Gertrud Ladewig, die Tante von Ines Prodöhl, kam unter schlimmen Bedingungen im Battinsthaler Gutshaus unter. NK-Kombo
Ines Prodöhl
Ines Prodöhl ZVG
Die Särge mit den Leichnamen der Familie von Schuckmann wurden aus der Gruft der Battinsthaler Grabkapelle geworfen.
Die Särge mit den Leichnamen der Familie von Schuckmann wurden aus der Gruft der Battinsthaler Grabkapelle geworfen. NK-Archiv
Erinnerungen

Wer selbst Vertreibung erlebt hat, den lässt der Ukraine-Krieg nicht kalt

Angesichts des Ukraine-Krieges kommen bei vielen Erinnerungen an die Vertreibung ihrer Familien im Zweiten Weltkrieg auf. Unsere Gastautorin Ines Prodöhl erinnert an das Schicksal ihrer Vorfahren.
Battinsthal

Die aktuellen Ereignisse in der Ukraine bedeuten für die Menschen vor Ort viel Leid. Wieder sind Menschen auf der Flucht, Millionen sind schon unterwegs. Angesichts dessen muss ich an meine Tante Gertrud denken, die Ende des Zweiten Weltkrieges als Jugendliche aus Hinterpommern flüchtete und in Battinsthal bei Penkun strandete. Als sie mit 92 Jahren vor Kurzem starb, ging ein weiteres Familienmitglied, das von der damaligen Zeit noch wusste – von der Verzweiflung, dem Hunger, der Angst und der Not.

Gertrud, ihre Mutter Emma und vier kleinere Geschwister hatten sich im Februar 1945 von einem Dorf etwa 50 Kilometer östlich von Stettin auf den Weg Richtung Westen gemacht. Sie liefen im Treck. Das bedeutete: Sie liefen zusammen mit anderen Flüchtenden, teilten sich Pferdewagen oder Karren und hatten doch nur Platz für das Allernötigste. Ihren Haustürschlüssel hatte Mutter Emma an der Schürze, denn sie wollte ja zurück. Ähnlich wie heute waren zumeist Mütter mit ihren Kindern unterwegs, denn die Alten waren zu schwach, die Väter und großen Brüder kämpften einen sinnlosen Krieg.

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Fünf Tage Wehrmachtssoldat, vier Jahre Kriegsgefangenschaft

Gertruds Vater war als Teil des sogenannten Volkssturms eingezogen worden, mit dem die Wehrmacht in den letzten Kriegsmonaten verstärkt wurde. Ihr ältester Bruder Artur war auch weg. Er hatte im Januar 1945 das wehrfähige Alter erreicht und erhielt im Frühling eine Schnellausbildung zum Dienst an der Waffe. Im April fand er sich dann als 17-Jähriger an der Ostfront wieder – oder besser gesagt: an dem, was davon so kurz vor Berlin noch übrig war. Fünf Tage Wehrmachtssoldat bescherten meinem Vater mehr als vier Jahre sowjetische Kriegsgefangenschaft. Sagt man dazu Schicksal?

Gertrud irrlichterte mit ihrer Mutter und vier jüngeren Geschwistern zunächst bis kurz vor Stralsund. Als der Krieg zu Ende war, kehrten sie wieder um, strandeten aber an der neuen Grenze zu Polen. Diese stand seit Februar 1945 fest, Stalin hatte sie auf der Konferenz von Jalta bei den britischen und amerikanischen Regierungschefs durchgesetzt. Ja, Gerüchte hatten sie darüber gehört, meinte Tante Gertrud später, aber wo hätten sie denn hingesollt? Von daher fanden sich die Sechs auf dem Rückweg von Stralsund an einem Grenzbalken wieder. Nicht viel mehr als ein Steinwurf davon entfernt lag Battinsthal. Bis dorthin hatten sie über mehrere Wochen etwa 380 Kilometer hinter sich gebracht. Weder konnten sie, noch wussten sie weiter.

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Im Schloss kamen die Flüchtlinge unter

Das kleine Battinsthal besteht neben ein paar Wohnhäusern im Wesentlichen aus drei Gebäuden, die zusammen einmal den Kern eines Rittergutes bildeten. Als Kind lernte ich sie als Schloss, Herrenhaus und Kapelle kennen. Die Gutsherren hießen von Schuckmann und waren ein weit verzweigtes Adelsgeschlecht. Zu welchen von Schuckmanns das Rittergut gehörte, ist jedoch nebensächlich, denn sie waren bei Kriegsende auch geflüchtet. Die Särge mit den Leichnamen der Familie wurden alsbald aus der zur Kapelle gehörenden Gruft geworfen. Im Schloss wurden die Flüchtlinge untergebracht, das Herrenhaus nahmen die Russen für sich in Anspruch, und 1950 wurde die Familie schließlich enteignet. Seitdem wurde ihr Name totgeschwiegen.

Lange dienten die Zimmer des kleinen Schlosses den Flüchtlingen als Wohnraum, mehrere Familien teilten sich einen Raum und mehrere Menschen ein Bett oder sie schliefen auf dem Stroh. Es war beengt, und es gab wenig bis nichts zu essen, waschen konnte man sich auch nur notdürftig. Und zu allem Überfluss fanden die Russen die Flüchtlinge hier doch. Abends seien sie manchmal gekommen und hätten sich genommen, was sie meinten zu brauchen, hat mir Tante Gertrud viele Jahre später anvertraut. Ich habe mich nicht getraut zu fragen, ob sie auch geholt wurde. Sie war bestimmt ein hübsches Mädchen. Im August 1945 wurde sie 16 Jahre alt.

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Der Vater aus dem Krieg, lebte aber nur noch zwei Monate

Zu Weihnachten kam endlich der Vater nach Hause. Was für eine gute Nachricht! Doch er war so erschöpft und krank von der Schinderei in den sibirischen Lagern, dass seine Kräfte schon im Februar versiegten. Und im Jahr darauf raffte es schließlich den Jüngsten hin, vermutlich starb er an Tuberkulose. Ein Krieg kann aufhören, doch der Mangel an Essen und medizinischer Versorgung besteht für die Betroffenen meist noch lange fort. Die in Battinsthal gestrandeten Flüchtlinge waren und sind hier keine Ausnahme. Außer dem Schloss wurde auch die Kapelle weiterhin genutzt oder zumindest die dazugehörende Gruft.

Auch in den 80ern noch noch ohne warmes Wasser und mit Plumpsklo

Die Kapelle war Mitte des 19. Jahrhunderts einst von den adligen Gutsbesitzern gebaut worden. Wer das im Park versteckte Schmuckstück kennt, der weiß, dass es frisch renoviert ist und seine bunten, bleiverglasten Fenster bei Sonnenschein das schönste Licht hineinlassen. Welch ein Gegensatz zu der Zeit zwischen Kriegsende und dem Zusammenbruch des Sozialismus, als die Kapelle verfiel und kaum genutzt wurde! Damals wurde als sakraler Raum nur die unter der Kapelle liegende Gruft genutzt, die kalt, dunkel und muffig war.

In den 1980er-Jahren, als ich Kind war, wohnten weder Oma Emma noch Tante Gertrud mehr im Schloss, aber die Verhältnisse blieben bescheiden. Sie lebten nun in einem nicht isolierten Haus, das vor dem Krieg für polnische Erntehelfer als Unterkunft gebaut worden war und nun trotz mangelnder Infrastruktur weiter genutzt wurde. Oma bezog hier zwei Zimmer. Eines diente als Stube und Schlafzimmer zugleich und das andere als Küche. Sie hatte Strom und kaltes Wasser aus der Leitung, aber eine Toilette gab es nicht. Ein paar Meter vor dem Haus befand sich ein Plumpsklo.

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Oma hatte schon lange mit dem Leben abgeschlossen

Tante Gertrud, die oben drüber wohnte, hatte es demgegenüber nahezu luxuriös, denn hier gab es mehrere Zimmer, warmes Wasser und auch ein „Wasserklosett“, wie man sagte. Ich war gerne in Tante Gertruds Nähe. Sie hatte immer ein aufmunterndes Wort und ein liebevolles Lächeln für mich, und außerdem gab es in ihrer warmen Küche manchmal einen Stift, um ein Bild zu malen, und einen Keks oder eine Waffel dazu.

Unten bei Oma war es zumeist still, denn sie lebte in einer Welt, die mir verschlossen blieb. Sie war nicht abweisend, sondern in sich gekehrt. Sie hatte schon lange mit dem Leben abgeschlossen und beklagte, dass Gott sie vergessen hatte. Diese Vorstellung hat es sie im Laufe der Zeit mit ihrem Glauben vereinbaren lassen, die Dinge als 86-jährige Frau selbst in die Hände zu nehmen und nicht länger zu warten. Wie lange sie wohl schon gelitten haben mag? Seit der Flucht und dem Verlust von allem, was sie einst hatte, inklusive Mann und Sohn?

Flucht und Vertreibung sind nie aufgearbeitet worden

Das Trauma von Flucht und Vertreibung ist mit den betroffenen Frauen nie aufgearbeitet worden, es gab keinen Arzt für diese Art von seelischem Leiden. Die Flucht und die unmittelbare Nachkriegszeit haben nicht nur meine Familie sehr geprägt. 1950 lebten acht Millionen deutsche Flüchtlinge oder Vertriebene in der Bundesrepublik und vier Millionen in der DDR. Glücklicherweise ist diese Zeit vorbei und auch in Battinsthal gibt es keine Spuren mehr von den damaligen Flüchtlingen. Nur schade, dass Flüchtlinge heute wieder ein großes Thema sind.

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