STURM

Weshalb die Marktschreier aus Neustrelitz geflüchtet sind

Die lautstarken Händler wurden plötzlich ganz leise. Vorzeitig brachen sie ihre Zelte ab und verließen die Stadt Neustrelitz.
Wurst-Achim und Blumen-Michel wurden am Sonnabend ganz leise. Ein Sturm verhagelte ihnen das Geschäft in Neustrelitz.
Wurst-Achim und Blumen-Michel wurden am Sonnabend ganz leise. Ein Sturm verhagelte ihnen das Geschäft in Neustrelitz. Joachim Borgschulze
Neustrelitz.

Dass die Marktschreier recht temperamentvoll sind, war zu erwarten. Mit einem derart stürmischen Abgang hatte jedoch keiner gerechnet. Hals über Kopf klappten Knabber-Paul, Nudel-Anna und ihre Kollegen am Samstagabend ihre Buden zu und verließen Neustrelitz in Richtung Süden. Sturm hatte ihnen das Geschäft verhagelt.

Blumenkönig Michel Saarlos war der erste, dem seine flotten Verkaufssprüche im Halse stecken blieben. Eine Windböe riss die Klappe seines Lkw hoch und schleuderte das Teil wie ein Geschoss auf den Laster. „Es war eine Katastrophe, ein Wahnsinn. Zum Glück wurde er nicht verletzt, er hat wirklich noch Glück gehabt“, berichtete Veranstalter Joachim Borgschulze. Etliche Neustrelitzer, die just in dem Moment mit den holländischen Duftlilien geliebäugelt hatten, sprangen dem Blumenkönig bei. Sie halfen ihm, die Klappe zu befestigen und umgewehte Regale zu verstauen. 6000 Euro Sachschaden sind nach Auskunft von Joachim Borgschulze entstanden.

Zelt samt Grill hochgeschleudert

Schlimm erging es auch dem Mann am Schwenkgrill. Zelt samt Grill wurden hochgeschleudert und die Bratwürste über den Marktplatz verteilt. „Wir hatten ordentlich zu tun, alles wieder aufzuräumen. Erst gegen 20 Uhr konnten wir abreisen.“

Kalt erwischt hat es auch Aal-Ole. Der Sturm fuhr voll in seine Bude. „Da sind einige Makrelen durch die Luft geflogen“, beschreibt Joachim Borgschulze. Bei diesem Anblick vergingen selbst Joachim Pfaff alias Wurst-Achim seine Witze. Er und sein Schinken blieben aber verschont. „Wurst-Achim konnte rechtzeitig aufs Dach springen und seinen Wagen zuklappen.“

Joachim Borgschulze, der die Echte Gilde der Marktschreier mit seiner Eventagentur Jobo managt, war noch am Montag schockiert. Seit 50 Jahren tourt er mit Gewürz-Uwe, Käse-Barnie und Co. durch Deutschland. So was ist ihm noch nicht passiert. „Nur das eine Mal vor Jahren in Düsseldorf. Aber das war nicht ganz so schlimm. Der Markt in Neustrelitz ist aber auch wirklich windanfällig.“

Bis der Sturm den Händlern die Laune verdarb, sei es sogar richtig gut gelaufen. Wurst-Achims „halbes Schwein für 15 Euro“ fanden viele Residenzstädter verlockend. Kiloweise Salami, Matjes und Vollmilchschokolade wechselten den Besitzer. „Zur Eröffnung war richtig was los. Und auch am Sonnabend war der Markt voller Menschen. Ich war erstaunt, wie viele sich trotz der widrigen Witterungsverhältnisse auf den Weg zum Markt gemacht haben. Es war wie vor 20 Jahren. Wir haben wieder gesehen, dass die Marktschreier von öffentlichem Interesse sind. Die Menschen hatten Spaß. Es war ein Mega-Erfolg. Tradition schlägt Moderne“, sagte Joachim Borgschulze.

„15 Uhr und alles abgebaut“

Umso enttäuschter waren die, die am Sonntag einen leeren Marktplatz vorfanden. „15 Uhr und alles abgebaut. Ich dachte, ich guck nicht recht. Ich hab mich so darauf gefreut“, schrieb Internet-Nutzerin Kru Christine in dem Facebook-Forum „I love Neustrelitz“. „Seit wann und warum haben die Marktschreier abgebaut? Wollten sie nicht bis Sonntag bleiben? Wir wollten hin, und es war niemand mehr da“, bedauerte Katharina Olbert. „Die sind weg“, konstatierte Marian Gussi. „Schade eigentlich“, fand Nadine Luplow. „Der Wurst-Achim war heute schon nicht mehr da. Wenn sie vier Tage ansetzen, müssen sie auch vier Tage machen. Ich find‘s ’ne Frechheit“, kommentierte Nico Gudescheit erzürnt. Wer Taschen-Hinnerk, Keks-Ronny und ihre Freunde verpasst hat, muss nicht traurig sein. Die Marktschreier haben Neustrelitz in ihren Tourenplan aufgenommen. „Nächstes Jahr kommen wir wieder.“

Am Donnerstag hatten die Marktschreier erstmals in Neustrelitz ihre Zelte aufgeschlagen. Bis Sonntag wollten sie bleiben. Wegen der schlechten Wetterprognosen waren nicht alle angekündigten Händler angereist, und auch das Kinderkarussell wurde nicht aufgebaut.

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