wegen vorsätzlicher Körperverletzung, versuchter Nötigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte verurteilt. Das Gericht stellte eine verminderte Schuldfähigkeit fest.

In erster Instanz im März 2017 war der Mann vom Landgericht Neubrandenburg wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung mit Todesfolge schuldig gesprochen und zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte das Urteil allerdings beanstandet, weil der „Geisteszustand des Angeklagten“ nicht genügend untersucht worden sei.

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Bundesgerichtshof stellt Wahnvorstellung fest

Laut eigener Aussage war der Angeklagte zur Tatzeit davon überzeugt, der Bundesnachrichtendienst forsche ihn aus und habe Sarah H. als Spitzel zu ihm geschickt. Durch Folter habe er Informationen erzwingen wollen. Diesem „behaupteten Motiv”, so heißt es im BGH-Beschluss, habe „ersichtlich eine Wahnvorstellung zu Grunde” gelegen. Möglicherweise habe der Angeklagte seine Tat nicht als unrecht empfinden können.

„Der Verurteilte ist sicherlich teilweise auffällig, neigt auch zu Übertreibungen, aber er ist nicht psychisch krank. Er hat eine Persönlichkeitsstörung – mehr aber nicht”, hatte der Richter im Revisionsprozess, Henning Kolf, in seiner Urteilsbegründung gesagt.

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Während des Revisionsprozesses war seine jetzt aus Neustrelitz geflüchtete Ehefrau noch stets an der Seite des 55-Jährigen gewesen. „Ich habe diesen Menschen kennen und lieben gelernt mit all seinen Facetten”, hatte die junge Frau, die im Revisionsprozess auch als Zeugin ausgesagt hatte, versichert. „Wäre er dieser Mensch, den die Presse aus ihm gemacht hat, so wäre ich nicht an seiner Seite”, hatte die Ehefrau des Verstorbenen im Juni – unmittelbar nach dem zweiten Urteil – mit Überzeugung verkündet.

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