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▶ Können Kiez-Büros die Großstädter locken?

Nach Hamburg und Berlin hat Unternehmer Björn Budack eines seinerGemeinschaftsbüros nun auch in Neustrelitz eröffnet. Wer einen Schreibtisch auf Zeit sucht, kann sich dort einmieten.
Björn Budack hat in Neustrelitz in der Strelitzer Straße ein Coworking-Büro eröffnet. Bislang sind solche
Björn Budack hat in Neustrelitz in der Strelitzer Straße ein Coworking-Büro eröffnet. Bislang sind solche Gemeinschaftsbüros eher aus Großstädten bekannt. Tobias Lemke
Neustrelitz.

Der Start war holprig. Wenige Tage vor dem Corona-Lockdown, am 13. März, eröffnete Björn Budack in Neustrelitz sein Kiez-Büro – ein sogenannter Coworking-Space mit sieben Arbeitsplätzen und einem Besprechungsraum. Frei ins Deutsche übersetzt, kann man sein Geschäft als das Bereitstellen eines Gemeinschaftsbüros für jedermann bezeichnen. Leute aus verschiedenen Branchen, die in der Regel nichts miteinander zu tun haben, können sich bei ihm in der Strelitzer Straße einen Schreibtisch mieten und daran arbeiten. Solche Geschäftsmodelle boomten bisher vor allem in den Großstädten.

 

Ausgerechnet in Zeiten von Kontaktbeschränkungen wagt sich Budack, der bereits Gemeinschaftsbüros in Berlin und Hamburg betreibt, in eine vergleichsweise kleine Stadt vor. „Inzwischen zieht das Geschäft auch wieder an“, ist der Geschäftsführer von Kiez-Büro froh. So gingen die ersten beiden Buchungen in der Neustrelitzer Filiale gerade wegen Corona ein. Zwei Angestellte, die für gewöhnlich nach Berlin gependelt waren, haben sich eingemietet.

Interesse bei hiesigen Wirtschaftsförderern

Dennoch, über alle seine Büros zusammengerechnet, hat Budack zuletzt mehr Kündigungen als Neuanmietungen verzeichnet. „Das Besprechungsraumkonzept ist zum Beispiel komplett tot“, sagt der 51-jährige gebürtige Hamburger. Am Ende würde die Branche aber wohl mit einem blauen Auge davon kommen, hofft er.

Der Entscheidung für den Schritt hinaus aus der großen Stadt und hinein in eine ländlich geprägte Region fiel aber schon vor Corona. „Coworking kann zur Entwicklung ländlicher Räume beitragen und Pendlerverkehre reduzieren. Das ist ein Monsterthema“, sagt Budack. Der Kiez-Büro-Chef ist Mitglied bei der CoWorkLand-Genossenschaft, die die Gründung, das Betreiben und die Vernetzung der Gemeinschaftsbüros auf dem Land fördert. Vor allem rund um Hamburg ist die Initiative bislang tätig. „Dort gibt es alle möglichen Projekte“, berichtet Budack. Aber auch in der Mecklenburgischen Seenplatte sei das Interesse am Thema groß. Die Wirtschaftsfördergesellschaft des Landkreises (WMSE) beobachte seinen Vorstoß aufmerksam, berichtet er. So gebe es die Idee, auch hierzulande Coworking-Plätze wie an einer Schnur übers Land zu verteilen. Das Projekt trage daher auch den Namen „Perlenkette“, sagt Budack.

Keine lange Bindung wie in Fitnessclubs

Ein Schreibtisch in seinem Kiez-Büro ist in der Regel für eine monatliche Mitgliedschaft zu haben. Dafür bekommt der Kunde einen Schlüssel und kann 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche seinen Arbeitsplatz auf Zeit nutzen – Küche,Drucker, Strom und Internet inklusive. „Bei uns gibt es keine lange Bindung wie bei einem Fitnessclub. Der Sinn ist ja, dass wir Flexibilität bieten wollen“, sagt Budack. Vor allem Freiberufler, die projektbezogen arbeiten, mieten sich ein. Wer etwa für wenige Monate für einen Auftrag in einer Stadt zu tun hat, wird sich nicht gleich ein eigenes Büro mieten. In Großstädten tragen zudem hohe Mieten für Gewerberäume dazu bei, dass Coworking funktioniert.

„Gewerberäume reichlich vorhanden”

Wirklich spannend wird es, ob Gemeinschaftsbüros in noch kleineren Städten als Neustrelitz oder sogar auf dem Dorf funktionieren können. Budack findet: „Ja.“ Weitere Kiez-Büros in der Seenplatte schließt er nicht aus. Erste Denkfabriken würden davon ausgehen, dass sich die Großstädter nicht nur zum Wohnen aufs Land zurückziehen, sondern zunehmend auch von hier aus arbeiten wollen. „Und leer stehende Gewerberäume sind reichlich vorhanden“, sagt Budack. Coworking-Büros seien vielleicht nicht die alleinige Rettung, könnten aber einen Baustein zur Behebung von Strukturproblemen in ländlichen Regionen sein, findet der Unternehmer.

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