LIEFERSERVICE UND DRIVE-IN

▶ Strelitzer Unternehmer trotzen Corona mit Erfindergeist

Mit besonderem Service und viel Entschlossenheit halten Geschäftsleute die Versorgung aufrecht und ihre Unternehmen am Leben. Dabei entstehen sogar ganz neue Geschäftsmodelle.
Doreen Köpke, Dennis Malonek und Silvana Schröder (v. l. n. r.) halten den Laden am Laufen. „Besondere Zeiten
Doreen Köpke, Dennis Malonek und Silvana Schröder (v. l. n. r.) halten den Laden am Laufen. „Besondere Zeiten und so...“ steht auf dem Werbebanner für „Mc Wildhof“ in Neustrelitz. Robin Peters
Fischerin Sabine Reimer war am Mittwoch wie immer auf dem Neustrelitzer Wochenmarkt anzutreffen. Wenn das nicht mehr geht, wil
Fischerin Sabine Reimer war am Mittwoch wie immer auf dem Neustrelitzer Wochenmarkt anzutreffen. Wenn das nicht mehr geht, will sie einen Lieferservice anbieten. Susanne Böhm
Neustrelitz.

Entschlossen und erfinderisch versuchen die vielen kleinen Unternehmen im Strelitzer Land, auch in der Corona-Krise die Versorgung mit Lebensmitteln aufrechtzuerhalten und ihre eigenen Unternehmen zu retten. Klein aber fein hatte der Wochenmarkt vor dem Neustrelitzer Rathaus auch am Mittwoch wieder geöffnet.

„Wir beißen uns durch. Solange es nicht verboten wird, fahre ich alle gewohnten Standorte an“, sagte Fischerin Sabine Reimer. Die Warteschlange vor ihrem Wagen war wegen der Sicherheitsabstände noch länger als sonst. Mit Handschuhen und Desinfektionsmittel bewaffnet reichte sie geräucherte Forellen, Matjes und Fischbrötchen über die Theke. Mitgebrachte Mehrwegbehälter befüllt sie aus hygienischen Gründen erst, nachdem sie die Fische sauber verpackt hat. „In Krisenzeiten muss der Umweltschutz mal hintenanstehen.“

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Nebenan bot der polnische Gemüsehändler Gewürzgurken und Sellerie an – vorerst zum letzten Mal. „Die Grenzen sind zu, ich komme nicht mehr nach Deutschland“, sagte er. Auch für ihn ist die Situation existenzbedrohend. Sollten Wochenmärkte komplett verboten werden, ist auch Sabine Reimer aufgeschmissen. Für diesen Fall hat sich die Rödlinerin etwas einfallen lassen. „Dann werde ich ein Lieferservice. Dann liefere ich auf Bestellung.“

Gemüse und Pflanzen jetzt auf telefonische Bestellung

Auch die Mitarbeiter der Gärtnerei Hagedorn in Wesenberg scheuen keine Mühen, um den Betrieb am Laufen zu halten. Zwar musste die Gärtnerei am Dienstag schließen, doch verkauft wird trotzdem. „Die Kunden rufen uns während der Öffnungszeiten an und sagen, was sie haben möchten. Wir packen das zusammen, stellen es bereit, die Kunden kommen, zahlen mit EC-Karte und sind dann schnell wieder weg“, erklärte Antje Karberg. Blumen und Gemüse wurden außerdem so hingestellt, dass sie vom Tor aus zu sehen sind. „Wer nicht telefonisch bestellen möchte, kann ans Tor kommen und zeigen, was er möchte. Das funktioniert auch. Es ist zwar alles ziemlich umständlich, aber es hilft ja nichts. Besser so verkaufen als gar nicht verkaufen.“

 

Einen Lieferservice hat die Schlossgärtnerei des Rehazentrums in Neustrelitz ins Leben gerufen. Unter der Telefonnummer 03981 246823 können Gemüsejungpflanzen, Frühblüher, Gehölze und mehr bestellt werden. Wer nicht genau weiß, was er möchte, kann sich auch telefonisch beraten lassen. „Wir sammeln die Bestellungen und liefern sie an die Haustüren. Wenn keiner zu Hause ist, stellen wir die Ware vor die Tür“, erklärt Werkstättenleiter Helge Oehlschläger das Prozedere. Um Kontakte so weit wie möglich zu vermeiden, werden die Pflanzen ausschließlich auf Rechnung bezahlt. „Wir müssen was machen. Wir haben frische Ware und wollen wenigstens ein bisschen davon retten. Ich bin gespannt, wie das anläuft. Wir müssen irgendwie weitermachen.“

Spuckschutz-Scheibe am Drive-in-Fenster

Einen besonderen Clou hat sich Dennis Malonek einfallen lassen. Er betreibt den Wildhof in Neustrelitz und hat seine Gaststätte auf unbestimmte Zeit in einen Drive-in-Imbiss verwandelt. Bei „Mc Wildhof“ müssen Hungrige nur wenige Schritte aus ihrem Auto treten und können am Verkaufsfenster um die Ecke Leckereien zum Mitnehmen bestellen. Von Tag zu Tag kommen laut Malonek mehr Besucher. Der neue Hirschburger mauserte such innerhalb kürzester Zeit zum Verkaufsschlager. Die Schnell-Imbiss-Idee kam dem Koch, Jäger und Geschäftsmann eigentlich schon vor Jahren – damals witzelte er nur darüber. Doch die Krise drängte ihn jetzt zum Handeln: „Ich musste überlegen, was ich machen kann und überhaupt darf.“ Dennis Malonek wollte den Betrieb unbedingt am Laufen halten, um wenigstens seine Mitarbeiter bezahlen zu können. Schließlich müssten sie ihre Familien versorgen. „Alles fließt in die Gehälter.“ Dennoch bewertet er sein Handeln nicht als Aufopferung. „Ich sehe mich überhaupt nicht als Held, da schon eher mein Personal, welches unermüdlich mit mir zusammen versucht, den Wildhof zu retten.“

Seine Mitarbeiter mussten sich an die Umstellung jedoch erst einmal gewöhnen. Immerhin trennt sie nun eine Spuckschutz-Scheibe überm Ausgabe-Fenster von den Kunden. Ständiges Hände-Desinfizieren und andere zusätzliche Hygienemaßnahmen nehmen viel Raum ein. Ihre Arbeitszeit wurde zum Teil heruntergefahren. „Die Zeit vergeht langsamer“, so die Wahrnehmung der Restaurantfachfrau Doreen Köpke.

Wildhof versorgt mitunter ganze Familien

Zur Mittagszeit gerät das Service-Team laut ihrer Kollegin Silvana Schröder allerdings doch ganz schön ins Schwitzen. „Wir versuchen das Haus ehrwürdig zu vertreten“, sagt die 33-Jährige. Außerdem fühlt sich die Restaurantfachfrau dazu verpflichtet, den Menschen mit zubereitetem Essen auszuhelfen. „Gerade in unserem Landkreis ist die Versorgung sehr dünn.“ Der Wildhof versorge mit Gerichten wie Wildschweingulasch und Wildleber mitunter ganze Familien. Selbst das Brötchen des Burgers backt das Team selbst. Das stellte Inhaber Dennis Malonek aber schon vor eine selten dagewesene Herausforderung. Denn in ganz Neustrelitz konnte er zuletzt keine Hefe auftreiben.

Internetplattform präsentiert mehr als 50 regionale Geschäfte

Andere Geschäftsleute setzen auf das Internet. Der Geschenkartikelladen Pura Vida in der Strelitzer Straße in Neustrelitz veröffentlicht ausgewählte Produkte auf der Internet-Plattform Facebook und bietet an, die Dekoartikel zu versenden oder zu liefern. Auch das Netzwerk Seenplatte hat das Thema auf dem Schirm und macht auf der Plattform www.seenswert-mv.de mehr als 50 regionale Geschäfte mit besonderem Liefer-Service und regionalen Online-Shops sichtbar.

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Mit dabei sind unter anderem die Kaffeerösterei Bohn Aparte aus Neustrelitz, der Hofladen von Gut Bergfeld bei Carpin, der Landladen von Doreen Kuhnert aus Burg Stargard und das Käsekaufhaus von der Käsemanufaktur Müritz in Bollewick. „Wir sind die Plattform für alle regionalen Geschäfte aus MV und Umkreis, mit Liefer- und Abholservice und regionalen Online-Shops“, heißt es auf der Internetseite. „Das Coronavirus ist allgegenwärtig. Lasst uns gemeinsam unsere regionale Wirtschaft, die Einzelhändler und vieles mehr stärken.“

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