Premiere
Harmloses Märchen wird in Neustrelitz zum irren Spektakel

Kasperles Großmutter (Josefin Ristau) wird von Räuber Hotzenplotz (Michael Goralczyk) bestohlen. Die Premiere am Landestheater in Neustrelitz begeisterte das junge Publikum.
Kasperles Großmutter (Josefin Ristau) wird von Räuber Hotzenplotz (Michael Goralczyk) bestohlen. Die Premiere am Landestheater in Neustrelitz begeisterte das junge Publikum.
Jörg Metzner

Überraschungen, Knalleffekte und moderne Figuren haben dem „Räuber Hotzenplotz“ auf der Premiere im Landestheater Neustrelitz neue Frische eingehaucht.

Grelle Blitze, Flammen und kuriose Tanzeinlagen verwandeln das sonst so harmlose Märchen „Der Räuber Hotzenplotz“ im Landestheater Neustrelitz in ein irres Spektakel. Die plötzlichen Knalleffekte verleiten die jungen Zuschauer auf der Premiere am Mittwochmorgen nicht selten zu spontanen Beifallsstürmen.

Denn immer wieder setzt die Inszenierung von Regisseur Jens Schmidl auf den Überraschungseffekt: Ein Säbel sticht aus dem Boden der Bühne, die Darsteller werden mit viel Rauch und Pyrotechnik regelrecht in die Szene „gezaubert“ oder platzen einfach vor den Augen der Nachwuchs-Theatergänger. „Wie machen die das nur?“, fragen sogar die größeren Schüler wiederholt im Publikum. Kasperles und Seppels Jagd auf den Räuber Hotzenplotz (kurios schizophren gespielt von Michael Goralczyk) – der die Spieluhr der Großmutter (Josefin Ristau) gestohlen hat und die beiden Helden im Laufe des Stücks entführt – entwickelt sich so zu einem rasanten Abenteuer ganz ohne Längen.

Reichlich Slapstick und alberne Tänze

Die Original-Figuren Kasperl und Seppel haben für die Aufführung einen angenehm frischen Anstrich bekommen. Während Matthias Gärtner den etwas naiven Seppel mit Liebe zum Hip-Hop mimt, tritt Kasperl (Stephanie Pardula) frech mit Sport-Klamotten und Schirmmütze auf. Urkomisch: Sogar das beim Kasperletheater nicht wegzudenkende Krokodil hat einen Kurzauftritt – allerdings nur als halber Dackel. Reichlich Slapstick und alberne Tänze treffen weitgehend den Humor des jungen Publikums. Doch auch erwachsene Zuschauer können sich ein Schmunzeln in dem Feuerwerk an Anspielungen nicht verkneifen. So trällert die gestohlene Spieluhr der Großmutter das Lied Sexbomb von Tom Jones.

Dennoch sind einige Teile des Schauspiels für ganz kleine Zuschauer etwas zu düster geraten. Insbesondere die Vorschulkinder im Publikum berichten nach der Vorstellung von ihrer großen Angst während einiger bedrückender Momente – etwa, wenn Räuber Hotzenplotz dramatisch sein Messer an die Haare von Seppel ansetzt oder unter Nebel und dröhnender Rockmusik der Zauberer auftritt.

Finale reißt Kinder aus den Sitzen

Nicht zuletzt bestätigt jedoch die enorme Lautstärke am ausverkauften Premieren-Morgen die große Begeisterung der meisten Zuschauer. Wenn die Bühnen-Helden samt zuvor klappriger Großmutter im großen Finale plötzlich übers Parkett tanzen, können sich die meisten Kinder nicht auf den Sitzen halten. Für die Künstler schon während der Vorstellung eine tolle Resonanz: „Wenn der ganze Saal tobt, ist das motivierender, als wenn alles still ist“, sagt Seppel-Darsteller Matthias Gärtner. Der Schauspieler kennt das Märchen bereits aus seiner Kindheit. Doch so herrlich wild wie diese Vorstellung hat selbst Gärtner es nicht mehr in Erinnerung.

„Der Räuber Hotzenplotz“ läuft vorwiegend morgens, am Sonntag und fast jeden Wochentag der nächsten Woche im Landestheater Neustrelitz. Alle Informationen und Karten auf www.theater-und-orchester.de.