Am Neustrelitzer Theater tritt die russische Sängerin Anna Matrenina ihr erstes Engagement an.
Am Neustrelitzer Theater tritt die russische Sängerin Anna Matrenina ihr erstes Engagement an. Susanne Schulz
Als Fee Dämonia – hier verkörpert von Iuliia Tarasova, die derzeit ihre Elternzeit genießt – gibt
Als Fee Dämonia – hier verkörpert von Iuliia Tarasova, die derzeit ihre Elternzeit genießt – gibt Anna Matrenina ihr Debüt am Neustrelitzer Theater. Jörg Metzner
Als Fee Dämonia – hier verkörpert von Iuliia Tarasova, die derzeit ihre Elternzeit genießt – gibt
Als Fee Dämonia – hier verkörpert von Iuliia Tarasova, die derzeit ihre Elternzeit genießt – gibt Anna Matrenina ihr Debüt am Neustrelitzer Theater. Jörg Metzner
Kultur

Russische Opern-Sängerin an Seenplatte hofft auf baldiges Kriegsende

Der Hass, der sich mancherorts gegen alles Russische und alle Russen wendet, mache sie traurig. „Es gibt nicht gute und schlechte Nationen, nur gute und schlechte Menschen“, sagt Anna Matrenina.
Neustrelitz

Jeden Morgen steht Anna Matrenina am offenen Fenster und atmet tief die frische Luft ein. Noch vor ein paar Monaten hätte die geborene Großstädterin aus Nishni Nowgorod nicht gedacht, wie gut ihr ein Städtchen wie Neustrelitz tun könnte. „Manchmal bringt uns das Leben nicht das, was wir wünschen, sondern das, was wir brauchen“, sagt die Sängerin, die hier in Mecklenburg gerade ihr erstes Engagement antritt.

Gleich nach dem in Dresden absolvierten Masterstudium einen Vertrag zu bekommen, war nicht selbstverständlich. Nach all den Corona-Hindernissen habe sich für junge Sänger eine Riesenkonkurrenz angestaut. Auf ein festes Engagement gar nicht hoffen wollend, hatte sich die 30-Jährige bei verschiedenen Opernstudios beworben, es immer ins Finale geschafft, aber doch nicht den Zuschlag erhalten. So auch beim Vorsingen für die Oper „Carmen“, die im Sommer auf dem Neustrelitzer Schlossberg aufgeführt wurde.

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Statt der Saison-Rolle aber bekam sie zu ihrer umso größeren Freude den Jahresvertrag, als Elternzeitvertretung für Mezzosopranistin Iuliia Tarasova, die vor einigen Wochen Mama wurde.

„Es gibt nicht gute und schlechte Nationen, nur gute und schlechte Menschen“

Dass die Russin Matrenina in dieser Spielzeit den Part der Ukrainerin Tarasova übernimmt, hat allemal gleichnishaften Charakter. Arge Anfeindungen habe sie zum Glück noch nicht erlebt, wohl aber zweischneidige Empfindungen als Russin in Europa, erzählt sie – zumal sie sich auf ihren sozialen Kanälen deutlich gegen den Krieg wendet. Ihr Land, ihre Familie zu besuchen, werde dadurch zum Wagnis.

Und natürlich macht der Hass, der sich mancherorts gegen alles Russische und alle Russen wendet, traurig. „Es gibt nicht gute und schlechte Nationen, nur gute und schlechte Menschen“, sagt Anna Matrenina. „Als Putin an die Macht kam, war ich acht Jahre alt, und ich habe ihn nie gewählt.“

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Überhaupt wünscht sich die junge Frau, dass unterschieden werde zwischen Schuld und Verantwortung: „Ich bin nicht schuldig an diesem Krieg. Aber ich übernehme Verantwortung.“ Deshalb sei sie in Dresden zum Bahnhof gegangen, um ankommende Flüchtlinge zu unterstützen, deshalb äußere sie sich auch in sozialen Medien. Dass sie überhaupt diese Möglichkeit habe, anders als ihre Eltern und ihre Schwester in Russland, empfindet sie als „moralische Verpflichtung“. Und hofft inständig, dass der Krieg beendet wird und „wir alle wieder aufatmen können“.

Opern-Premiere im November

Froh ist die Sängerin zudem über die Haltung der Theater und Orchestergesellschaft Neubrandenburg/Neustrelitz (tog), russische Kultur nicht zu „canceln“. Im November wird hier die Oper „Eugen Onegin“ – komponiert von Peter Tschaikowski nach einem Epos von Alexander Puschkin – Premiere haben, mit Anna Matrenina in der Rolle der Olga, die sie schon während des Studiums einstudiert hatte. Zunächst aber wird sie in zwei Wiederaufnahmen zu erleben sein, in denen sie die zuvor von Iuliia Tarasova gesungenen Partien übernimmt.

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Der erste Auftritt in Neustrelitz steht für die vor Energie sprühende Sängerin am Freitag als zornige Fee Dämonia in der Märchenoper „Dornröschen“. Eine so prägnante Rolle, dass das Stück auch „Dämonia“ heißen könnte, schrieb der Nordkurier zur Premiere. Auch Anna Matrenina ist beeindruckt von dem Unterwelt-Wesen mit den menschlichen Gefühlen, dass sich in den Prinzen verliebt und die Erfahrung machen muss, dass Liebe nicht zu erzwingen ist. Eine ganz andere Herausforderung erwartet die Sängerin dann als toughe Dorothy in dem Musical „Blondinen bevorzugt“ mit viel Dialog und Tanz.

Dank ihrer Ausbildung als Chordirigentin geübt im schnellen Lernen von Text und Noten, habe sie mehr Zeit, sich die Figuren anzueignen, sagt die junge Frau, die dazu auf Mitschnitte der Neustrelitzer Inszenierungen zurückgreifen kann und hofft, ihre Kollegin Iuliia Tarasova bald auch persönlich kennenzulernen: „Eine phantastische Sängerin“, schwärmt sie bereits.

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Gemeinsam mit ihrem Mann – er ist Werkstoffwissenschaftler und arbeitet an seiner Promotion an der Bergakademie Freiberg – ist Anna Matrenina gerade nach Neustrelitz gezogen, wo beide sich auf lange Spaziergänge freuen und auf einen Ort, der in diesen krisen- und konfliktreichen Zeiten „das ist, was wir brauchen“.

Das Debüt auf der Neustrelitzer Bühne gibt Anna Matrenina am Freitag mit der Wiederaufnahme der Märchenoper „Dornröschen“, die nächsten Vorstellungen folgen dann am 30. September sowie 15. und 16. Oktober. Das Musical „Blondinen bevorzugt“ steht wieder am 22. und 28. Oktober auf dem Spielplan. „Eugen Onegin“ hat am 26. November Premiere, „Vanessa“ am 28. Januar. Kartentelefon: 03981 206400.

 
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