LEBENSGESCHICHTE

Ihr Lebensmut war größer als die Angst

Der Gutsverwalter von Usadel hatte für Gertrud Sikorski und ihre Schwester in den letzten Kriegstagen den Tod beschlossen. So wäre es fast auch gekommen. Die Spuren von damals sind nie verheilt.
Annika Kiehn Annika Kiehn
Mit Mut und Willenskraft meistert Gertrud Sikorski ihr Leben.
Mit Mut und Willenskraft meistert Gertrud Sikorski ihr Leben. Annika Kiehn
Usadel.

Als sie das Blut aus ihren Handgelenken quellen sah, hatte sich Gertrud Sikorski bereits innerlich vom Leben verabschiedet. Die russischen Truppen nahten, und weiß Gott, wenn all diese grausigen Geschichten über sie stimmten, stünde ihnen nichts Gutes bevor. Dann lieber der Tod, so hatte es der Gutsverwalter für sie beschlossen – und sie und ihre Schwestern in den Wald geführt. Sanft sollten sie aus dieser Welt gehen, auch seine Kinder.

„Er wollte sie beschützen“, erinnert sich die 92-Jährige aus Usadel. Reihum schnitt er ihnen die Pulsadern auf und so hätte die Geschichte von Gertrud Sikorski enden sollen – wäre da nicht der Lebensmut ihrer jüngeren Schwester Brigitte entfacht. „Komm, Gertrud, vielleicht wird es doch gut, lass‘ uns Hilfe suchen!“ Und so rannten die Schwestern querfeldein von Usadel bis nach Groß Nemerow, die blutenden Handgelenke schützend. Plötzlich verließen Brigitte die Kräfte, sie fiel auf die Erde, nicht fähig, sich zu rühren. „Komm schon, du wolltest aus dem Wald, ich sehe schon die Häuser!“, schrie die große Schwester sie an. Sie fanden eine Familie, die sie zum Krankenhaus brachte.

Linker Unterarm musste amputiert werden

„Tja, so war das.“ 73 Jahre danach lächelt Gertrud Sikorski freundlich, als sie davon spricht. Dabei hat es lange gedauert, bis ihr zum Lächeln zumute war. Ihr linker Unterarm musste damals amputiert werden, die rechte Hand ist verzogen, mit gerade mal 19 Jahren wurde sie zur Vollinvalidin. „Meine drei Jungs haben mir Kraft gegeben.“ Sie hat sie allein aufgezogen.

Zum Glück bekam sie Arbeit als Postfrau. „Immer unter Leuten, immer an der frischen Luft.“ So manches Drama habe sie unweigerlich im Ort mitbekommen, doch noch heute wahrt sie die berufliche Pflicht der Verschwiegenheit. Immerhin so viel lässt sie gucken: „Ich habe viel Geld fürs damalige Motel verwaltet und Überweisungen erledigt für jene, die nicht lesen und schreiben konnten.“ Und die Menschen meinten es gut mit der alleinerziehenden Mutter. „Eine Frau in Ehrenhof hatte immer Bratapfel fertig, wenn ich kam. Eine andere kochte Hühnersuppe.“

Vom Balkon aus ein schöner Blick auf den See

Sie hält einen Moment inne. „Schön war es damals“, sagt sie und meint die Zeit, bevor sich das Dorf erweiterte. Klein sei Usadel gewesen – neben ihrer Familie gab es ein paar Tagelöhner, einen Schäfer, einen Stadthalter, die Schule – und das Gutshaus mit dem Verwalter. Vor einigen Jahren wurde es umgebaut zum Wohnhaus. Der Bauernkaten, in dem Gertrud Sikorski im Jahr 1926 geboren wurde, ist 1935 abgerissen worden, um dort drei neue Häuser für Tagelöhner zu errichten.

Seit vielen Jahren lebt sie in dem Neubau, der 1965 errichtet wurde. Von ihrem Balkon genießt sie die Aussicht auf den See, trotz der immer größer werdenden Linden. „War das nicht ein Unsinn, die zu pflanzen?“ Sie besitzt eine Kopie der Dorfchronik, „ich bin andauernd darin zu sehen.“ Wieder ein Lächeln. Wollte sie jemals woanders leben? „Meine Cousine ist im betreuten Wohnen in Neubrandenburg, die wollte immer, dass ich nachkomme – wohnen wir hier nicht besser als in der Stadt?“

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Usadel

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