ERSTER WELTKRIEG

Weihnachten auf den Schlachtfeldern

In der Feldberger Seenlandschaft ist eine Postkartensammlung und besonderer Briefwechsel erhalten geblieben, die aus der Zeit von vor 100 Jahren stammt. Briefe aus dem Ersten Weltkrieg.
Darstellung des Ersten Weltkriegs auf einer Postkarte aus dieser Zeit.
Darstellung des Ersten Weltkriegs auf einer Postkarte aus dieser Zeit. Repro: Nordkurier/Archiv Henning Ihlenfeldt
Hans-Joachim Prillwitz aus Neustrelitz kennt sich mit der Sütterlin-Schrift bestens aus. Er hat freundlicherweise die Tex
Hans-Joachim Prillwitz aus Neustrelitz kennt sich mit der Sütterlin-Schrift bestens aus. Er hat freundlicherweise die Texte auf den alten Postkarten übersetzt. Marlies Steffen
Diese Postkarte trägt ein Pariser Motiv.
Diese Postkarte trägt ein Pariser Motiv. Repro: Nordkurier/Archiv Henning Ihlenfeldt
Der Briefwechsel, der Henning Ihlenfeldt vor kurzem übergeben wurde, umfasst mehr als 70 Postkarten, darunter auch viele
Der Briefwechsel, der Henning Ihlenfeldt vor kurzem übergeben wurde, umfasst mehr als 70 Postkarten, darunter auch viele Feldpostkarten, die den Krieg romantisieren. Der Text klingt, wie einer Kitschpostille entnommen. Aber der Glaube an die Lieben daheim war für die Soldaten im täglichen Überlebenskampf eine wichtige Motivation. Nordkuier/ Archiv Henning Ihlenfeldt
Diese Postkarte wurde von einer Bekannten von Erna Karwe geschrieben.
Diese Postkarte wurde von einer Bekannten von Erna Karwe geschrieben. Repro: Nordkurier/Archiv Henning Ihlenfeldt
Jürgen Becker, Carsten Becker aus Feldberg und Henning Ihlenfeldt aus Fürstenwerder (von links) verbindet die Geschi
Jürgen Becker, Carsten Becker aus Feldberg und Henning Ihlenfeldt aus Fürstenwerder (von links) verbindet die Geschichte einer Postkartensammlung. Marlies Steffen
Diese alte Postkarte zeigt die Pionier-Kompanie 340, in der Robert Hecht während des Ersten Weltkriegs diente.
Diese alte Postkarte zeigt die Pionier-Kompanie 340, in der Robert Hecht während des Ersten Weltkriegs diente. Repro: Nordkurier/Archiv henning Ihlenfeldt
Feldberg.

Es ist ein Puzzle mit weißen Flecken – ein paar Fragezeichen bleiben: Mehr als 70 Postkarten, die vom Briefwechsel der Erna Karwe aus Conow mit Menschen, die ihr nahestanden, berichten, haben sich viele Jahre im Besitz einer Feldberger Familie befunden. Das Besondere daran: Die Postkarten sind mehr als 100 Jahre alt und umfassen den Zeitraum von 1913 bis 1920 – die Zeit des Ersten Weltkriegs (28. Juli 1914 bis 11. November 1918) inbegriffen. Die Sammlung hat sich lange im Haus von Carsten Becker befunden. Der bekam sie einst von seinem Großvater geschenkt.

Es war nicht so enfach, das Geschriebene zu entziffern

Irgendwann erfuhr Henning Ihlenfeldt aus Fürstenwerder davon. Ihlenfeldt kommt an keiner Postkarte vorbei. Er sammelt diese Zeugnisse vergangener Zeiten mit Begeisterung. Bereits vor ein paar Jahren bekam Ihlenfeldt die Postkarten aus dem Hause Becker übergeben. Er sortierte und schmiss, was nicht mehr zu gebrauchen war, weg. Doch was sich auf der Rückseite der Postkarten nachzulesen ist, war bislang ein Geheimnis. Worüber haben sich die Menschen damals ausgetauscht? Welche Rolle haben Schilderungen von den Kriegsschauplätzen gespielt.

Bevor allerdings genau das geklärt werden konnte, galt es, das Geschriebene zu entziffern. Das war gar nicht so einfach, denn die Postkarten waren in „Sütterlin“, einer altdeutschen Schrift, geschrieben. So reisten die Dokumente noch einmal von Fürstenwerder über Feldberg nach Neustrelitz, wo sich dankenswerterweise Hans-Joachim Prillwitz der Angelegenheit annahm und die Texte „übersetzte“.

Die Sammlung erzählt vor allem von Erna Karwe und Robert Hecht, der aus einer Stellmacherfamilie in Conow stammte. Beide sind sich offenbar sehr zugetan, aber sie sind meistens auch weit entfernt voneinander. Denn Robert Hecht ist Soldat im Ersten Weltkrieg. Stationen seiner Aufenthalte sind unter anderem Schwerin, Harburg, Gent, Conseceurs in Frankreich, Hamburg und ein Ort, der mit Lobstedter Lager benannt ist.

Manchmal tragen die Postkarten auch nur die Ortsangabe „im Felde“. Robert Hecht riskiert offenbar von Anfang an auf den Schauplätzen des Ersten Weltkriegs fürs Vaterland sein Leben. Am 3. Dezember 1914 ist er sogar noch sehr optimistisch. Er hat die Hoffnung, „der Friede wird bald kommen“, schreibt er an Erna Karwe, die zu diesem Zeitpunkt in Conow bei einem Herrn Winkelmann angestellt ist. Zwei Jahre später ist die Hoffnung eher der Verzweiflung gewichen: „Wann wird es wohl ein Ende haben mit dem Krieg?“, fragt er auf einer Postkarte, die auf den 8. Juli 1916 datiert ist. Und am 1. Oktober 1916 fragt er noch einmal „Wann bloß der Krieg bald ein Ende hat?“

Auch Päckchen gingen an die Front

Wenige Wochen später wechselt Robert Hecht offenbar den Einsatzbereich. War er bis dahin in einem Pionier-Regiment im Einsatz, wird er im November 1916 Minenwerfer. „Es scheint nach Galizien zu gehen“, schreibt er seiner Erna. Am 6. Dezember ahnt er weiteres Ungemach. Weihnachten muss er wohl im Felde verbringen, dabei wäre er so gern nach Hause gekommen. Und die Stimmung scheint zu diesem Zeitpunkt alles andere als gut zu sein.

„Bei uns ist immer dicke Luft“, schreibt Robert am 12. Dezember an seine Erna. Den Jahreswechsel zu 1917 verbrachte der junge Mann der Postkarte zufolge in Gent in Belgien. Den Mai 1917 muss er im Lazarett verbracht haben. Auf den Postkarten ist auch häufig von Briefen, die noch folgen, die Rede. Diese sind aber leider nicht Bestandteil der Sammlung.

Robert überlebte den Krieg. Nach dessen Ende scheinen Erna und Robert allerdings immer noch nicht zueinandergefunden zu haben. Robert hatte im Februar 1919 eine Adresse als Stellmacher in Groß Kölpin in der Uckermark. Erna wiederum war mittlerweile in Berlin in der Uhlandstraße angestellt. Im Juni kündigt Robert seinen Besuch in Berlin an, scheint aber dabei auch unentschlossen zu sein, „wenn aber schlechtes Wetter ist, komme ich nicht,“ teilte er Erna mit.

In den meistens kurzen Texten auf den Postkarten geht es weniger um Militärisches, das mit Sicherheit auch nicht mitgeteilt werden durfte. Es werden dafür viele Dankesworte und die im Krieg immer wichtige Mitteilung, dass es einem gerade gutgehe, ausgesprochen. Es geht um Karten, Päckchen, Grüße aus der Heimat von den Lieben, die man so gern bei sich hätte und die doch soweit entfernt sind.

Einmal bedankt sich Robert sogar für ein Päckchen mit einem Aal darin. Ein anderes Mal beklagt er sich darüber, dass das Päckchen offenbar nicht mehr vollständig bei ihm angekommen ist. „... das Licht war auch nicht drin, ein halbes Stück Brot und Fleisch waren drin“.

Erhalten geblieben sind nicht nur Postkarten, die zwischen Erna und Robert hin- und hergingen. Erna bekommt auch Post von einem Karl Hardrath, der ihr ebenfalls zugetan erscheint. Auch Karten an die Eltern von Robert umfasst die Sammlung. Zudem gibt es Schriftwechsel mit Freundinnen und Verwandten von Erna.

Die Motive auf den Postkarten wirken aus heutiger Sicht teils beklemmend. Der unmenschliche Krieg, in dem 17 Millionen Menschen starben und in dem Gas als chemische Waffe eingesetzt wurde, wird heroisiert. Aus heutiger Sicht ist es unvorstellbar, dass die abgebildeten Motive für die Beteiligten glaubhaft waren.

Postkartenmotive sind Schlösseln Brücken und Kriegsschäden

Postkarten tragen aber auch gemalte Motive etwa von Schlössern, einmal ist die Pionier-Kompanie 340, zu der Robert Hecht gehörte, auch im Foto abgebildet. Es gibt auch ein Motiv mit einer Brücke, die die Pionier-Kompanie von Robert Hecht baute, wie er auf einer Postkarte mitteilt. Andere Motive zeigen die Verwüstungen des Krieges wie eingestürzte Häuser und Brücken. Geschrieben wurde unter anderem aus Ballin, Friedland, Neu-Ulm, Schwerin, Neustrelitz, Kriegslazarett Feldpoststation 404, Feldberg, Harburg, Lübeck, Küssow, Schlicht, Gent, Conseceurs, Hamburg, Lobstedter Lager, Clausdorf bei Berlin, Kölpin und Berlin.

Jürgen Becker sagt, dass ihm zumindest die Familiennamen Hecht und Hardrath noch ein Begriff sind. Eine Familie Hardrath habe noch viele Jahre in der Feldberger Seenlandschaft gelebt, weiß auch sein Sohn Carsten.

Die Recherchen zu den alten Postkarten sollen der Öffentlichkeit nicht verborgen bleiben. Der Feldberger Heimatforscher Frank Schütze arbeitet in seiner Vortragsreihe über Feldberg derzeit an einer Folge über Feldberg und die Kriege, wie er dem Nordkurier sagte. Darin soll es auch um die Texte auf den Postkarten gehen.

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