Urenkel Conrad und sein Vater Jörn blättern in dem alten Album, das ihr Urgroßvater und Großvater als So
Urenkel Conrad und sein Vater Jörn blättern in dem alten Album, das ihr Urgroßvater und Großvater als Soldat im Zweiten Weltkrieg in Norwegen angelegt hat.
Familiengeschichte

Was hat der Opa eigentlich im Krieg in Norwegen gemacht?

Enkel und Urenkel eines Wehrmachtssoldaten blättern im Fotoalbum des Großvaters. Aber viel klüger sind sie danach nicht, zumal der Opa nicht viel über den Krieg sprach.
Ueckermünde

Der Urgroßvater ist für Conrad Hoffmann ganz weit weg. Keine große Sache, schließlich ist der Mann schon rund zwei Jahrzehnte vor der Geburt des 17-jährigen Abiturienten aus Berlin gestorben. Und eigentlich hat der Urenkel gerade auch anderes im Sinn – die schriftlichen Abiturprüfungen winken schon. Da kommen ein paar freie Tage auf dem Anwesen der Oma an der Küste des Stettiner Haffs sehr recht. Noch mal ausspannen, bevor es nach den Osterferien richtig zur Sache geht.

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Großmutter sammelt alles zur Familiengeschichte

Aber die Großmutter hat sich etwas vorgenommen. Der junge Mann, der von seinem Vater Jörn auf dem Kurztrip in dessen alte Heimat begleitet wird, soll endlich einen kleinen Blick in die Familiengeschichte erhalten. Wozu schließlich bewahrt sie alles auf und hat akribisch gesammelt, was die Vorfahren hinterließen. Und die kamen immerhin schon im 18. Jahrhundert in die Gegend, genau in jenes Dorf, in dem sie heute noch lebt. Hugenotten aus Frankreich seien das gewesen, die vor religiöser Intoleranz in der alten Heimat geflohen sind. Die 79-Jährige war einst Lehrerin und sehr bekannt am Haff. Deshalb will sie nicht, dass die Zeitung ihren Namen nennt. Es gehe ja auch gar nicht um sie, sagt sie. Sondern um viel Größeres, um die Geschichte.

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Erst Norwegen, später französiche Gefangenschaft

Die aktive Rentnerin vom Haff hatte im vergangenen Herbst in einer Kolumne im Nordkurier über das Hadern des Autoren dieser Geschichte mit sich selbst gelesen, weil der zu den Lebzeiten seiner Großväter denen zu wenige Fragen gestellt hat. Zum Beispiel die, was einer der beiden fünf Jahre lang während des Zweiten Weltkriegs als Soldat in Norwegen gemacht hat. „Mein Vater“, erzählt die Seniorin aus Vorpommern, „musste auch als Soldat in das skandinavische Land einrücken“. 1947 erst kam der wieder aus französischer Gefangenschaft, abgerissen und krank. Zuvor aber schon, wahrscheinlich in einem viel zu kurzen Urlaub, hat er ein Fotoalbum mit nach Hause gebracht. „Leider stehen in dem Album nur wenige schriftliche Erläuterungen“, bedauert die Tochter des einstigen Soldaten.

Bis zum Nordkap

Ihr Sohn Jörn und der Enkel Conrad sollen sich das jetzt trotzdem angucken. Und die entdecken auf einigen Fotos große hölzerne Wegweiser. Trondheim, Hammerfest und Nordkap. Ganz weit oben sei der Uropa gewesen, staunt der Berliner Abiturient. Sein Vater ahnt, warum: „Zum Schutz der Häfen sicherlich“. Fotos sind dabei von Begegnungen mit Norwegern und vom tristen Alltag der Besatzungsmacht.

Was hat der Schneidermeister da gemacht?

Aber eine Frage bleibt: Was genau hat der Vater, Opa und Uropa, ein Schneidermeister, jahrelang in Norwegen gemacht? Die 79-jährige Tochter schüttelt den Kopf. Sie weiß es nicht. „Mein Vater hat nie über den Krieg gesprochen.“ Sie ist aber davon überzeugt, der hat nichts Schlimmes angestellt. „Später hat er mit meiner Mutter oft darüber gesprochen, mit ihr nach Norwegen zu reisen und ihr dort alles zu zeigen. Deshalb glaube ich sehr sicher, dass er ein gutes Gewissen hatte.“ Was dem Vater zu DDR-Zeiten nicht mehr vergönnt war, hat die Tochter nach der Wende genießen können: eine Reise nach Norwegen.

Eine alte Frau im Dorf soll beim Sütterlin helfen

Urenkel Conrad und sein Vater Jörn haben das Album durchgeblättert und sich mit einigen tintengeschriebenen Notizen auf den Rückseiten mancher Schwarzweiß-Fotografien herumgequält: Der Uropa hatte sie alle in Sütterlin verfasst, der verschnörkelten deutschen Schrift, die vor 100 Jahren alle Erstklässler in Deutschland lernen mussten. Die vermag kaum noch jemand zu verstehen, aber die Oma weiß noch von einer alten Frau im Dorf, die das gut kann. Die soll gebeten werden, demnächst mal alles zu „übersetzen“.

Trotzdem – Enkel Conrad findet das alles „beeindruckend“. Und, aber ganz weit weg: Dass junge Männer eingezogen und mit Waffen in ein fremdes Land geschickt werden, einfach so, ohne die Möglichkeit, dagegen protestieren zu dürfen, Mann, oh Mann.

 

 

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Kommentare (3)

Norwegen wurde besetzt, damit der Engländer es nicht besetzt. Die waren schon da gewesen, wurden aber im Frühsommer 1940 wegen des deutschen Blitzkrieges kurzfristig nach Frankreich abgezogen. Ausserdem wollten die Gebirgsjähger von Norden - aus Norwegen und über das verbündete Finnland kommend - den einzigen eisfreien Hafen der Sowjetunion (Murmansk) erobern, was aber nicht gelang. Dort kam der Nachschub aus Amerika an.

Deutsche Truppen sind damals durch das neutral Schweden gezogen, um den Weg abzukürzen. Und sie wurden nicht daran gehindert.

Heute haben die Russen zusätzlich den eisfreien und früher deutschen Hafen von Pillau, über den die Kriegsmarine bis Mitte April 1945 4500000 Ostpreußen in Sicherheit gebracht hatte. Strategisch äussert wertvoll, weil im NATO-Gebiet.