Sandra Lembke hat Hunderte Briefe von der Front gesammelt und gelesen.
Sandra Lembke hat Hunderte Briefe von der Front gesammelt und gelesen. Jana Schrödter
Schicksale

Historikerin aus Neustrelitz sucht Antworten in alten Feldpostbriefen

Historikerin Sandra Lembke hat Briefe und Postkarten aus den Weltkriegen zusammengetragen. Zumeist Feldpost von der Front. Was ist aus den Soldaten geworden?
Neustrelitz

Sandra Lembke begibt sich immer wieder auf Reisen in die Vergangenheit. Aktuell lässt sie Soldaten, die nicht mehr auf der Erde weilen, zu Wort kommen und gibt ihnen ein Gesicht. Sie berichten in ihrer Feldpost über die Rekrutenausbildung, die Schlacht, über den Tod, aber auch über eher banale Dinge wie das gute Essen.

Mehrere hundert Briefe und Postkarten aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg hat Lembke zusammengetragen. Zeilen in altdeutscher Schrift, teilweise verblasst, aber immer noch lebendig und lesbar. Einige der Briefe berühren sie persönlich sehr. Wenn ein Soldat von der Front schreibt, es geht mir „noch“ gut. Sie erinnert sich an einen Soldaten, der sich immer Farbe und Papier an die Front bestellt hat. Lembke fragte sich, was aus ihm geworden ist und sie forschte nach. Sie fand heraus, dass er den Krieg überlebt hat und später Kunstlehrer geworden ist.

Enge Zusammenarbeit mit Kriegsgräberfürsorge

Es gibt viele ergreifende Schicksale. Lembke sieht es als ihre Mission an, die Belastungen der Hinterbliebenen zu mildern und Klarheit zu schaffen. Auch wenn sie manchen Familien nur noch den Ort der Grabstätte mitteilen kann, so können die Familien doch abschließen. Lembke arbeitet eng mit der Kriegsgräberfürsorge zusammen. Sie sorgt dafür, dass die verstorbenen Soldaten eine ordentliche Bestattung erhalten und dass ihr Name nicht in der Versenkung verschwindet. Lembke ist hauptberuflich Sozialpädagogin und hat nebenbei ihr Masterstudium in Geschichte absolviert. Wenn sie die alten Briefe in Reinschrift bringt, liest sie oft auch traurige Nachrichten wie „Ich muss ihnen mitteilen, dass ihr Sohn gestorben ist, weil er einen Brustschuss bekommen hat“. Liegt dann noch ein Foto dabei, ist sie sehr berührt. Zeilen wie „Du sollst dir doch nichts abknapsen“ deuten auf die Lebensmittelknappheit der damaligen Zeit hin.

Bewegende eigene Familiengeschichte

Sandra Lembke arbeitet die historischen Dokumente auf und erstellte einen imaginären Briefwechsel, in dem sich der Sound der Originale wiederfindet. „Ich mache das, weil ich hier lebe. Die Kriege sind ein Jahrhundert beziehungsweise 75 Jahre her, vieles ist immer noch nicht aufgearbeitet. Ein Leben reicht dafür nicht“ merkt Lembke an.

Auch in ihrer eigenen Vergangenheit hat sie nachgeforscht und wurde fündig. Ihre Urgroßeltern hatten drei Söhne. Der Älteste war an der Front in Frankreich und kam verletzt aus dem Krieg zurück. Er verstarb in den 1970er Jahren. Der zweite Sohn meldete sich als Kriegsfreiwilliger, ging zur Artillerie und kehrte nicht aus dem Krieg zurück. Lembke fand heraus, dass er sich an einer Uni in Mathematik eingeschrieben hatte. Er verstarb 1914 in Nordfrankreich. Der Jüngere der drei Brüder geriet 1917 in russische Kriegsgefangenschaft und verhungerte qualvoll.

Regelmäßig Vorträge zur Geschichte des Herzogtums

Neben dem Projekt Feldpost hält Sandra Lembke regelmäßig Vorträge zur Geschichte des Herzogtums Mecklenburg-Strelitz. Gerne schlüpft sie auch mal in historische Rollen. Als Kammerfrau Hagedorn im am Original orientierten, nachgeschneiderten Outfit bietet sie für Einheimische und Touristen Stadtführungen an. „Ich lebe das und freue mich, wenn es die Leute interessiert“, sagt Lembke. „Auch die Kinder sind begeistert und fragen mich nach einem Autogramm“, verrät Lembke.

Sandra Lembke hat bereits fünf Bücher über die Geschichte Mecklenburgs veröffentlicht. Am 12. Dezember findet im Kulturquartier eine Vernissage über die Strelitzer Hofküche im 18./19. Jahrhundert statt, die sie kuratiert hat.

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