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Nachruf

Zum Tod von Benedikt XVI.

Rom / Lesedauer: 4 min

Frenetisch gefeiert, harsch kritisiert. Gerade in Deutschland haderte man häufig mit dem Landsmann Joseph Ratzinger, der als Benedikt XVI. Papst wurde.
Veröffentlicht:31.12.2022, 11:25

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Er war seit mehr als 500 Jahren der erste Deutsche auf dem Stuhl Petri. Und er war seit dem hohen Mittelalter der erste Papst, der aus Alters- und Gesundheitsgründen von seinem Amt zurücktrat. Nun ist der zuletzt zurückgezogen in einem vatikanischen Kloster lebende Benedikt XVI. verstorben: Sein Nachfolger Franziskus rief erst vor wenigen Tagen bei der Generalaudienz im Vatikan zu Fürbitten für seinen Vorgänger auf.

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Spekulationen über Gesundheitszustand

Er sei „sehr krank“, hieß es. Später verlautete aus Vatikan-Kreisen, dass der 95-Jährige seit Längerem Probleme mit der Atmung habe. All das wurde als Zeichen gedeutet, dass die behandelnden Ärzte davon ausgehen, dass der 1927 als Joseph Ratzinger im bayerischen Marktl am Inn geborene frühere Papst auf seine letzte Reise aufbricht. Am Samstag bestätigte der Vatikan den Tod des eremitierten Papstes.

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Euphorie in Deutschland nach der Wahl 2005

Ein Rückblick: Als 2005 der Name des Kardinals und früheren Erzbischofs von München und Freising auf dem Petersplatz verkündet wurde, erschien am Folgetag die Bild-Zeitung mit der legendären Aufmachung „Wir sind Papst!“. In Deutschland wurde der Landsmann auf dem Stuhl Petri mit großem öffentlichen Wohlwollen bedacht – die Menschen jubelten auf den Straßen und Rängen, als er schon kurz darauf zum Weltjugendtag nach Köln kam und später auch seine bayerische Heimat besuchte. Die Papstbegeisterung schien kein Ende zu nehmen. Die Jesus-Bücher des Papstes wurden Bestseller.

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Festhalten an alten Grundsätzen

Doch längst nicht alles, was der frühere Präfekt der Glaubenskongregation in seinem Pontifikat unternahm, blieb unumstritten. Benedikt, der schon bei der Eröffnung des Konklave 2005, auf dem er kurz darauf gewählt wurde, vor einer „Diktatur des Relativismus“ warnte, blieb ein konservativer Papst. Große Reformen waren nicht seine Sache, in manchen Punkten nahm er sogar progressive Entscheidungen seiner Vorgänger zurück. Benedikt ging es vor allem darum, die katholische Lehre so zu bewahren, wie sie war.

Skandal um Holocaust-Leugner in der Kirche

Im Jahr 2007 erlaubte er die Feier der eigentlich abgeschafften lateinischen Messe – sein Nachfolger Franziskus sollte diese Entscheidung 2021 weitgehend wieder kassieren. Zudem hob Benedikt 2009 die Exkommunikation der Bischöfe der traditionalistischen Piusbruderschaft auf. Zu einer völligen Aussöhnung kam es aber nicht: Dass sich einer der Bischöfe der Bruderschaft, der Brite Richard Williamson, wiederholt als Holocaust-Leugner betätigte, führte schon 2009 zu einem heftigen Skandal, in dessen Folge sich Benedikt, der das Ende des Zweiten Weltkriegs als Flakhelfer erlebte, deutlich vom Antisemitismus distanzierte.

Strengere Regeln sollen Missbrauch verhindern

Schwierig war es auch mit den Beziehungen zu anderen Konfessionen: Benedikt setzte fraglos Zeichen, etwa als er 2011 die Wirkungsstätte des jungen Martin Luther, das Erfurter Augustiner-Kloster, besuchte. Aber die Protestanten als „Kirche“ zu bezeichnen, kam ihm nicht über die Lippen. Für ihn waren die evangelischen Kirchen stets „kirchliche Gemeinschaften“.

Zunehmend kritisch wird heute auch Benedikts Rolle im Umgang mit Missbrauch in der katholischen Kirche gesehen. In sein Pontifikat fällt das Jahr 2010, als Betroffene des Missbrauchs am Berliner Canisius-Kolleg den Mut hatten, ihre Fälle öffentlich zu machen – der Beginn des Missbrauchsskandals in der Heimat des deutschen Papstes. Benedikt veröffentlichte damals zwar strengere Regeln für den Umgang mit Missbrauchstätern, setzte kirchenrechtliche Verjährungsfristen herauf und enthob Hunderte Priester ihres Amtes. Man muss ihm zu Gute halten, als Papst die Aufarbeitung begonnen zu haben. Doch mittlerweile ist klar: Als Erzbischof von München und Freising hat auch er Missbrauchstäter gedeckt und nicht immer die damals vorgeschriebenen Schritte unternommen.

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Mutige Entscheidung zum Rücktritt

Am Ende bleibt deswegen ein zwiespältiges Bild des deutschen Papstes. Klar ist: Benedikt XVI. ging es immer um den Glauben. Der Theologe aus Bayern wollte die Menschen neu an Jesus Christus heranführen und die Kirche bewahren. Doch auch wenn der gebürtige Bayer der erste Papst war, der im Internet-Netzwerk Twitter einen Tweet absetzte: Die Entwicklungen der Moderne haben den als Sohn eines bayerischen Gendarmen geborenen Joseph Ratzinger zunehmend überfordert. Er blieb zeitlebens ein Konservativer, der in seinem Pontifikat immer mehr an seine Grenzen kam.

So mag tatsächlich der 28.  Februar  2013 der wichtigste Moment im Pontifikat des Bayern gewesen sein: An diesem Tag erklärte Benedikt seinen eigentlich nicht vorgesehen Rücktritt vom Papstamt, und zog sich danach weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Und setzte damit das Zeichen, dass kein Amt dieser Welt bis zum Lebensende dauern muss – was auch für künftige Oberhäupter der katholischen Kirche zum Maßstab werden kann.