ARBEITEN IN DER CORONAKRISE

▶️Leute beim Arbeitsamt geben alles

Tausende Unternehmer und Mitarbeiter sind in der Corona-Krise auf Kurzarbeitsgeld angewiesen. Alles muss schnell gehen, denn die Ersparnisse schrumpfen.
Stephan Evert bearbeitet in der Arbeitsagentur Neubrandenburg Kurzarbeitsanträge. Der 42-Jährige gibt alles, damit d
Stephan Evert bearbeitet in der Arbeitsagentur Neubrandenburg Kurzarbeitsanträge. Der 42-Jährige gibt alles, damit die Betroffenen so schnell wie möglich ihr Geld bekommen. Susanne Böhm
Seenplatte.

Jetzt muss alles ganz schnell gehen. Die Kurzarbeitswelle hat Mecklenburg und Vorpommern voll im Griff. Durchschnittlich jedes dritte Unternehmen in den Landkreisen Mecklenburgische Seenplatte, Vorpommern-Greifswald und Rostock hat seine Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Damit die Betroffenen die Corona-Krise überstehen, gibt es Kurzarbeitergeld vom Staat. Das muss zügig fließen, denn in vielen Haushalten sind die Ersparnisse klein und in den Unternehmen die Rücklagen aufgebraucht.

Damit in den Arbeitsagenturen die Anträge schnell abgearbeitet werden können, wurden die Bereiche der Sachbearbeiter massiv aufgestockt. Inzwischen sind 170 Sachbearbeiter im Land mit den Kurzarbeitsanträgen beschäftigt. In der vergangenen Woche waren es noch 124, vor der Corona-Krise gerade einmal 14.

„Wäschekörbe voller Kurzarbeitsanzeigen”

Einer der Neulinge ist Stephan Evert in der Arbeitsagentur Neubrandenburg. Für den 42-Jährigen und seine Kollegen ist die Situation Ausnahmezustand. Wie viele andere hatte er bis zur Krise mit Kurzarbeitsanträgen nichts zu tun. Als Arbeitsvermittler brachte er Arbeitssuchende und Arbeitgeber zusammen. „Dann kam der Lockdown. Von einem Tag auf den anderen, über Nacht, kamen Wäschekörbe voller Kurzarbeitsanzeigen und -anträge“, beschreibt Agentur-Sprecher Ronny Steeger die Situation.

Allein in der Mecklenburgischen Seenplatte seien im März und April 2644 Betriebe und 23 693 Personen betroffen gewesen. Im Landkreis Rostock waren es 2216 Betriebe und 21 140 Personen. In Vorpommern-Greifswald haben im selben Zeitraum 2471 Betriebe für 21 328 Personen Kurzarbeit angezeigt. Die Tendenz sei weiter steigend, natürlich auch in den Landkreisen Rostock und Vorpommern-Greifswald. „Jedem war sofort klar, das können wir nicht schaffen“, sagtRonny Steeger.

Deshalb zogen die Geschäftsführer der Arbeitsagenturen Personal aus anderen Bereichen ab. Überall dort, wo es gerade nicht so brennt, wurde überlegt, wer beim Kurzarbeitergeld eingesetzt werden kann. „Die Leute müssen gut mit Zahlen umgehen können, das liegt nicht jedem. Schließlich geht es bei vielen Anträgen um vierstellige Summen“, erklärt Ronny Steeger.

[Video]

Schnelle Umschulung notwendig

Stephan Evert war sofort bereit, als er gefragt wurde. „In meinem Umfeld sind auch Freunde und Bekannte betroffen. Das blendet man nicht aus. Ich möchte tun, was ich kann, damit die Leute so schnell wie möglich Geld bekommen. Niemand möchte in so eine Lage geraten.“

Die ausgewählten Mitarbeiter mussten schnell umgeschult werden. Bei virtuellen Online-Seminaren brachten die erfahrenen Kollegen den Neulingen das Einmaleins der Kurzarbeit bei. Stephan Evert schafft mittlerweile zehn bis 20 Anträge pro Tag, je nachdem, wie gewissenhaft die Formulare ausgefüllt wurden. „Das ist ja auch für die Arbeitgeber alles neu. Die Qualität ist sehr unterschiedlich. Manche füllen alles richtig aus, bei manchen muss man einzelne Informationen hinterfragen, und es gibt sogar welche, die füllen gar nichts aus, sondern drücken nur ihren Firmenstempel auf das Blatt.“ Dann gebe es Unternehmer, die die Anträge gleich in dreifacher Form schicken – per Brief, per Fax und per E-Mail. Auch das sorge für Zeitverzug, denn es müsse überprüft werden, ob die Angaben identisch sind. Schwierig werde es, wenn Arbeitgeber gar nicht mehr erreichbar sind, weil sie ihre Unternehmen geschlossen haben. Deshalb arbeiten die Mitarbeiter im Vier-Augen-Prinzip jeden Fall durch.

„Alle legen einen Zahn zu”

„Keiner hat so was jemals durchgemacht“, sagt Ronny Steeger. Er und sein Kollege haben „höchsten Respekt vor den Unternehmern“, die alles tun, um niemanden entlassen zu müssen und ihre Firmen zu retten. Auch die Arbeitseinstellung der eigenen Kollegen sei beeindruckend. „Alle legen einen Zahn zu“, berichtet Stephan Evert.

Die Behördenmitarbeiter sind sich sicher, dass kein Ende der Krise in Sicht ist. Sie befürchten eine zweite Welle. Selbst wenn irgendwann alle Anträge bearbeitet sind, folgen für sie die Abschlussprüfungen. Dann wird‘s richtig kompliziert.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Seenplatte

Kommende Events in Seenplatte

zur Homepage