Seit über einem Monat bieten Angelika und Bernd Möckl der aus der Ukraine geflüchteten Ludmilla Losova und ihrer Familie ein Dach über dem Kopf und helfen bei Behördengängen.
Seit über einem Monat bieten Angelika und Bernd Möckl der aus der Ukraine geflüchteten Ludmilla Losova und ihrer Familie ein Dach über dem Kopf und helfen bei Behördengängen. H. Sommer
Viel Trubel

Useriner Paar nimmt Frau aus der Ukraine und ihre drei Kinder auf

Seit sechs Wochen beherbergen die Möckls eine ukrainische Familie. Ihr Alltag hat sich seitdem komplett verändert. Der Ruhestand ist Trubel und Aufregung gewichen. Das Ehepaar gibt zu, an seine Grenzen geraten zu sein.
Userin

Diese vier Menschen haben den Alltag von Angelika und Bernd Möckl völlig verändert. Seit Ludmilla Losova und ihre drei Kinder – Katarina, Glafira und Matweyi – Ende März in dem beschaulichen Haus der Möckls in Userin unterkamen, ist alles anders. Kinderschuhe stehen in der Diele, auf dem Esstisch herrscht ein buntes Durcheinander von Aktenordnern und Bastelsachen. Essensduft wabert durchs Haus. Getrappel, Gespräche – und unendliche Telefonate prägen den Sound der vergangenen Wochen. Die Möckls erleben das ganze Gegenteil von dem, was sonst ihren Ruhestand ausgemacht hat. „Ich finde es toll“, sagt Bernd Möckl.

Keine Sekunde bereut trotz Trubel

Weder er noch seine Frau Angelika haben es bisher eine Sekunde bereut, die ukrainische Familie aufgenommen zu haben. Als die Nachrichten vom Kriegsausbruch und den ersten Flüchtlingen über die Bildschirme liefen, konnten die beiden nicht anders, als die Hotline der Ukraine-Hilfe anzurufen. „Die haben sich bedankt. Dann haben wir eine Weile nichts mehr gehört“, sagt Angelika Möckl. Bis Ende März. Die beiden wollten nach der langen Corona-Zeit mal wieder ausgehen – zur Lesenacht in Neustrelitz. Da erreichte sie ein Anruf. Eine Mutter mit drei Kindern brauche eine Bleibe, um 23 Uhr würden sie da sein, hieß es. Als Ludmilla schließlich um 1.30 Uhr an der Haustür klingelte, blieb keine Zeit mehr, sich Gedanken zu machen, wer da nun Haus und Tisch mit ihnen teilen wird.

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Möckls hatten die Ferienwohnung im Dachgeschoss hergerichtet. „Die ist schon seit mehreren Jahren nicht mehr in Betrieb“, sagt Bernd Möckl. Darum gibt es dort auch keine Küchenzeile. Es dauerte nicht lange, da ist Möckls Küche fest in Ludmillas Hand. „Sie kocht dreimal am Tag für die Kinder und am liebsten auch für uns“, sagt Bernd Möckl. Ludmilla kann die Hände nicht in den Schoß legen. Einen Gang runter zu schalten, fällt ihr schwer. „Klar kommt es da schon mal zu Reibereien. Aber da hilft nur Reden, um die Missverständnisse auszuräumen“, sagt Angelika Möckl.

Gastgeber wollen Gäste näher kennenlernen

Anfangs hingen Ludmilla und die Kinder Stunde um Stunde an den Handys, um Neuigkeiten aus der Heimat zu erfahren. „Sogar beim Essen. Das war für uns so befremdlich“, sagt Bernd Möckl, der wie seine Frau ein guter Gastgeber sein will. Die beiden sind leidenschaftliche Globetrotter und waren vor Corona mit ihrem Wohnmobil in ganz Europa unterwegs. „Wir haben so viel Gastfreundschaft – gerade auch in den osteuropäischen Ländern erfahren – da wollten wir ein wenig zurückgeben.“ Fremde Sprachen waren für sie nie ein Hindernis. Auch bei Ludmilla und ihren Kindern sollte es so sein. „Also führten wir die Regel ein, dass Handys am Essenstisch nichts zu suchen haben“, sagt Angelika Möckl. In einem Mischmasch aus Englisch, kleinen Brocken Schul-Russisch und Deutsch versucht man einander kennenzulernen. So erfuhren die Möckls, über welche Fluchtroute Ludmilla und ihre Kinder Deutschland erreicht hatten. Dass sie ihre Mutter zurücklassen musste, weil diese Haus und Garten in Sumi, 120 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, nicht verlassen wollte. Jeden Tag ruft Ludmilla ihre Mutter an. So ist sie im Bilde, wie es in ihrem Heimatort aussieht. Über die eigenen Kriegserlebnisse in der Ostukraine spricht sie nicht. Ludmilla möchte unbedingt Deutsch lernen. Darum gibt es nun eine weitere Regel im Haus Möckl: Am Essenstisch wird Deutsch geredet.

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Angelika Möckl ist zur Dauertelefonistin geworden. Während Bernd sich um die häuslichen Dinge und die Fahrdienste kümmert, hält sie Kontakt zu den Behörden, lotst ihre Schützlinge durch den Bürokratie-Dschungel. „Da bin ich mehr als einmal an meine Grenzen gekommen“, sagt sie. Ein Konto musste eröffnet, der Meldestatus geregelt werden. „Wir haben alle Schulen abgeklappert, um Plätze zu bekommen“, sagt sie. Mit Erfolg. Der achtjährige Matweyi lernt in der Europaschule Kiefernheide. Seine Schwester Glafira besucht die fünfte Klasse an der Nehru-Schule. Für Katarina haben sie einen Platz an der Volkshochschule bekommen, damit die 18-jährige Studentin Deutsch lernen kann. Ihr Studium setzt sie online fort. Auch eine Wohnung und Arbeit in einer Gärtnerei für Ludmilla haben die Möckls klargemacht. „Das war die größte Hürde und mit viel Rennerei verbunden“, sagt Angelika Möckl. Viel Unterstützung gab es von der Ukraine-Hilfe vor Ort. Mitte Mai werden Ludmilla und ihre Kinder das neue Domizil beziehen. „Das wird komisch sein. Kein Weckerklingeln mehr um sechs, Frühstück um sieben, die Fahrt zu Schule, Einkäufe, Spiele“, sagt Bernd Möckl. Das alles werden sie vermissen.

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