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Wenn Retter plötzlich sich selbst retten müssen

Vor wenigen Tagen stand sie einem Mann mit gezücktem Messer gegenüber, heute geht sie schon wieder routiniert ihrer Arbeit nach: Rettungsassistentin Wiebke Poltier von der Rettungswache Feldberg lässt sich von agressiven Patienten die Freude an ihrem Beruf nicht vermiesen.
Vor wenigen Tagen stand sie einem Mann mit gezücktem Messer gegenüber, heute geht sie schon wieder routiniert ihrer Arbeit nach: Rettungsassistentin Wiebke Poltier von der Rettungswache Feldberg lässt sich von agressiven Patienten die Freude an ihrem Beruf nicht vermiesen.
Susanne Böhm

Sie werden beschimpft und bedroht, dabei wollen sie doch nur helfen. Manchmal sind Einsatzkräfte Attacken ausgesetzt. In Wittenhagen wurden Rettungsdienst-Mitarbeiter jetzt mit einem Messer bedroht.

Es ist dunkle Nacht in dem abgelegenen Dorf Wittenhagen in der Feldberger Seenlandschaft. Mit Blaulicht rast ein Krankenwagen zu einem Haus, aus dem ein Notruf kam. Doch Rettungsassistentin Wiebke Poltier und ihr Kollege werden nicht von einem Hilfsbedürftigen erwartet, sondern von zwei gewaltbereiten Männern: Betrunken und mit gezücktem Messer wollen die vermeintlichen Notfälle eine Fahrt im Rettungswagen erzwingen.

Was Wiebke Poltier passiert ist, haben viele Rettungs- und Einsatzkräfte schon erlebt. Es kommt immer wieder vor, dass zu rettende Personen aggressiv werden – nicht selten unter Einfluss von Drogen. „Die Zahl solcher Fälle nimmt zu“, sagt Udo Kehnscherper, Leiter des DRK-Rettungsdienstes Mecklenburgische Seenplatte. „Die Hemmschwelle ist sehr niedrig geworden.“ Vor allem in größeren Städten wie Neubrandenburg haben Rettungsdienst-Mitarbeiter immer wieder Probleme mit angriffslustigen Patienten, bestätigt Dr. Claudia Schaffranka, Leitende Notärztin im Landkreis. Auf dem „platten Land“ hingegen gehe es bislang entspannter zu. „Auf den Dörfern haben wir so etwas, zumindest in dieser dramatischen Form, zum ersten Mal erlebt.“

Auch Polizisten in der Seenplatte stehen nicht selten kampfbereiter Kundschaft gegenüber. Die Fälle, in denen sie auf erheblichen Widerstand – teils unter Waffeneinsatz – stießen, sind im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte in den Jahren 2011 und 2012 von 73 auf 80 gestiegen. 2013 wurden bereits 57 solcher Vorkommnisse registriert, heißt es aus der Polizeiinspektion Neubrandenburg.

Streitsüchtiger Kundschaft begegnen die Rettungskräfte deeskalierend, wirken beruhigend auf die Angreifer ein. „Deeskalation ist bei vielen Mitarbeitern Bestandteil der Ausbildung. Zusätzlich gibt es Fortbildungen zum Thema“, so Claudia Schaffranka. Sie hat in 20 Berufsjahren selbst schon erlebt, dass ihr plötzlich Aggression entgegen schlug. „Solche Leute befinden sich in psychischen Ausnahmesituationen. Da ist jeder Retter persönlich gefordert, die Situation bestmöglich zu meistern.“ Generell gelte: Die eigene Sicherheit geht vor. Im Zweifel werde die Polizei hinzugezogen.