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Corona-Sterberate

Wie tödlich ist das Coronavirus wirklich?

Neubrandenburg / Lesedauer: 4 min

Eine neue Studie zeigt, dass die Dunkelziffer der Corona-Infizierten höher liegen könnte als bisher angenommen. Das hätte auch Auswirkungen auf die Covid-Sterberate.
Veröffentlicht:14.11.2020, 08:00

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Forscher des Tropeninstituts des LMU-Klinikums München sind der Frage nachgegangen, wie hoch die Dunkelziffer der Corona-Infektionen in der bayrischen Landeshauptstadt ist. Sie sammelten im Frühjahr Blutproben von etwa 5300 Personen in knapp 3000 zufällig ausgewählten Münchner Haushalten und untersuchten diese auf Corona-Antikörper. Dabei kamen sie zu einem erstaunlichen Ergebnis: Etwa 1,8 Prozent der Münchner haben in der ersten Welle der Corona-Pandemie Antikörper gegen das Virus entwickelt – diese Zahl liegt etwa vier Mal höher als die der offiziell bestätigten Corona-Fälle beim Statistischen Amt, die rund 0,4 Prozent der Münchner Bevölkerung betrugen.

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Auf der anderen Seite sei die Dunkelziffer bei den Todesfällen – also jene, die auf das Coronavirus zurückgingen, aber nicht als solche in die Statistik einflossen – den Wissenschaftlern zufolge niedrig. Das bedeutet: Zumindest in der Stadt München gibt es deutlich mehr Corona-Infizierte, aber nur geringfügig mehr Corona-Tote, als bisher angenommen. Kritiker der Corona-Maßnahmen folgern daraus, dass die bisher vom Robert-Koch-Institut angegebene Corona-Sterberate deutlich geringer ist als angegeben – und dass das Coronavirus daher auch nicht so tödlich ist wie bisher behauptet.

RKI geht selbst von noch höherer Dunkelziffer aus

Stimmt das? Nehmen wir an, die Münchner Zahlen lassen sich verallgemeinern. Dann liegen die Kritiker mit ihrem Argument durchaus richtig. Die weitere Folgerung, dass das RKI eine mit Absicht hohe Zahl kommuniziere, um damit Panik in der Bevölkerung zu schüren, ist allerdings falsch. Das RKI unterscheidet tatsächlich zwischen zwei Sterberaten, nämlich der Fallsterblichkeit und der Infektionssterblichkeit – erstere ist die Sterberate in Bezug auf die gemeldeten Infektionen, letztere die Sterberate bezogen auf alle Infektionen einschließlich Dunkelziffer.

Beide Zahlen werden kommuniziert. Da es allerdings wissenschaftlich notorisch schwierig ist, Dunkelziffern zu bestimmen, wird bei allen Krankheiten die Fallsterblichkeit, also die Sterberate bezüglich der diagnostizierten Infektionen, zu Vergleichszwecken herangezogen. Das trifft nicht nur auf Covid-19, sondern auch auf Grippe oder Masern zu. Tatsächlich geht das RKI selbst von einer noch höheren Dunkelziffer als die Münchner Wissenschaftler aus, nämlich von etwa vier bis fünf Mal so vielen Infektionen als gemeldet.

WHO-Studie sieht Corona und Grippe gleichauf

Tatsache ist aber auch, dass die Maßnahmen-Kritiker einen wichtigen Schluss aus der Münchner Studie zumeist unterschlagen. Denn die Wissenschaftler kommen zu dem sehr konkreten Ergebnis, dass die Sterblichkeit an Covid-19 einschließlich Dunkelziffer in München bei 0,76 Prozent der Menschen mit Antikörpern betrug. Sie liege damit „um ein Vielfaches über der für saisonale Grippeinfektionen”. Doch auch diese Projektion ist nicht in Stein gemeißelt. Es ist derzeit schlicht zu früh, um hier ein abschließendes Urteil zu fälle.

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Jüngst kam eine globale Metastudie der WHO zu dem Schluss, dass der Medianwert der Covid-Sterblichkeit bei etwa 0,23 liege, das heißt, das 2,3 von 1000 Corona-Positiven an der Krankheit sterben. Damit wäre Corona ähnlich gefährlich wie die Grippe. Allerdings warnt der Urheber der Studie, der Epidemiologe John Ioannidis von der US-Eliteuniversität Stanford, dass die Sterblichkeit enormen Schwankungen unterliege und von Land zu Land, Stadt zu Stadt und teils sogar von Viertel zu Viertel unterschiedlich sei.

Kein Rosinenpicken bei Studienergebnissen

Die Faktoren, die hier eine Rolle spielten, seien der Anteil alter Menschen in der Bevölkerung, die Qualität des Gesundheitswesens, die Bevölkerungsdichte und Umstände, die eine starke Ausbreitung des Virus begünstigten, wie volle Verkehrsmittel oder offene Bars und Kneipen, in denen viele Menschen verkehrten. Das erklärt auch die stark abweichenden Ergebnisse verschiedener Studien.

Deshalb ist es wichtig, besonnen mit den vorhandenen Zahlen umzugehen. Es ist wenig zielführend, wenn sich Maßnahmen-Kritiker nur die Studien mit den für sie besten Ergebnissen rauspicken, Maßnahmen-Befürworter hingegen jene mit den wiederum für sie besten Ergebnissen. Derzeit basieren alle Bestimmungen der Sterberate auf Schätzungen, die zwar zunehmend konkret werden, die sich aber immer noch als zu hoch oder zu niedrig herausstellen könnten. Mit dieser Unsicherheit müssen wir momentan einfach leben.