Unsere Themenseiten

Marteria im Ostseestadion

:

Ein Rapper und sein größtes Konzert

Alle oder keiner! Marteria rockt am 1. September das Rostocker Ostseestadion.
Alle oder keiner! Marteria rockt am 1. September das Rostocker Ostseestadion.
Bernd Wüstneck

Der Rostocker Reimekünstler Marteria wird am Samstag im Ostseestadion das bedeutendste Konzert seines Lebens geben. Warum schafft er das, was keinem deutschen Solo-Rapper vor ihm gelang?

Nach etwa anderthalb Stunden kommt er dann, der Moment, der zu fast jedem Marteria-Konzert gehört wie das Reimen zum Rappen. „Soll ich auch? Wirklich?”, fragt der Junge auf der Tribüne der Schweriner Kongresshalle, der gerade sein erstes Live-Rapkonzert erlebt und gerade von diesem Typen auf der Bühne mit dieser wahnsinnig tiefen Stimme gebeten wurde, sein Pulli auszuziehen und seine zweifellos vorhandene Begeisterung durch wildes Überkopf-Klamottenkreiseln auszudrücken.

Am Ende hüpfen mehr als 5000 Menschen von jung bis nicht mehr ganz so jung synchron auf und ab, werfen Hände in die Luft und T-Shirts durch die Gegend, und der Auslöser dieser Hip-Hop-Abrissparty steht da vorne, breit grinsend, das Publikum feiernd, seine Band feiernd, sich selbst feiernd. Er will gar nicht mehr gehen und gibt noch ’ne Zugabe und noch ’ne Zugabe – und selbst, als das Saallicht angeht und die Rausschmeißmusik vom Band läuft, tänzelt Marteria mit seiner Crew euphorisch auf der Confetti-übersäten Bühne herum, als hätten sie gerade ihr erstes Konzert im Schulclub nebenan absolviert.

Eigene Pressekonferenz, eigenes Logo, eigenes Motto

Nur ein paar Wochen später, im Januar – besagter Junge kann mittlerweile längst die Texte einer Vielzahl von Marteria-Hits von vorne bis hinten auswendig –, kündigt der Rostocker Rapper Marten Laciny, Künstlername Marteria, ein Konzert im Ostseestadion an. Das ist gleich mehrfach ungewöhnlich: Es ist ein Zusatzkonzert der aktuellen Tour, es wird auf einer eigenen Pressekonferenz angekündigt, es bekommt sein eigenes Logo und mit „Alle oder keiner” auch sein eigenes Motto. Und natürlich ist es innerhalb kürzester Zeit ausverkauft, 32.000 Fans werden den aktuell neben Toni Kroos populärsten Künstler aus Mecklenburg-Vorpommern beim „Heimspiel” im Stadion von Hansa Rostock feiern bis zum Umfallen, so viel ist jetzt schon mal sicher.

Dabei ist es das erste Mal überhaupt, das ein deutscher Solo-Rapper ein ganzes Stadion füllt. Das haben sie alle nie geschafft: Bushido, Kollegah, Sido, Samy Deluxe, Farid Bang, Haftbefehl. Doch was macht Marteria so besonders?

Einer der besten Live-Acts Deutschlands

Die Musik natürlich, könnte man meinen. Die ist auf der Höhe der Hip-Hop-Zeit, Marterias Produzententeam The Krauts hatte zuvor schon mit Peter Fox, Seeed und den Fantastischen Vier einschlägige Erfahrungen sammeln können. Doch viel wichtiger ist, was Marteria aus seinen Liedern macht, wenn er in seinem Element ist, sprich: auf der großen Bühne steht. Dann sind die Marteria-Hits sein Mittel zum einzigen Zwecke, die Menschen zu bewegen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Kaum ein Songbeginn, zu dem Marteria das willige Publikum nicht zu noch mehr Action anfeuert, die „Jetzt alle Hände in die Luft! Alle Hände! ALLE!”-Ansagen dürften sich locker auf mindestens 30 pro Konzert summieren.

Jedes Konzert stilisiert der Zeremonienmeister zum größten, wichtigsten, aufregendsten des Jahres, ach was: aller Zeiten hoch, und diese Masche erweist sich als so rituell wie wirkungsvoll. Marteria ist derzeit einer der besten großen Live-Acts Deutschlands, er rockt die großen Festivals zu zuverlässig wie die kleinen Bühnen, selbst Hip-Hop-Skeptiker verlassen Marteria-Konzerte regelmäßig glücklich und verschwitzt – so sie denn dann überhaupt noch ein Hemd anhaben.

Nach Hansa-Benefizspiel direkt ins Krankenhaus

Die Musik und die Konzerte, das ist die eine Seite von Marteria. Die zweite hat sich als so ausgeprägt und breitgefächert wie bei wenigen anderen deutschen Rappern erwiesen. Marten Laciny ist Kind einer Lehrerin und eines Seemanns, er wuchs im Rostocker Plattenbauviertel Groß Klein auf. Er spielte lange und gut Fußball beim Hansa-Nachwuchs (unter anderem auch beim Neubrandenburger Knabenturnier) und stand im Kader der U17-Nationalmannschaft. Er wurde in New York von einem Talentescout als Model entdeckt und arbeitete in Amerika für Claudia Schiffer, Hugo Boss und Diesel. Er lernte an einer Schauspielschule in Berlin und produzierte nebenbei mit Rap-Kumpels aus Rostock seine ersten eigenen Songs.

Überhaupt spielt seine Heimatstadt eine große Rolle im Leben und Wirken von Marteria. Ihr widmete er den Song „Mein Rostock”, immer wieder beschreibt er in seinen Reimen seine Jugend, sein Leben und seine Beziehung zur Rostock. Wann immer er die Chance dazu hat, präsentiert sich Marteria als Fan von Hansa Rostock, er besucht regelmäßig die Heimspiele und organisierte im März 2015 mit Ex-Hansa-Kicker Paule Beinlich auch schon mal ein Benefizspiel, als es dem Verein seines Herzens gerade nicht so gut ging. Marteria spielte selbst mit – und wurde danach in ein Krankenhaus eingeliefert. Beim Spiel hatte er zwei Stunden nichts getrunken, akutes Nierenversagen drohte.

Nach der erfolgreich verlaufenen Dialyse zog sich Marteria zunächst aus der Öffentlichkeit zurück. Er entsagt Alkohol und Drogen, nicht ohne seinen Lebenswandel in mehreren Texten zu verarbeiten. Ebenfalls einen eigenen Song bekommt Marterias neues Hobby, das Angeln. Auch vor gewichtigeren Themen scheut sich Marteria nicht, seine Bekenntnisse zur Linken sind so zahlreich wie kreativ. Er performte 2016 genau so überraschend mit Tote-Hosen-Sänger Campino und den Links-Punkern von „Feine Sahne Fischfilet” bei einem Konzert gegen rechts am Anklamer Demokratiebahnhof wie Anfang August beim Festival „Wasted in Jarmen“. Kein Wunder, das die Fischfilets am Samstagabend als Marterias Vorband auftreten. Jüngst nahm er sogar bewusst den Unmut nicht weniger Fans auf sich, als er mit einem Facebook-Posting in einer Rettungsweste ein Zeichen „für Seenotrettung und ein humanes Europa” setzen wollte.

Party zu den „Letzten 20 Sekunden”

Zutaten anderer Zweige des populären Sprechgesangs fehlen hingegen im Gesamtkunstwerk Marterias. Aggressive Schimpfworttiraden, Gewaltfantasien, Homophobie, hochgradig frauenverachtende Zeilen, Sex in allen möglichen und unmöglichen Ausprägungen, perverse Protzereien – man muss schon sehr viel Wortakrobatik betreiben, um diese klassischen Gangsta-Rap-Attitüden in Marterias Texten nachweisen zu können. Stattdessen findet man dort fast die gesamte Lacinysche Vita, nicht alltägliche Songs über die Geburt seines Sohnes, das Zerfließen der Zeit, die Selbstüberschätzung so mancher Politiker und die bedrohliche Kraft von Fußballfans; es gibt eine Hymne auf Außenseiter, auf den Morgen nach einer Party, aufs Geldausgeben und auf die Wunder dieser Welt:

„Denn wir leben auf einem blauen Planet
Der sich um einen Feuerball dreht
Mit ‘nem Mond der die Meere bewegt
Und du glaubst nicht an Wunder?”

Auch diese Reime kennt der Junge vom Marteria-Konzert in Schwerin jetzt, sie sind mit der Grund, warum er, der vielleicht noch etwas zu jung für so einen Live-Wahnsinn war, mit seinem Vater dort einen großartigen Abend hatte. Und sie werden auch am 1. September tausendfach mitgesungen werden, wenn der 35 Jahre alte Rapper Marteria in Rostock das größte Konzert seines Lebens geben wird. Bis am Ende, bei dem Moment, der zu jedem Marteria-Konzert gehört, zum Abschluss-Song „Die letzten 20 Sekunden” alle nur noch springen und T-Shirts wedeln und werfen und der grinsende Mann dort vorne auf der Bühne gar nicht mehr wieder weggehen will.