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Impfschäden

Wenn die Impfung unliebsame Folgen hat

Ulm / Lesedauer: 9 min

Von Anfang an hat das Thema die Menschen bewegt — positiv wie negativ. Post–Vac–Patienten fühlen sich in eine Ecke gedrängt, dabei ist das Feld noch kaum erforscht.
Veröffentlicht:13.04.2023, 10:00

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Sie klagen über ständige Erschöpfung, haben Gliederschmerzen, fühlen sich nicht mehr belastbar. Noch Monate nach einer Covid-Erkrankung kämpfen zahlreiche Menschen mit derartigen Symptomen. Doch nicht immer ist es die Infektion, die derartige Symptome auslöst. Unter ähnlichem scheinen auch Menschen nach einer Corona–Impfung zu leiden, meist nach der zweiten oder dritten Dosis. Am Universitätsklinikum Ulm finden sich Betroffene und Experten, die über das sogenannte Post-Vac-Syndrom sprechen. Ein Einblick in ein noch lange nicht ausreichend erforschtes Feld.

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Betroffene berichten von chronischen Ermüdungszuständen, aber auch Herz–Kreislauf–Problemen in zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung. Oft machen dabei auch der Stoffwechsel und der Darm Probleme. Beim Hausarzt finden Betroffene selten klare Antworten, denn noch gibt es wenige Anlaufstellen für sie.

Eine davon findet sich in der Post–Covid–Ambulanz des Universitätsklinikums Ulm. Das Team rund um Professor Jürgen Steinacker betreut Menschen mit Long–Covid — und auch jene, die über Nebenwirkungen nach einer Corona–Impfung klagen. „Post–Vac und Long–Covid sind fast dasselbe, nur einmal ist das Virus Schuld an den Symptomen und einmal der Impfstoff“, bringt es Jürgen Steinacker auf den Punkt.

Unter „Post–Vac“ leiden Steinackers Schätzung nach rund ein Zehntel der Menschen mit der anfänglichen Diagnose Long Covid. Doch es fehlen belastbare Zahlen, Impfungen werden in Deutschland nicht erfasst, so sei auch der Anteil der Menschen, die an Nebenwirkungen durch die Impfung leiden, schwer einzuschätzen. Zudem seien diese Impfschäden nicht immer klar von Long–Covid zu unterscheiden. Die Forschung zu Nachwirkungen einer Corona–Impfung sind erst noch am Anfang.

Professor Jürgen Steinacker behandelt auch Patienten mit Post-Vac-Syndrom. Betroffene klagen etwa über ständige Erschöpfung seit der Corona-Impfung.
Professor Jürgen Steinacker behandelt auch Patienten mit Post-Vac-Syndrom. Betroffene klagen etwa über ständige Erschöpfung seit der Corona-Impfung. (Foto: Uniklinikum Ulm)

Vor allem Menschen mit guten Immunsystem betroffen

„Zu Beginn hatten wir die Symptome auf eine Reinfektion mit Corona in den Zusammenhang gebracht, doch dann wurde klar, dass es die Impfung ist, die eine immunogene Wirkung bei diesen Menschen hat“, sagt der Sportmediziner. Dies sei vor allem bei Menschen der Fall, die ein sehr ausgeprägtes, gutes Immunsystem haben — und das trifft vor allem schlanke, fitte, dynamische junge Menschen, wie das Team von Professor Steinacker herausgefunden hat — Frauen seien dabei etwas häufiger betroffen.

Deshalb betreuen Steinacker und sein Team der Sport– und Rehabilitationsmedizin auch viele Profisportler, die es nach einer Corona–Infektion oder eben auch einer Corona–Impfung komplett aus der Bahn geworfen hat.

Eine von ihnen ist die 25–jährige Alina Reh. Die Langstreckenläuferin aus Laichingen schien die zweite Impfdosis nicht gut zu vertragen, drei Monate musste sie eine Zwangspause einlegen, danach ihre Leistung mit viel Geduld und Eifer wieder auf das gewohnt hohe Niveau bringen.

„Wenige Tage nach der zweiten Impfung hatte ich plötzlich Atemprobleme beim Laufen, sogar beim Treppensteigen habe ich es gespürt“, erzählt Alina Reh. Auch ein Druck und Engegefühl in der Brust verunsicherte sie, weshalb sie sich zunächst an die Sportmediziner an der Universität in Tübingen wandte. Die Diagnose: Herzmuskelentzündung. Die Folge: ein komplettes Sportverbot. „Das war ein herber Rückschlag“, erinnert sich die 25–Jährige.

Ich hätte damals besser über die Impfung und den richtigen Zeitpunkt informiert werden sollen",

sagt Leichtathletin Alina Reh.

Heute, rund 15 Monate nach der Diagnose, sei sie wieder auf dem Level wie vor der Erkrankung. Im Trainingscamp bei Johannesburg, in dem sie sich derzeit auf die Sommersaison vorbereitet, könne sie wieder Vollgas geben. Und das, so Alina Reh, dank einer Behandlung bei Sportmediziner Jürgen Steinacker. „Seit 2006 bin ich regelmäßig zur Leistungsdiagnostik bei ihm und weil er sich mit Post–Vac auseinandergesetzt hat, habe ich ihn aufgesucht“, berichtet die Sportlerin.

Vielleicht, so vermutet Alina Reh, hatte die starke Reaktion auf die zweite Impfdosis auch mit ihrem damaligen Zustand zu tun. „Das war kurz nach einem Wettkampf und da ist das Immunsystem erfahrungsgemäß leicht angreifbar“, vermutet die 25–Jährige. Sie betont aber auch: „Ich hätte damals besser über die Impfung und den richtigen Zeitpunkt informiert werden sollen.“

Hat nach überstandener Herzmuskelentzündung wieder allen Grund, zu lächeln: Alina Reh im Trainingscamp in Südafrika im März 2023 mit Leichtathetin Hannah Klein (links).
Hat nach überstandener Herzmuskelentzündung wieder allen Grund, zu lächeln: Alina Reh im Trainingscamp in Südafrika im März 2023 mit Leichtathetin Hannah Klein (links). (Foto: privat)

Neben Alina Reh hat das Team um Professor Steinacker im vergangenen Jahr gut 600 Patienten mit Long–Covid und Post–Vac behandelt — die Nachfrage aber ist um ein Vielfaches höher. Rund 400 Betroffene stehen derzeit auf der Warteliste. Laut baden–württembergischer Epiloc–Studie gaben rund 20 Prozent der Bevölkerung an, noch lange nach einer Infektion mit Covid–19 unter Beschwerden wie Atemnot zu leiden. „Rund zehn Prozent davon sind nicht arbeitsfähig“, so Steinacker. Wie hoch der Anteil an Menschen mit Covid–Impfschäden ist, wisse man schlichtweg nicht.

Dem zuständigen Paul–Ehrlich–Institut sind bis Ende 2022 rund 333.500 Verdachtsfälle von Nebenwirkungen einer Corona–Impfung berichtet worden, weitere 50.830 Fälle mit schwerwiegenden Nebenwirkungen. Das sind rund 1,8 Verdachtsfälle pro 1000 Impfdosen und 0,27 schwerwiegende Fälle pro 1000 Impfdosen. Zum Vergleich: Laut Bundesgesundheitsministerium wurden bisher rund 64 Millionen Impfdosen gegen Covid–19 verabreicht.

Tragische Schicksale hinter der Diagnose

Doch die Leiden der Betroffenen macht das nicht besser. Im Gegenteil, viele trauten sich nicht, offen darüber zu sprechen. „Die Patienten, die zu mir kommen, haben meist einen langen Weg hinter sich und bringen mir dann einen Aktenordner voll mit Befunden“, erzählt der Arzt.

Meist stünden tragische Schicksale hinter der Diagnose Long–Covid und Post–Vac. Da sei die Mutter, die zusehen muss, wie ihr Kind nicht mehr aus dem Bett kommt, der Hochleistungssportler, der sogar beim seichten Spaziergang außer Atem kommt, oder der erfolgreiche Geschäftsmann, der seine Firma nicht mehr führen kann, weil er sich nicht mehr belastbar fühlt.

Auch Andreas Rost fordert, das Thema ernsthaft zu betrachten — und betont, dass Hausärzte durchaus helfen könnten. Der Ehinger Allgemeinmediziner war die vergangenen Jahre Pandemiebeauftragter des Alb–Donau–Kreises. „Mehrfach die Woche“ kämen Patienten zu ihm, die Long–Covid oder gar Post–Vac bei sich selbst vermuten.

Die Menschen seien verunsichert, weshalb das Thema so oft von den Patienten angesprochen werde. „Es fehlt hier weiterhin an Leitlinien sowie Standards für Diagnostik und Therapie. Wir Ärzte gehen davon aus, dass dies noch einige Jahre dauern wird“, so Andreas Rost. Den Vorwurf, dass Hausärzte derartige Beschwerden nicht ernst genug nehmen würden,weist er entschieden zurück.

Primär jedes Symptom einfach als Long–Covid und Post–Vac–Syndrom einzustufen und die Spezialambulanzen damit zu blockieren, ist nicht sinnvoll",

sagt Allgemeinmediziner Andreas Rost.

Symptome wie etwa Herz– und Lungenerkrankungen müssten zunächst unabhängig von der Frage der Ursache behandelt werden. „Primär jedes Symptom einfach als Long–Covid und Post–Vac–Syndrom einzustufen und die Spezialambulanzen damit zu blockieren, ist nicht sinnvoll und nicht möglich“, macht Rost klar. Dennoch müsse natürlich ein möglicher Zusammenhang im Verlauf der Behandlung geklärt werden.

Doch laut Jürgen Steinacker sei die Situation nicht immer so.„Die Patienten berichten uns, dass sie sich schnell in eine Ecke gedrängt fühlen“, so der Professor. Wer sagt, dass die Nebenwirkungen eingebildet und es ein rein psychisches Problem sei, mache es sich deshalb zu einfach. „Wenn ich als Arzt keine Erklärung für die Symptome finde, dann muss ich eine suchen. Den Patienten trifft keine Schuld“, verteidigt der Experte die Betroffenen.

Was Steinacker ebenfalls weiterhin verteidigt, ist die Corona–Impfung. „Ich bin ein Verfechter der Impfung. Auf diese haben wir sehnlichst gewartet und sie hat uns viel geholfen. Jedoch habe ich von Anfang an auch gesagt, dass es Gründe geben kann, wenn jemand Respekt vor der Impfung hat und verunsichert ist, ob er sie vertragen wird“, betont der Sportmediziner. Schon seit Beginn der Impfkampagne habe er deshalb Patienten, die eine starke Reaktion auf die Impfung zeigen könnten, davon abgeraten. Von öffentlich geführten Diskussionen über Menschen, die sich nicht impfen lassen wollten, hält Steinacker deshalb auch nichts.

Der Fall Kimmich hat gespalten

„Es ist nicht gut, dass er nicht geimpft ist“, hatte Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) etwa über Fußballprofi Joshua Kimmich gesagt. Kimmich hatte damals mehrmals in Interviews betont, noch abwarten zu wollen. „Ich habe persönliche Bedenken, was die Langzeitfolgen angeht“, war seine Aussage.

Lauterbach hat das Post–Vac–Syndrom lange Zeit nicht thematisiert. Anfang des Jahres dann die Ankündigung für eine entsprechende Hotline, bei der Betroffene anrufen und sich über den aktuellen Forschungsstand informieren können. Ob und wie viel Lauterbach am Ende tatsächlich in die Hilfe der Post–Vac–Patienten investiert, bleibt offen. Noch im Sommer 2021 hatte er die Impfung als „nebenwirkungsfrei“ bezeichnet.

In einem Twitterpost schrieb Lauterbach etwa am 14. August 2021 noch von einer „nebenwirkungsfreien Impfung“, die eine Minderheit der Gesellschaft nicht wolle, „obwohl sie gratis ist und ihr Leben und das vieler anderer retten kann.“ Für derartige Aussagen wird Lauterbach, vor allem aus den Reihen der Opposition, nun immer öfter kritisiert.

Erste Klagen vor Gericht

Derweil werden an den Landgerichten Deutschlands die ersten Prozesse im Zusammenhang mit Post–Vac verhandelt. Geklagt wird etwa gegen den Konzern Biontech vor dem Frankfurter Landgericht. Eine 57–Jährige fordert Schadensersatz, durch die Impfung soll sie einen Herzschaden erlitten haben.

Der Prozess soll am 28. April stattfinden. Ähnliche Fälle werden in diesem Jahr auch vor anderen Landgerichten verhandelt, etwa in München oder Düsseldorf. Klagen gibt es auch gegen die anderen Impfstoffhersteller wie Moderna und Johnson & Johnson, die Bundesregierung und mindestens eine Krankenkasse.

Die Langzeitfolgen einer Corona–Infektion, und auch die einer Corona–Impfung, werden die Gesellschaft noch lange beschäftigen, ist sich der Ulmer Professor Jürgen Steinacker sicher. „Anlaufstellen für diese Patienten müssen deshalb besser finanziert werden, damit auch Kassenpatienten, die sich so etwas nicht leisten können, behandelt werden“, fordert der Mediziner.

Zudem müsse das Wissen über die Krankheit breiter gestreut werden. Aktuell seien es lediglich die vier Universitätskliniken im Land sowie „zwei–drei andere Einrichtungen, die sich um Post–Covid und Post–Vac kümmern“, so Steinacker. „Wir brauchen aber bis zu 100 Facharztpraxen, die das mittragen. Zusätzlich muss jeder Hausarzt sich dazu weiterbilden.“ Nur so bekomme man Post–Vac in den Griff. Denn behandelt werden können die Leiden durchaus. Wie im Fall von Leichtathletin Alina Reh.