INTERVIEW ZUM CSD

„Viele Anfeindungen kriegt ihr Heteros gar nicht mit”

Am Samstag zog der CSD durch Neustrelitz. Christian von Queer-Strelitz erklärte dem Nordkurier, warum die Demo auch in Coronazeiten so wichtig ist.
Christian Krüger von Queer-Strelitz. In Berlin arbeitet er als Berater für politische Kommunikation – aber zu
Christian Krüger von Queer-Strelitz. In Berlin arbeitet er als Berater für politische Kommunikation – aber zu ganz anderen Themen. Simone Schamann
Neustrelitz.

Christian Krüger, Vorstandsmitglied vom Verein Queer-Strelitz, lebt seit Jahren in Berlin, kommt aber ursprünglich aus Userin und ist bis heute mit der Region verbunden. In der CSD-Woche vor der Demonstration leitete er in Neustrelitz verschiedene Veranstaltungen im Kulturquartier, in der Kof und im Ausbildungszentrum der Bundespolizei, um mit jungen Leuten zum Thema Akzeptanz gegenüber homo-, bi- und transsexuellen Menschen ins Gespräch zu kommen.

Ein Schäferhund tapst über den Rasen

Da hat sich der Nordkurier gern rangehängt – und Christian im Garten seines Elternhauses, wo ein junger Schäferhund über den Rasen tapst und sich Kois und Goldfische im Teich sonnen, ein paar Fragen zum CSD und dem immer wieder heiß diskutierten Genderthema gestellt. Wenn er schon mal da ist...

Nicht jeder sieht die Dinge superlocker

Übrigens: Das Interview hat besonders viel Spaß gemacht, weil wir Christian auch mit Fragen behelligen durften, um die sonst gern herum geeiert wird, die – meist anonym in Kommentarspalten – aber trotzdem noch Einige beschäftigen. Es ist nun mal nicht jeder von Haus aus superlocker und gleich für alles offen. Aber das kann ja noch werden.

Christian, in Neustrelitz wurden anlässlich des CSD mehr als 30 Regenbogen-Fahnen gehisst. Dutzende Geschäfte, Vereine und die evangelische Kirchengemeinde machen mit und zeigen auf diese Weise Solidarität. Trotzdem gab es auch wieder Leute, die sich über den Umzug aufgeregt haben: Gesperrte Straßen und Halligalli am heiligen Wochenende – muss das denn sein? Und dann auch noch in Coronazeiten! Welche Botschaft hast du für sie?

Meine Botschaft an die Skeptiker ist: Ja, das muss sein. Die Queer-Community hat zwar schon viel erreicht in den vergangenen Jahrzehnten – wir wollen und müssen aber weiter hör- und sichtbar bleiben, um die Akzeptanz und den Respekt gegenüber schwulen, lesbischen und anderen queeren (= anders liebenden/lebenden, Anmerkung d. Red.) Menschen nachhaltig in der Gesellschaft zu verankern. Wie könnte man das besser tun, als mit einer bunten, lebensfrohen Demonstration? Und zu Corona: Da sind wir uns unserer Verantwortung natürlich bewusst und halten alle Auflagen ein – was in der Vorbereitung ein großer Mehraufwand war.

Eine typische Frage, die im Zusammenhang mit dem CSD auch oft fällt, ist: Wofür wird denn da überhaupt noch demonstriert? Es gibt doch eigentlich gar keine Ungleichheit und Diskriminierung mehr. Homosexuelle dürfen heiraten, Kinder adoptieren, es gibt schwule und lesbische Lehrer, Erzieher, Bauarbeiter – Ausgrenzung ist in unserer Gesellschaft doch längst tabu.

„Tja – und das stimmt eben nicht. Trotz aller großen Fortschritte, die wir ohne Frage verbuchen können, gibt es eben doch noch überall – auch in Großstädten wie Berlin – Diskriminierungen und Anfeindungen. Sie sind nur nicht mehr so offensichtlich wie früher. Als Homo-Paar oder Trans-Mensch macht man immer wieder mal negative Erfahrungen – das kriegt ihr Heteros nur nicht mit! Es passiert, dass du auf offener Straße angepöbelt und beleidigt wirst. Es gibt abschätzige Blicke, Gesten, Kommentare – mal eben schnell im Vorbeigehen. Und manchmal auch Schlimmeres: Anspucken, Gewaltandrohungen. Und so lange das so ist, müssen wir für Respekt und Toleranz kämpfen. Auch wenn schon viel erreicht ist.

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Stichwort Trans-Menschen. Da sagen ja zum Beispiel besonders ältere Menschen oft: Puh, müssen wir uns daran jetzt wirklich auch noch gewöhnen? Warum sind Menschen, die ihr Geschlecht gewechselt haben, so wahnsinnig präsent plötzlich? Das betrifft doch nur ganz wenige. Muss man da so ein Tamtam machen?

Also, erstens weiß ich nicht, ob es wirklich SO wenige betrifft. Ich habe jetzt keine Zahl parat, aber Transsexualität ist keine Rarität. Viel wichtiger scheint mir aber: Man müsste doch auch für Trans-Rechte kämpfen, wenn es auf der ganzen Welt nur einen einzigen transexuellen oder transgeschlechtlichen Menschen gäbe! Es geht schließlich um Freiheit, um Respekt, um gleiche Rechte. Darum, vom Rest der Gesellschaft gesehen, akzeptiert und in Ruhe gelassen zu werden. Das hat jeder Mensch verdient.

Ihr habt in den letzten Tagen auch Info-Veranstaltungen im Ausbildungszentrum der Bundespolizei abgehalten. Warum sprecht ihr mit angehenden Polizisten? Und wie haben die auf euer Angebot reagiert?

Die Polizeimeisteranwärterinnen und -anwärter und auch die Organisatoren bei der Bundespolizei haben unheimlich offen und interessiert auf uns reagiert. Es geht in diesen Gesprächsrunden darum, das Vertrauensverhältnis zwischen Polizei und queeren Menschen zu stärken. Ganz wichtig: Der Punkt war und ist nicht, die Polizei zu mehr Toleranz zu bewegen – das ist überhaupt nicht nötig. Wir haben die jungen Polizeischüler aber zum Beispiel dafür sensibilisiert, dass viele queere Menschen der Polizei misstrauen und Angst haben, sich, zum Beispiel nach einem Angriff, ans nächste Polizeirevier zu wenden.

Und warum ist das so?

Unter anderem, weil es bis 1994 den Paragrafen 175 im deutschen Strafgesetzbuch gab, der Homosexualität unter Strafe stellte. Die Befürchtung, dass dieser Geist bist heute in den Reihen der Polizei spürbar ist, ist bei einigen in der queeren Community durchaus da. Für den Polizeinachwuchs ist so etwas natürlich wichtig zu wissen – um die Menschen, auf die sie im Dienst treffen, besser verstehen zu können.

Letzter Punkt, auch immer wieder heiß diskutiert: Gendersprache! Findest du Sternchen-Sprechpause und Binnen-I sinnvoll? Viele finden das ja total lächerlich, einige sogar ärgerlich.

Ich finde die Gendersprache auch manchmal etwas anstrengend, aber man kann sie mittlerweile doch ganz gut integrieren. Es ist ein wichtiger Aspekt, auch über die Sprache nachzudenken und dafür Sensibilität zu schaffen, dass es nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Menschen dazwischen gibt, die in der Sprache Berücksichtigung finden sollten.

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In einigen Talkshows und Nachrichtensendungen wird ja schon gegendert. Meinst du, das wird sich im Alltag auch etablieren?

Ich denke, dass wir da gerade in einer Experimentierphase sind. Sprache ist ja im ständigen Wandel und in der Entwicklung. Dass wir 'Bürgerinnen und Bürger' oder auch 'Bürger*innen' sagen, ist meiner Meinung nach nur ein vorübergehender Zustand. Wir werden da andere Wege für eine nicht diskriminierende Sprache finden. Unsere Enkelkinder werden später drüber lachen, was wir heute machen und was vor Generationen war. Die werden hoffentlich um Einiges weiter sein – und mit diesem Thema keine Probleme mehr haben.

Okay, die allerletzte Frage noch mal mit Kommentarspalten-Holzhammer: Schwul, lesbisch, bi, trans, Genderdings und 31 Geschlechter – muss man das heutzutage alles noch normal finden?

Nein, man muss man nicht. Aber man kann zumindest mal drüber nachdenken und andere Menschen in Frieden leben lassen, wie sie sind.

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Kommentare (2)

Ich wusste Sie haben sich mit dem Thema auseinandergesetzt!
Danke nochmal für Ihren Kommentar!
Einen wunderschönen Sonntag!

durchblickt alles, nur nicht unsere Verfassung.