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Schlachtung

Dieser Bulle soll sterben - und dabei glücklich sein

Laupheim / Lesedauer: 5 min

Zuchtbulle Buddy soll auf seiner Wiese sterben. Warum ein Rinderzüchter trotz enormer bürokratischer Hürden auf den Weideschuss für die Schlachtung setzt.
Veröffentlicht:01.04.2023, 18:48

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Wie gehen eine artgerechte Rinderzucht und Tierwohl bis zur Schlachtbank zusammen? Über diese Frage hat sich Landwirt Michael Brehm, der in Obersulmetingen in Baden-Württemberg eine Herde Highland–Rinder hält, viele Gedanken gemacht. Und eine Entscheidung getroffen: Sein Zuchtbulle Buddy soll dort sterben, wo er sein ganzes Leben verbracht hat.

Der Bulle ruft nach den anderen - vergeblich

Ein kehliges Röhren schallt über die Wiesen am Ortsrand von Obersulmetingen. Auf einem kleinen Hügel steht Buddy. Allein auf der weitläufigen Weide an diesem kühlen Märzmorgen gegen halb acht. Der massige Bulle mit seinen breiten Hörnern und gut 900 Kilo Lebendgewicht ruft nach seiner Herde schottischer Hochlandrinder. Doch die sind heute alle im Stall.

Buddy röhrt, die Atemluft dampft aus seiner Nase. Ein großes Büschel Heu liegt auf der Weide, Buddy verteilt es verspielt mit seinen Hörnern, grunzt, frisst. Das zottelig hellbraune Fell hängt ihm tief in die Augen, mit seiner breiten Zunge zieht er die Halme ins Maul. Er schaut sich um — irgendetwas scheint anders als sonst.

Sieben Jahre auf seiner Weide

Vor sieben Jahren hatte Michael Brehm den jungen Bullen im Allgäu gekauft, da war Buddy gerade 13 Monate alt. Er sollte seine Zucht schottischer Hochlandrinder begründen. Seither stand er auf der Weide am Ortsrand und tat das, was ein Landwirt von einem guten Zuchtbullen erwartet. Er zeugte eifrig Nachwuchs. 25 schwäbische Hochlandrinder aus dem Rißtal tragen heute Buddys Gene in sich, verrät Brehm. Das jüngste, Bruno, wurde vergangene Woche geboren.

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Buddy sollte nicht einfach abgeholt werden, sein Leben sollte nicht in einem weiß gekachelten Schlachthaus enden. Daher hat sich Brehm für einen sogenannten Weideschuss entschieden, der das Rind in die ewigen Jagdgründe befördern wird. „Es ist doch richtig, dass so ein Vieh nicht leidet“, ist sich Brehm sicher. Dafür nimmt er nicht nur einen enormen bürokratischen Aufwand in Kauf. Ein Tier auf diese Weise töten zu lassen, koste ihn gut das Dreifache als beim Schlachter, sagt Brehm.

Klaus Schmucker ist einer von zwei Jägern im Landkreis Biberach mit der Berechtigung, ein Rind per Weideschuss zu töten.
Klaus Schmucker ist einer von zwei Jägern im Landkreis Biberach mit der Berechtigung, ein Rind per Weideschuss zu töten. (Foto: Thomas Werz)

Seinem Sohn Frank ist die Anspannung deutlich anzusehen. „Unsere Tiere haben alle Namen, werden gefüttert und gestreichelt“, sagt Frank, der den Traktor mit dem Frontlader vorbereitet. Wenn der Schuss fällt, muss es schnell gehen. „Das geht mir echt nach.“

Der Abschied fällt schwer

„Komm Buddy, komm, komm“, ruft Michael Brehm. Er durchquert mit großen Schritten die Weide, der kraftvolle Bulle trottet folgsam hinterher, fast wie ein Hund. Brehm fährt seinem Bullen noch einmal durchs Fell und gibt ihm mit der flachen Hand ein paar kräftige Klapse, seufzt und geht davon. Dass ihm der Abschied schwerfällt, ist deutlich zu sehen. Buddy vergräbt noch einmal seinen Kopf in dem Büschel Heu und frisst munter. Es ist seine Henkersmahlzeit.

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Währenddessen hat Klaus Schmucker seinen Ansitz bezogen. Der Jäger aus Eberhardzell ist einer von nur zweien im Landkreis Biberach, die durch einen speziellen Sachkundenachweis ein Tier auf einer Weide schießen dürfen. Mittlerweile fast 30 Mal im Jahr legt er an. „Der ist ganz ruhig“, sagt Schmucker. „Im Hänger hätte er nur Stress.“ Er hat einen Schalldämpfer auf seinem Gewehr montiert. „Der ist tot, bevor er den Schuss hört“, sagt der Jäger ruhig.

Der ist tot, bevor er den Schuss hört.

Klaus Schmucker, Jäger

Schmucker ist gemeinsam mit Julian Seif nach Obersulmetingen gekommen. Der junge Metzgermeister aus Hauerz bei Bad Wurzach hat sich auf diese Art der Schlachtung spezialisiert. In einem extra dafür ausgebauten Anhänger transportiert er das tote Rind anschließend in seine Metzgerei. Zwei Stunden bleiben von der Wiese bis zur Verarbeitung. „Das ist schon ein Mehraufwand.“ Dieser lohne sich aber, auch was die Fleischqualität betrifft, so Seif.

Hürden für Weideschuss sind hoch

Zusätzlich ist Veterinärin Silvia Bamberger vor Ort. Sie überwacht die gesamte Schlachtung, nimmt das tote Vieh in Augenschein, muss etliche Formulare ausfüllen. Dies ist gesetzlich so vorgeschrieben. Seit 1992 ist die Tiermedizinerin im Amt, der Weideschuss habe in dieser Zeit zugenommen. „Es ist ein Trend, der Tierschutz hat einen höheren Stellenwert“, sagt sie. Die Stückzahlen im Kreis Biberach seien dennoch nach wie vor gering.

Nach dem Schuss: Metzgermeister Julian Seif und Jäger Klaus Schmucker legen auf der Weide Hand an. In zwei Stunden muss das Tier im Kühlhaus sein.
Nach dem Schuss: Metzgermeister Julian Seif und Jäger Klaus Schmucker legen auf der Weide Hand an. In zwei Stunden muss das Tier im Kühlhaus sein. (Foto: Thomas Werz)

Das bestätigt auch Dorothee Bock, Leiterin des Kreisveterinäramts. Das habe gerade einmal 16 Genehmigungen für eine „Schlachtung von Rindern im Herkunftsbetrieb“ 2022 erteilt — nur sechs davon per Kugelschuss. „Die Hürden sind relativ hoch. Es handelt sich hierbei um eine streng geregelte Ausnahme“, erklärt Bock. Und diese sei durch Verordnungen des Bundes und der EU klar geregelt. Daran müsse sich das Veterinäramt halten, „die hohen Standards stehen ja auch für das Tierwohl ein“, sagt Bock.

Prinzipiell befürworte das Amt die Schlachtung im Herkunftsbetrieb mittels mobiler Einheit und Bolzenschussbetäubung. Nicht so beim Kugelschuss: Diese dürfe nur bei ganzjähriger Weidehaltung und bei scheuen Tieren angewendet werden.

Züchter kann Bürokratie nicht nachvollziehen

Brehm, der die Hochlandrinderzucht im Nebenerwerb betreibt, kann diese bürokratischen Hürden nicht nachvollziehen. „Alle schreien nach Tierwohl, aber der Aufwand dafür ist enorm“, sagt er. Für ihn als Direktvermarkter sei diese Methode jedoch der einzige Weg, „auch mit Blick auf die Fleischqualität“.

Diese Sorgen hat Buddy nicht. Er ziert sich, dreht sich und blickt noch einmal in Richtung Stall. Wo wohl seine Herde bleibt? Schmucker legt an, der Knall ist nicht besonders laut. Es ist 8.10 Uhr, als Buddy zum letzten Mal seinen Kopf hebt und dann auf seiner Wiese geräuschlos in sich zusammensackt.