Opfer aus Neustrelitz
Verteidiger geht nach Bluttat am Jungfernstieg von Totschlag aus

Im Prozess um den Mord an einer Mutter und ihrer kleinen Tochter am Hamburger S-Bahnhof Jungfernstieg hat der Verteidiger eine Verurteilung wegen Totschlags gefordert.
Im Prozess um den Mord an einer Mutter und ihrer kleinen Tochter am Hamburger S-Bahnhof Jungfernstieg hat der Verteidiger eine Verurteilung wegen Totschlags gefordert.
Daniel Bockwoldt

Zahlreiche Passanten mussten den Mord an Mutter und Tochter am Jungfernstieg mitverfolgen. Jetzt sagt der Angeklagte vor Gericht: „Ich habe meine Tat bereut und bitte um Vergebung.”

Im Prozess um den Mord an einer Mutter und ihrer kleinen Tochter am Hamburger S-Bahnhof Jungfernstieg hat der Verteidiger eine Verurteilung wegen Totschlags gefordert. Sein Mandant sei nur eingeschränkt schuldfähig und habe sich spontan zu der Tat entschieden, sagte sein Anwalt Tim Burkert am Dienstag vor dem Hamburger Landgericht. Der Angeklagte habe aus Trauer um den Verlust der Tochter und aus Wut gehandelt. „Es gibt ein ganzes Bündel an Emotionen, die zur Tat geführt haben”, sagte Burkert. Er sprach sich für eine zeitlich begrenzte Haftstrafe aus.

Die Staatsanwaltschaft hatte ebenso wie die Nebenkläger eine lebenslange Freiheitsstrafe für den Angeklagten gefordert. Es sei zudem die besondere Schwere der Schuld festzustellen. Der 35-Jährige habe den Doppelmord aus niedrigen Beweggründen und heimtückisch begangen, um die Mutter seines Kindes zu bestrafen.

Sorgerechtsstreit mit Neustrelitzerin

Der Angeklagte aus dem westafrikanischen Niger hatte vor Gericht gestanden, seine Ex-Partnerin – eine fünffache Mutter – und die gemeinsame kleine Tochter am 12. April 2018 vor den Augen zahlreicher Passanten mit einem Messer getötet zu haben. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass der Hintergrund der Bluttat ein Sorgerechtsstreit mit der ursprünglich aus Neustrelitz (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte) stammenden Frau war.

Um die Tat zu verstehen, müsse man sich auch mit der Vorgeschichte und der Persönlichkeit des Täters auseinandersetzen, sagte Burkert. Das sei jedoch schwierig, da der Mann seine Jugend in Niger und Libyen verbracht hat und es darüber keine gesicherten Erkenntnisse gibt. „Außerdem befindet er sich in einem Zustand, in dem die Kommunikation mit ihm nur eingeschränkt möglich ist”, sagte der Verteidiger.

Angeklagter will in Heimat Niger zurück

Tatsache sei, dass der 35-Jährige um das gemeinsame Sorgerecht für seine Tochter Mariam gekämpft habe. Als er am 11. April 2018 – einen Tag vor der Tat – vom Familiengericht erfahren habe, dass er keine Chance auf das gemeinsame Sorgerecht hatte, sei er sehr wütend geworden. Die Mutter hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einen neuen Partner, den sie als „sozialen Vater” bezeichnete. „Wahrscheinlich ist bei ihm nur angekommen: „Moses ist der Vater”», glaubt Burkert. Der Verteidiger geht auch davon aus, dass der Angeklagte am Tattag das Messer eingesteckt hatte, um den neuen Partner seiner Ex-Freundin zu töten, und nicht die Mutter und ihre Tochter.

Als er die kleine Familie am Tattag zum ersten Mal am S-Bahnhof sah, sei es zum Streit mit seiner Ex-Partnerin gekommen. Als sie ihm sagte, dass er seine Tochter nicht wiedersehen werde und sie jetzt die Polizei rufe, hätten sich „alle feindlichen Gefühle” auf die beiden gerichtet. Er sei kein Psychologe, aber er glaube, dass bei seinem Mandanten eine paranoide Persönlichkeitsstörung vorliege. Er bedaure es daher sehr, dass kein weiteres Gutachten erstellt wurde.

Wie verwirrt der Angeklagte ist, wurde bei seinen letzten Worten deutlich. Immer wieder betonte er, dass er kein zweites Urteil wolle – seiner Meinung nach hat ihn bereits die Polizei verurteilt – und dass er in seine Heimat Niger zurück wolle. Erst nachdem der Richter ihm mehrmals über den Dolmetscher erklärte, ob er sich zur Tat äußern möchte, antwortete er: „Ich habe meine Tat bereut und ich bitte um Vergebung. Das ist eine Sünde.”