Als junger Mann half Helmut Brosig von 1958 bis 1960 in China beim Aufbau eines Schleifscheibenwerks.
Als junger Mann half Helmut Brosig von 1958 bis 1960 in China beim Aufbau eines Schleifscheibenwerks.
Mit der Tram ging es Ende der 1950er Jahre durch Shanghai.
Mit der Tram ging es Ende der 1950er Jahre durch Shanghai.
Helmut Brosig, heute in seinem Garten in Neustrelitz.
Helmut Brosig, heute in seinem Garten in Neustrelitz. Tobias Lemke
Das Bild zeigt die Stadt Wuhan, wie sie noch vor 60 Jahren aussah. Damals wurde gerade die erste Brücke über den Jan
Das Bild zeigt die Stadt Wuhan, wie sie noch vor 60 Jahren aussah. Damals wurde gerade die erste Brücke über den Jangtsekiang fertiggestellt. Helmut Brosig
Helmut Brosig und seine Frau in einer Rikscha
Helmut Brosig und seine Frau in einer Rikscha Helmut Brosig
Erinnerungen an Fernost

So sagenhaft war es noch vor 65 Jahren in China

Helmut Brosig hat früher weltweit Elektrotechnik aufgebaut. Seine Arbeit führte ihn bis Fernost. Hier erzählt er, warum seine letzte Anlage unvollendet geblieben ist.
Neustrelitz

Sagenhaft! Mit diesem Wort beschreibt Helmut Brosig die Entwicklung eines Landes in Fernost, das er zwischen 1958 und 1960 kennenlernen durfte. Die Rede ist von der Volksrepublik China. In den vergangenen Wochen hat der 87-Jährige, der heute in Neustrelitz wohnt, die Erfolge Chinas in der Raumfahrt mitverfolgt. Das hat den Rentner veranlasst, dem Nordkurier zu schreiben und von seinen Erlebnissen zu erzählen.

Lesen Sie auch: So war es einst im DDR-Ferienlager in Plöwen

Als junger Mann war er als Monteur beim Aufbau einer Industrieanlage in Zhengzhou in der Provinz Henan beteiligt. „Die DDR hat hier ein großes Schleifscheibenwerk aufgebaut“, berichtet Brosig, der im Außendienst für das Berliner Transformatorenwerk Oberschöneweide „Karl Liebknecht“ tätig war. Das Werk habe schwere Elektrotechnik ins Ausland exportiert. Brosig baute zum Beispiel Druckbehälteranlagen, die zum Schalten in Umspannwerken benötigt wurden. „Man kann fast sagen, dass unsere Anlage so was wie ein Exportschlager war“, erzählt der Neustrelitzer, dass die damalige DDR-Technik durchaus gefragt war.

Insgesamt 18 Jahre lang hatte der gebürtige Sachse im Ausland zu tun, unter anderem in Ägypten und vielen Warschauer-Vertrags-Staaten. China ist ihm dabei aber in besonderer Erinnerung geblieben, auch weil er dort im Gegensatz zu den anderen Auslandseinsätzen zusammen mit seiner Frau und über mehrere Jahre hinweg war. Sonst ging es zwischendurch immer auch auf Heimatbesuch.

In Wuhan endeten alle Wege am Jangtsekiang

In China dauerte damals jedoch allein die Anreise über den Gelben Fluss (Huang He) schon zwei Tage bis zum Einsatzort. Zhengzhou hatte Ende der 50er Jahre nur wenige Hunderttausend Einwohner, heute sind er mehrere Millionen. Von einer Skyline, so wie sie inzwischen chinesische Metropolen prägen, war seinerzeit ebenso wenig zu sehen – weder in Shanghai, Zhengzhou oder Wuhan. Letztere Stadt, die mittlerweile wegen der Corona-Pandemie weltweite Bekanntheit erlangt hat, konnte Brosig ebenfalls besuchen. Damals endeten in der Stadt alle Verbindungen am Jangtsekiang. „Es gab keine einzige Brücke über den Fluss, die erste war gerade im Bau, als wir dort waren“, berichtet Brosig.

Außerdem interessant: Als Anklam noch eine Hochburg des Wintersports war

Die Auftraggeber im Ausland mussten den DDR-Facharbeitern regelmäßig Heimflüge anbieten, oder sie organisierten Urlaubsaufenthalte als Ausgleich. Davon machten Helmut Brosig und seine Frau Gebrauch und konnten so Land und Leute sehen. Kennen gelernt haben sie ein Land im Aufbruch, in dem einerseits riesige Staumauern mit sowjetischer Unterstützung in den Huang He gesetzt wurden, anderseits aber auch Kanäle nur mit Muskelkraft Hunderter Arbeiter ausgehoben wurden. Die Bilder davon im Fotoalbum von Helmut Brosig erinnern unweigerlich an den Bau der Pyramiden. „Und das absolut vorherrschende Verkehrsmittel war damals noch die Rikscha“, zeigt er auf weiteren Bildern.

Noch lange Briefkontakt mit Mitarbeitern gehalten

Das junge Paar besuchte aber auch typisch touristische Ziele wie Pagoden und Tempelanlagen oder den Tian’anmen-Platz in Peking. Immer mit dabei: eine Dolmetscherin. „Das war auch gut so, sonst wären wir völlig hilflos gewesen.“ Ein paar Brocken Chinesisch habe er zwar lernen können, aber zurechtgekommen wäre er damit nicht, gesteht der 87-Jährige.

Außerdem interessant: Mit der Schwalbe auf Touren durch die DDR

Die Zusammenarbeit mit den chinesischen Fachkräften sei trotz der Sprachbarrieren sehr gut gewesen. „Sie waren fleißig, zuverlässig und vor allem wissbegierig“, erinnert sich Brosig. Über den Betrieb habe er nach seinem Aufenthalt in Fernost noch einige Jahre lang Briefkontakt mit den chinesischen Mitarbeitern halten können.

Seit damals nie wieder dort gewesen

Ihm war es vergönnt, exotisch Regionen der Erde kennenzulernen, und die Arbeit sicherte einen gewissen Wohlstand. Dafür blieb das Familienleben daheim auf der Strecke, sagt Brosig. Seine alte Arbeitsstätte, das Transformatorenwerk Oberschöneweide, gibt es heute so nicht mehr. „Das Werk wurde leider nach der Wende zum Spielball der Spekulanten, wie so viele andere auch“, sagt er. Mit der Einführung der D-Mark waren alle Auslandsaufträge weggebrochen. Am 1. Januar 1992 war für Helmut Brosig Schluss gewesen. Dabei hatte er wenige Woche zuvor noch in Polen begonnen, eine letzte Anlage aufzubauen. Sie wurde nicht mehr fertiggestellt. „Für mich gab es danach noch drei Jahre in privater Beschäftigung und dann zum Glück einen nahtlosen Übergang in den Ruhestand“, erzählt Brosig.

Eine politische Bewertung der Lage in China wolle er nicht vornehmen. „Vieles wird über China berichtet, Gutes und weniger Gutes“, sagt er. Mit einem Einblick in sein privates Fotoalbum und in seine Erlebnisse wollte der Neustrelitzer einfach mal zeigen, aus welcher Lage heraus der „steinige Marsch bis zur Weltraumnation“ gelang. In China war er seit damals übrigens nicht mehr gewesen. Die moderne Volksrepublik kennt er nur aus dem Fernsehen. „Damals und heute, das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht“, sagt er.

Heimweh - der Newsletter für Weggezogene

Der wöchentliche Überblick für alle, die den Nordosten im Herzen tragen. Im kostenfreien Newsletter erzählen wir jeden Montag die Geschichten von Weggezogenen, Hiergebliebenen und Zurückgekehrten und zeigen, wie die Region sich weiterentwickelt.

Jetzt schnell und kostenfrei anmelden!

zur Homepage